Full text: Hessenland (30.1916)

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gungen versetzte. Eine Kindesseele ist ein so feines 
Instrument. Man soll den Frühlingswinden und 
den Stürmen erlauben, darüber zu streichen. Es 
ist wie bei einer Äolsharfe — nicht alle Menschen 
bringen den rechten Sinn in die Melodien, die dann 
erklingen, und das ist das Betrübende dabei — 
aber das liegt eben an den Menschen. 
Eine merkwürdige Kirche war es, in die wir 
gingen. Gewiß entsprach sie nicht dem künstlerischen 
Ideal. Denn sie sah eigentlich aus wie eine Henne, 
der man die Schwanzfedern ausgerupft hat. In 
Kriegszeiten war der einst stolze Bau zertrümmert, 
nur das Schiff war geblieben. In armer Zeit 
hatte man einfach Mauern um diesen Trumm ge 
zogen und das Ganze unter Dach und Fach ge- 
bracht. Ein viel zu kurzer Turm, noch dazu ein 
Dachreiter, krönte den Bau. Sie lag im Schatten 
alter Bäume, und ein klarer Bach mußte über 
sprungen werden, ehe man diesen grünen Friedhof 
betrat. Kein Steg führte hinüber, nur große, 
blaue Basaltsteine lagen da. Es war eine kleine 
Kunstleistung, hinüberzukommen. 
An der Mauer des alten Baues standen Grab- 
steine mit verwitterter Inschrist. Gelbes Steinmoos 
überzog sie. Immer freute ich mich, wenn ich 
meinen Fuß in die fast muldenförmige Aushöhlung 
der Steinschwelle vor der großen Kirchtür setzte — 
jedesmal stolperte ich ein wenig. Wie viele waren 
schon über diese Schwelle geschritten! Was für 
Gefühle hatten sie beseelt? Damals war es mir 
nicht klar. Jetzt weiß ich, daß es eine ganze 
Skala war — gemeinste Streberei und höchste 
Ehrfurcht — Aberglaube und Sehnsucht nach dem 
Licht, dem ewigen Licht. 
Wenn ich nun dem Vater, dessen Haar schon 
schneeweiß war, nachging, freute ich mich immer, 
wenn der Zugwind — denn es zog immer in dem 
großen Mittelgang — in seinem weißen Haare 
spielte. Stolz ausgerichtet ging er die Stufen zu 
unserem seitwärts gelegenen Stand hinauf. Dann 
schob er die Gitter zu und schaute in seinen Hut. 
Ganz Ml und nachdenkend. Manchmal huschte 
auch ein leises Lächeln über sein Gesicht — ich 
vergaß das nie — und dann fetzten wir uns auf 
die alten, braunen Holzbänke. Das Alter hatte 
sie so braun gemacht. Es war eine beruhigende 
braune Farbe. 
Viel Namen, mit einem Federmesser eingeritzt 
oder mit Blei gemalt, waren an den Leisten der 
verschiebbaren Holzgitter und auf dem schmalen 
Pult zu lesen. Einmal habe ich auch den Namen 
meiner Mutter entdeckt und darum einen Kranz von 
Schnörkeln und Blättern. Seit vielen Generationen 
gehörte uns dieser Stand. Und nicht immer haben 
die, die dort saßen und deren Seelen himmelan 
fliegen wollten, sich an dem Faden gehalten, den 
der Pfarrer auf der Kanzel spann und den er 
unten auf der Erde festband, um ihn an den 
Hörnem des Altars oben im goldenen Jerusalem 
festzuschlingen. Aber war das ein Schade, ein 
Unglück? Meine Lehrmeister und Prediger, die 
meine Seele bewegten und stimmten, wünsche ich 
jedem Kinde. Keiner war zudringlich lehrhaft, 
und keiner predigte uns Gründe der Moral — 
mehr solche der Natur, und alle fanden einen 
Widerhall in meinem kleinen, ftohen Herzen. Da 
war die ehrfurchtgebietende Erscheinung des Alten, 
der vor dem schlichten Altar stand, mit erhobenen 
Händen Segen spendend. Da waren die knieenden 
Ritter aus schimmerndem, weißem Gestein, die 
dort in einer Ecke standen, leuchtende Erinnerungs 
zeichen aus ferner, stolzer Zeit. Da waren der 
Gesang und das Grgelfpiel und dann das Rot 
schwänzchen, das dort ungestört in einer Kreuz 
blume eines Spitzbogens fein Nest baute und un 
bekümmert um die Menschen umherflog und seinen 
Jungen ein paar magere Kirchenfliegen suchte. 
Leicht hätte es wohl Unheil anrichten können wie 
die Schwalbe, die dem Sohne des Tobias ins Auge 
„schmitzete", aber es kam nie so weil. Höchstens 
gab es feine Visitenkarte auf dem Sammetbeschlag 
der Kanzel ab. 
Vielleicht ist mancher entsetzt? Der Alte auf 
der Kanzel war es nicht. Wenn der Vogel auf 
dem Schalldeckel saß und zwitscherte, ihn störte 
das wenig. — 
Wenn die Sonnenstrahlen durch die bunten 
Fenster schossen, wenn die Linden draußen dufteten 
oder rauschten und Menschen drinnen Hosianna 
sangen, dann wurde es mir klar, daß es Weg 
und Steg gibt, die zur Heimat der Seele führen. 
Gb die Kinder, denen lehrhaft beigebracht wird, 
daß Blut von Sünden rein wäscht, ebenso kinder 
selig sein können? 
Und die Kunst im Leben dieser Kinder? — 
Wir hatten einen Tisch mit einer blauen Schiefer 
platte. Es war ein Fest, wenn der Vater einen 
Stift zur Hand nahm und mit wunderbarem 
Schwung ein Giebelhaus darauf zeichnete. Unser 
Haus! Und daneben eine Pappel. Jene Pappel, 
die dort am „Kinderkreuz" stand, an der Land- 
straße, wo ein Bösewicht zwei Kinder erschlagen. 
Und dann eine Linde, wie war sie dick und blätter- 
reich! Darunter war ein Bänkchen, und auf dem 
Bänkchen saß ein Herz, ein richtiges Herz, und 
darunter stand: „Die Liebe allein!" Vater sah 
Mutter an, und sie lachten so vertraut, und wir 
Kinder lachten mit. Warum? Ja, das verstaud 
ich erst nach vielen, vielen Jahren. Damals waren 
es Glücksreflere. Gottlob, daß mir damals eine
	        

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