Full text: Hessenland (29.1915)

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Vom Geburtshaus des neuen Kriegsministers. 
Das in vielen sich übereinander vorschiebenden 
Stockwerken aufgetürmte Geburtshaus des jetzigen 
Kriegsministers Adolf Wild von Hohenborn in der 
Kasseler Marktgasse (21), in dem sich fast zwei 
Jahrhunderte lang (1688—1886) die Apotheke zur 
goldenen Sonne befand, hat mancherlei Denk 
würdiges erlebt. Von 1778 bis 1885 war sie im 
Besitz der aus Bern eingewanderten Familie Wild 
(vgl. „Hessenland" 1913, Seite 59, wo sich auch 
eine Abbildung des Hauses findet). Die Wildsche 
Familie pflegte namentlich zur Zeit der west 
fälischen Fremdherrschaft rege geistige Beziehungen 
zu den Gelehrten- und Künstlerkreisen des da 
maligen Kassel. Besonders stark war aber der 
freundnachbarliche Verkehr mit der Familie der 
Gebrüder Grimm, die 1805 bis 1814 das nahe 
Eckhaus an der Wildemannsgasse bewohnte, und 
am 15. Mai 1825 schloß ja auch Wilhelm Grimm 
eine glückliche Ehe mit Dorothea Wild, die 1795 
als fünfte der sechs Töchter des aus Bern stam 
menden, 1814 verstorbenen Apothekers Rudolf Wild 
und dessen Gattin Dorothea Huber, einer Enkelin 
des berühmten Göttinger Philologen Gesner, ge 
boren war. Dieser Ehe entstammte der 1828 zu 
Kassel geborene und 1901 in Berlin verstorbene 
Kunsthistoriker Herman Grimm, der Schwieger 
sohn Achim von Arnims und Bettinas. Dorothea 
Grimm, geb. Wild, starb 1867; der einzige, 1849 
verstorbene Bruder Rudolf erhielt die Apotheke, 
und von diesem erbte sie sein Sohn, der Medizinal 
assessor Johann Rudolf Wild, der Vater des Kriegs 
ministers. 
Adolf Wild von Hohenborn ist also, wie sein 
Vetter, der Kasseler Sanitätsrat Dr. Karl von Wild, 
ein Großneffe Wilhelm Grimms, und sein Geburts 
haus kann als das zweite Kasseler Märchenhaus 
bezeichnet werden. Die regen Beziehungen zwischen 
den Familien Grimm und Wild wurden schon er 
wähnt; hier waren es sechs Schwestern und ein 
Bruder, dort fünf Brüder und die Schwester Lotte; 
sie war etwa gleichaltrig mit Dorothea Wild, die 
im Grimmschen Hause wie eine Schwester geliebt 
und behandelt wurde. So strickte sie für den Maler 
Ludwig Grimm, den jüngsten der Brüder, wie wir 
aus den Jugendbriefen der Grimms erfahren, mit 
ihrer Schwester Gretchen eifrig Socken, als dieser 
1814 mit in den „heiligen Krieg" gegen Frank 
reich zog. 
Es waren aber nicht nur nachbarliche Bezie 
hungen, die zwischen diesen beiden alten Patrizier- 
Häusern walteten. Es ist eine weitverbreitete An 
sicht, daß die Brüder sämtliche Märchen, an denen 
sie dreizehn Jahre hindurch aus den verschiedensten 
Quellen gesammelt hatten, Dorothea Viehmann, 
jener helläugigen „Märchenfrau"aus Niederzwehren 
verdanken, deren Relief von Karl Hassenpflug nach 
der prächtigen Radierung Ludwig Grimms (Ab 
bildung im „Hessenland" 1908, Seite 206) heute 
das Grimmhaus ziert. Diese hat aber nur die 
schönsten Märchen des zweiten Bandes beigesteuert. 
Lange bevor Dorothea Wild Wilhelm Grimm hei 
ratete, hat sie diesem als junges Mädchen ein 
Dutzend der schönsten Märchen des ersten Bandes 
erzählt*); aber auch einige des zweiten stammen 
von ihr, so der Abschluß des „König Drosselbart" 
und das wundervolle Märchen von den Stern 
talern. Im Wildschen Garten vor der Stadt hat 
die junge Apothekerstochter ihrem späteren Gatten 
das „Tischlein deck' dich", die „Frau Holle", 
„Hänsel und Gretel", „Allerleirauh" und manches 
andere der uns wohl vertrauten Märchen erzählt. 
Aber nicht nur sie. Von ihrer älteren, früh ver 
storbenen Schwester Gretchen, einem anmutigen 
zarten Mädchen mit feingekräuseltem Haar, hörten 
die Brüder die Märchen vom „Marienkind", vom 
„gestohlenen Heller", vom „Dümmling" und inan 
ches andere. Die schönsten Märchen des ersten 
Bandes stammen aus der Apotheke „Zur güldenen 
Sonne". In diesem geräumigen Haus mit seinem 
Gewirr von Treppen und Gängen und Anbauten 
hauste über der Wildschen Kinderstube die „alte 
Marie", eine rechtschaffene Wittib, deren Mann im 
Kriege gefallen war. Sie hat für den ersten Band 
der Märchen das bedeutet, was die Frau Vieh 
männin für den zweiten bedeutete. Von ihr werden 
auch die Wildschen Schwestern ihren Märchen 
reichtum empfangen haben. „Dornröschen", „Rot 
käppchen", „Brüderchen und Schwesterchen" und 
eine ganze Reihe der schönsten anderen Märchen 
des ersten Bandes wurden den Brüdern von der 
alten Marie in der Wildschen Apotheke erzählt, 
die sie dann getreu Zug um Zug dem deutschen 
Volke wiedergaben, wenn auch in der klassischen 
Form, die nur sie diesem kostbaren deutschen Edel 
gestein zu geben vermochten. 
Märchenhaus und rauhes Kriegshandwerk — es 
gibt keine Gegensätze, die die Wirklichkeit nicht zu 
einen vermöchte. 
*) Herman Grimm, Beiträge zur deutschen 
Kulturgeschichte. Berlin 1897, Seite 235. 
Heidelbach.
	        

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