Full text: Hessenland (30.1916)

sind. Armes Mädchen, wie wund mag's in deinem 
Innern aussehen. 
Oberleutnant D. bat mich, wegen der Bevölkerung 
die Türen zu verrammeln. Ich schließe nicht ab. 
Und auch meinen Dolch lasse ich trotz seiner Bitte 
in meinem Stiefel stecken. Es sind sicher gute, 
feine Leute, doch weidwund wie arme Tiere. 
Der Morgen des 14. März ist so schön wie der 
vorhergehende Tag. Ich habe bis 1/2 9 Uhr in 
den Federn gelegen. An einen Abmarsch an die 
Front ist noch nicht zu denken, wir werden immer 
noch in Reserve gehalten. Wieder gilt dieser schöne 
Morgen der schönen Stadt mit ihren herrlichen 
Anlagen. Ich bummele an der Schelde entlang. 
Die Dampfer Pfeifen, und die Ketten der Brücken, 
die durch sie gehoben und gesenkt werden, rasseln 
ohn' Unterlaß. Rechts biegt die Hauptstraße zum 
Bahnhof ab, der ich folge. Wahrlich, trotz des 
Krieges, der hier so nahe bei der Stadt tobt, wird 
hier ein Kleiderluxus getrieben, der mich in Er 
staunen setzt. Bis zum Knie geschlitzte Röcke, Lack 
schuh, elegante Hüte. — Die Kämpfe, die hier im 
August vorigen Jahres ausgesuchten sind, sind 
längst vergessen. 
Aber in stärkerem Maße findet man neben diesem 
Luxus die bittere Armut oder besser den Straßen 
bettel. Solche Zustände sind in unserm alten 
Vaterlande völlig undenkbar. An jeder Straßen 
ecke betteln einen verkommene Kinder, die Ziga 
rette im Munde, um Geld und Zigaretten an. 
Oft waren sie zu viert im Alter von 6 bis her 
unter zu einem Jahre, und immer umlagerten sie 
gerade die deutschen Soldaten, die, wie ich, leider 
nur zu oft von ihren wenigen Pfennigen abgeben. 
Ich habe mich erkundigt, der Bettel soll im Frieden 
wie im Krieg gleich sein. 
Am selben Tage erreichte mich abends noch eine 
wichtige Nachricht: wir sollten am nächsten Tage 
nach St. Amand in Frankreich, südwestlich Lille, 
aufbrechen. 
Um 10 Uhr sagen wir Tournai Lebewohl. Wir 
fahren durch ein weites Flachland. Auf den Äckern 
zieht der Pflug schon wieder seine Linien, alles 
ist wieder bestellt, und das Bild des Krieges, der 
hier hart getobt hat, wie uns die einzelnen deut 
schen und französischen Schützengräben noch zeigen, 
ist fast gänzlich verwischt. 
Gegen Mittag kamen wir in Lille an. Wir 
wurden mit Gerstensuppe und jungen Erbsen gut 
verpflegt, und dann ging's hinein in das sehnlichst 
erwartete Lille. 
Wahrlich, hier bot sich uns das wahre Gesicht 
des Krieges. Ganze Stadtviertel und Straßenzüge 
lagen in Trümmer. Gleich zur Rechten des Nord 
bahnhofs sah man nichts wie Berge von Steinen, 
aus denen die eisernen Träger herausragten, aber 
aus diesem Schutt erhob sich unversehrt die herr 
liche große gotische Kirche. — Wir machten ge 
schlossen einen mehrstündigen Rundgang durch die 
Stadt. Dieses 300000 Einwohner zählende Nest 
hat uns sehr enttäuscht, in einem häßlicheren und 
geschmackloseren Baustil, sofern man von einem 
solchen überhaupt reden kann, konnte es nicht ge 
baut werden. 
Lille ist sehr stark entvölkert, und die Bevölkerung, 
die zurückgeblieben ist, gehört den ärmeren Klassen 
an, oder es sind Weiber, die in den auffälligsten 
Seidenkleidern mit geschminkten Gesichtern in den 
Straßen herumlaufen. 
Wir sind an der Universität, einem geschmack 
losen Backsteinkasten, am Pasteur-Denkmal, an der 
in der Sonne glitzernden vergoldeten Jeanne d'Arc, 
die man auf einen sehr häßlichen Platz gestellt hat, 
an der prächtigen „Porte de Paris" vorbeigelaufen, 
wirklichen Eindruck hat nichts auf uns gemacht, 
sofern es nicht die Porte de Paris wäre. Tournai 
ist uns allen entschieden lieber gewesen. Wir sind 
nicht böse, als wir wieder im Zuge sitzen und un 
serm Ziele St. Amand näher kommen. Es ist nur 
eine kurze Reise. Dann ging's gleich in unser 
Quartier, ein katholisches geistliches Mädchen 
seminar, wo uns unsere Quartiermacher bereits iu 
den Sälen auf dem Fußboden Strohlager her 
gerichtet hatten. 
Vor unserm Schlafengehen galt unser erster 
Gang diesem 14 000 Einwohner zählenden Schmutz- 
nest, aber es verlohnt sich wirklich nicht, den 
Ort zu beschreiben. Es reiht sich ein armseliger, 
schmutziger Backsteinkasten an den andern, aber aus 
diesem Elend erhebt sich stolz der prächtige „Turm", 
der natürlich vom Klerus gebaut worden ist. — 
Und schmutzig wie die Häuser sind diese aufsässigen 
und unverschämten Bewohner, die sich trotz Krieg 
nicht unterkriegen lassen. Hier muß man der Bande 
immer noch ab und zu mit dem Revolver unter 
der Nase herumfuchteln, damit sie pariert. Als 
wir ihnen abends mehrere Eimer unseres guten 
Essens anbieten, gibt es hier doch fast nichts mehr 
und das wenige zu unerschwinglichen Preisen, da 
weisen die keifenden Männer und Weiber es zu 
rück: „Wir haben es nicht nötig, von deutschen 
Soldaten etwas anzunehmen", trotzdem der Hun 
ger aus ihren Augen schaut. Wir haben es den 
hungernden Kindern gegeben, die sich freuten, 
etwas Warmes zu bekommen. Immer höhnisch 
trotz Not und unserer Güte! 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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