Full text: Hessenland (29.1915)

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Nur von Schell 10 ) kann ich Ihnen sagen, daß es 
ihm so schlimm nicht geht, als Sie sich's vielleicht 
'0) F. I. Schell, Gymnasial- und Religionslehrer, 
früher katholischer Geistlicher in Fulda, war zum deutsch 
katholischen Bekenntnis übergetreten. Siehe: Stilleben II., 
284 ff. 
Wir haben uns an den Krieg gewöhnt. Und 
lvährend mit beispielloser Hartnäckigkeit blutig um 
die Entscheidung gerungen wird, finden wir durch 
aus nichts Besonderes darin, daß dem Leben 
daheim die Würze der Kunst nicht fehlt, daß wir 
Theater, Konzerte und Ausstellungen haben, ganz 
wie im Frieden. Als der Krieg ausbrach, erschien 
das alles durchaus nicht so selbstverständlich, trotz 
aller Siegeszuversicht. Man hatte das Gefühl, 
das unerhörte, riesengroße Ereignis werde nun 
das Dasein einseitig und ausschließlich beherrschen 
und keine Teilnahme mehr dulden für all' die 
Dinge, die scheinbar zum Luxus, zum entbehr 
lichen Schmuck des Daseins gehören. Es war eine 
Täuschung. Die vermeintlich überflüssigen Dinge 
haben rasch ihre Unentbehrlichkeit erwiesen. Das 
ideelle Interesse der Öffentlichkeit an künstlerischen 
Werten wach zu erhalten, bot keine Schwierig 
keiten. Mer leider läßt sich in dieser unvoll 
kommensten aller Welten Ideelles und Materielles 
nun einmal nicht völlig trennen. Und wenn es 
bald keine Frage mehr sein konnte, daß die Kunst 
fortfahren müsse, unser Leben zu begleiten und zu 
durchdringen, so erhob sich doch allenthalben die 
andere Frage, wie man die Künstler — insbesondere 
die bildenden Künstler — vor Not schützen könne. 
Nicht eine Kunstfrage, aber eine Künstler-Frage 
war da und sie mußte in ganz Deutschland gelöst 
werden, so gut wie die allgemeine Brotfrage. 
Für Kassel und Kurhessen hat der Kunstverein, 
an dessen Spitze der Direktor der Königl. Gemälde 
galerie Dr. Gronau steht, die schwierige Aufgabe, die 
die Zeit stellte, mit Geschick und Energie angegriffen. 
Seiner Mobilmachung für die Künstler kam es zu 
statten, daß er dank dem guten Ergebnis seiner 
großen deutschen Ausstellung im Jubiläumsjahre 
der Stadt finanziell gerüstet war. Seit Kriegs 
beginn hat der Kunstverein keine Unterbrechung iu 
seinem planmäßigen Ankauf von Kunstwerken ein 
treten lassen; er verzichtet zu Gunsten der Aussteller 
auf die üblichen Anteile von den erzielten Verkaufs- 
summeu, er erläßt dem Publikum die Eintrittsgelder 
und ist unablässig und erfolgreich bemüht, Käufer 
zu werben. Nach jeder Ausstellung konnte der 
Vorstand bisher in den Tagesblättern Bilder 
denkeu. Beim Obergericht hat er den Prozeß wegen 
seines Gehaltes gewonnen, aber der Staatsanwalt 
hat appelirt. Am Rhein steht Schell iu großer 
Achtung und muß sich nach allem was ich brieflich 
höre, in seinen Leistungen sehr gehoben haben. 
erwerbungen bekanntgeben, und vor einigen Tagen 
erst hat die Stadt Kassel für ihre künftige moderne 
Galerie eine hervorragende neue Arbeit von Wil 
helm Thielmann — „Oberhessisches Mädchen iu 
Abendmahlstracht" — angekauft. Um seine Kräfte 
nicht zu zersplittern, hat der Verein nicht versucht, 
in die Weite zu ivirken. Sein Kriegsprogramm 
hat sich bisher begnügt, ausschließlich der Kunst 
der engeren Heimat zu dienen. Wohl nie hat es 
eine so ausgedehnte und ununterbrochene Folge 
hessischer Ausstellungen gegeben wie iu dieser Zeit. 
Die Ausstellungen rasch zu wechseln, erwies sich 
als notwendig, um bei den beschränkten Raum 
verhältnissen allen die Möglichkeit zu geben, ihre 
Arbeiten zu zeigen. Daß die Ansprüche an Qualität 
nicht durchweg die gleichen sind, wie unter nor 
malen Verhältnissen, erscheint begreiflich. Die Zu 
lassung zu den Ausstellungen bedeutet kein Urteil 
über die Güte der Werke, noch weniger ein An 
erkenntnis. Es konnte nicht ausbleiben, daß wieder 
holt auch solche Leistungen vertreten waren, die 
mehr für die Menschenfreundlichkeit der Kunst 
vereinsleitung, als für das Können und die Be 
gabung der Aussteller zeugten. Aber sieht man 
davon ab, so sind in diesen Kriegsmonaten viele, 
viele erfreuliche und manchmal auch überraschende 
Eindrücke von heimischer künstlerischer Arbeit ver 
mittelt worden. Wollte inan auf Einzelheiten ein 
gehen — es würde eine endlos lange Liste von 
Namen und Werken geben. Es würden mit be 
achtenswerten Arbeiten anzuführen sein all' die 
wohlbekannten Landschafter und Porträtmaler, die 
die beiden Hessen-Gruppen umschließen; 
es würden sich anreihen die zahlreicheil Mitglieder 
der Vereinigung der Künstlerinnen 
Hessen-Nassaus und dann eine nicht geringe 
Zahl von Malern, die außerhalb der Vereini 
gungen stehen. Sehr interessant war im Februar 
eine von jüngeren Künstlern der Akademie 
beschickte Ausstellung. Sie ließ gaiiz bestimmte 
Schlüsse zu auf den Geist, der mit Professor Olde 
in der Kasseler Königl. Kunstakademie herrschend 
geworden ist. „Akademisch" (mit dem üblen Neben 
sinn, den dieses Wort allmählich bekommen hat) 
ist dieser Geist danach ganz gewiß nicht; denn er 
Das hessische Kunslleben während des Krieges. 
Von Ernst Zöllner, Kassel.
	        

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