Full text: Hessenland (30.1916)

SE- 98 sE. 
„Die schönen Straßen und Parks sind hier so 
öde, als wären die Einwohner unter- öder über 
irdischer Gattung. Ich ging heute selbst dreimal 
durch die angenehm gelegene Bellevuestraße, an 
deren Ende der Palast des Fürsten steht, wo also 
noch am meisten Verkehr sein sollte. Aber ich 
zählte kaum zwei lebendige Wesen, die mir ent 
gegenkamen. Es sei indessen nicht gesagt, daß 
Kassel keinen gesellschaftlichen Verkehr, keine aus 
gezeichneten Köpfe oder interessanten Menschen habe. 
Nein, bei weitem nicht! Mer in den Zirkeln, sie 
mögen groß oder klein sein, weht einen mitten im 
Frühjahr unter den blühendsten Blumen eine kalte 
Herbstluft an, die besonders auf ein fühlendes 
Herz wie die Berührung auf eine Sensitive wirkt: 
man fühlt, daß dieser Eishauch über alle Glieder, 
je näher sie dem Haupte sind, sich verbreitet, und 
daß die Herzlichkeit sozusagen vermieden wird, um 
nicht mit der kalten Klugheit in Hader zu kommen. 
„Was die Künstler und Gelehrten betrifft, die 
nach der Maßgabe, wie sie an einem Orte geschätzt 
und gehoben werden, die Gesellschaft gleich den 
schönen Mädchen mit ihren Talenten beleben, so 
scheinen sie hier in gar zu großer Entfernung von 
der schönen Welt zu leben. Diese ist sich selbst 
genug, denn sie weiß noch außer den Stadtneuig 
keiten von einem Theater, einem Modejournal zu 
sprechen, und jene fühlen sich nirgends besser als 
bei ihrem Schreibtische, in ihrer Bibliothek oder 
in ihren Werkstätten. Freilich sollten die schönen 
Herren und Damen am Ende des achzehnten Jahr 
hunderts begreifen, wieviel sie selbst durch ihre 
Nachlässigkeit gegen verdienstvolle Menschen, denen 
drei Buchstaben fehlen, um von ihnen mit offenen 
Armen in ihre Zirkel aufgenommen zu werden, 
verlieren. Dann würden die Gelehrten und Künst 
ler auch bald über den Vorteil nachdenken, der 
ihnen zur Verbreitung ihrer Kenntnisse durch den 
freien Zutritt in den Zirkeln der feinen Welt an 
geboten ioird. Dann würden auch diese von ihrer 
Seite den oft absichtlich affektierten Egoismus ab 
legen und überhaupt in der Klage über den Stolz 
der höheren Stände nicht oft selbst den größten 
Stolz zeigen." 
Trotzdem läßt es sich in Kassel leben, nament 
lich dann, wenn man einen- friedlichen Sonntag 
morgen auf der Terrasse des Verdeletschen „Grand 
Cafa" am Friedrichsplatz verträumt, „einem der 
schönsten Kaffeehäuser Teutschlands", wie das „Neue 
graue Ungeheuer" ergänzt, das ein bequemes Zu 
schauen bei der allwöchentlichen Parade und einen 
weiten Blick über die „wahrhaft italiänische" Um 
gebung der Stadt ermöglicht. Entzückt notiert denn 
auch der Berichterstatter des „Journals des Luxus 
und der Moden" am 28. August 1797 zwischen acht 
und neun Uhr früh: 
„Ist es gleich nicht Lloyds Kaffeehaus, mein 
Freund, von dem ich jetzt her datiere, so ist doch 
dieser Grand Cafs für Kassel (besonders des Sonn 
tags) und für den Beobachter immer noch ein 
interessanter und bemerkungsreicher Ort. Seine 
Lage und innere Beschaffenheit tragen nicht wenig 
dazu bei. Das Haus liegt am Paradeplatz und ist 
fast ganz mit einer Plattform gedeckt, von der man 
mit Gemächlichkeit auf einer Seite die Stadt und 
das fürstliche Schloß, auf der anderen den Lauf 
der Fulde, die Orangerie, den Park und in weitem 
Horizont eine unzählige Menge Dorfschaften, ja 
selbst die Gebirge bis zum Meißner überschauen 
kann. Hier findet man stündlich eine Versammlung 
von allerlei Reisenden. Denn der Herr des Hauses 
trägt alles zu ihrer Bequemlichkeit bei. Ihm ver 
danke ich auch den angenehmen Platz auf der Platt 
form seines Hauses, von der ich jetzt über die sämt 
liche Kasselsche Garnison throne, die, wie es scheint, 
mehr als ich, der ich unter dem Schatten der 
Kastanienbäume sitze und mit meinem Freund 
plaudere, von der langen Weile geplagt wird. Die 
Garnison kommt nämlich hier unter meinen Füßen 
auf dem Paradeplatz zwischen acht und neun jeden 
Sonntagmorgen in friedlichem Aufzug zusammen. 
Man macht Front, bis die Glocke den Abmarsch 
zur Kirche bestimmt. Ist die Mannschaft dort 
angelangt, so müssen die Offiziers vor der Kirch- 
türe stehen bleiben, um dem Hirten die treuen 
und untreuen Schafe zuzutreiben. Die Ordre des 
Fürsten sagt, sie sollen hierauf ihren Untergebenen 
folgen; aber die meisten glauben, die gemeinen 
und subordinierten Seelen brauchten auch die geist 
liche Zuchtrute mehr als die Herren Obern, und 
schleichen dann ganz leise neben der Kirchtüre weg, 
um sich in diesem Kaffeehause bis zur wirklichen 
Parade, die nach dem Ausgang der Kirchen angeht, 
mit weniger Geistesmarter zu unterhalten. Ob 
durch diesen Kirchenzwang bei den Gemeinen viel 
im Fache der Religiosität gewonnen wird, überläßt 
man billig dem näheren Beobachter. Ganz häß 
lich hörte ich vor kurzem bei einer ähnlichen Ge 
legenheit mit einem Seufzer sagen: „Ach, wenn 
unser Herr Jesus noch bei uns wäre, so könnt' 
er sich nicht herzlicher freuen als wenn er hörte, 
wir fingen an, weniger christlich zu sein!" 
„Der Landgraf erscheint gewöhnlich auf der 
späten Parade; er kommt von dem Weißenstein*) 
mehr geflogen als gefahren, steigt auf dem Parade 
platz ab und empfängt in wenig Minuten jedesmal 
eine so unzählige Menge von Bittschriften, For- 
*) Seil. von der Wilhelmshöhe.
	        

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