Full text: Hessenland (29.1915)

gewinnen durch nähere Bekanntschaft. Doch möchte 
ich sagen, die Seckend. mehr als die Br. Die ist 
etwas empfindlich u. förmlich. Die S. hat eher 
etwas Unbefangnes u. Großartiges im Aufnehmen 
und Sichgeben. Sie spricht noch immer gern von 
D. (Dingelstedts und nimmt Antheil an ihm. Für 
sie war es ganz spaßhaft, was Gutzkow in seinen 
pariser Briefen von D. u. den fulder Stiftsdamen 
fallen läßt, und was die Brühl in eine kleine Angst 
setzte. 
Wir wollen sehen, ob der Ausfall der stiftischen 
Geselligkeit ersetzt wird durch ein Unternehmen, 
das von dem jungen Henkel (Heinrich) von Da- 
rapsky u. mir ins Leben gerufen wird, — eine 
14 tägige Zusammenkunft nämlich, in welcher 
zwischen Thee und kaltem Nachtessen musizirt, ge 
sungen, declamirt, vorgelesen und dann u. wann 
eine dramatische Scene aufgeführt werden soll. 
Nächsten Donnerstag kommen wir zum erstenmal 
zusammen, (im Saal des Kurfürsten) und geben 
Proben von Allem. Ich lese eine kleine Novelle, 
die ich eben geschrieben, — Liebe a u f der 
Eisenbahn. Das kleine halb scherzhafte Er 
eigniß begibt sich auf der Bahn zwischen Aachen 
u. Cöln. Ich werde die Erzählung dann zum 
Morgenblatt oder zur Europa geben. — Welche 
Blätter kommen Ihnen denn in Bromberg zu 
Gesicht? — 
Meine „Waldenser" sind Ihnen um deßwillen 
noch nicht zugegangen, weil Brockhaus die neue 
Novelle — „Regina" — beifügen soll, die von 
ihm — ich weiß nicht warum, noch nicht versandt 
worden ist. 
Wir haben auch Theater hier, nichts besonders 
jedoch und ich selbst war noch nicht ein einzig 
Mal darin. Ich lese lieber bei der stillen Lampe 
etwas von dem Vielen, was es zu lesen gibt. 
Neues von hier wüßte ich Ihnen nicht zu melden. 
In der Stadt und im Kreis Ihrer Freunde hat 
sich nichts begeben. 
Meine Frau läßt diesmal nur durch mich Grüße 
und herzliche Versicherungen bestellen. Sie und 
die beiden Stiftsdamen haben sich nämlich vor 
behalten, später zusammen an Sie zu schreiben. 
Das wird ein dreihändiges Spiel werden. 
Die Bitte, daß Sie unserer freundlich gedenken 
möchten, ist wohl überflüssig: Wir halten an der 
freudigen Überzeugung fest, daß wir einander mit 
inniger Liebe und Freundschaft zugethan bleiben. 
H. Koenig. 
Fulda d. 20 März 1843. 
Empfangen Sie diesen Brief wie eine Frühlings 
lerche, die aus unsern steinigen Gefilden nach 
Bromberg geflogen kömmt, meine liebenswürdige 
Freundin! . . . Lassen Sie sich zweierlei sagen: 
erstens daß wir den Winter durchaus wohl uud 
leidlich vergnügt überstanden haben, und zweitens, 
daß wir nicht zweifeln, es sei Ihnen mit Ihren, 
lieben Kinder wenigstens ebenso gut gegangen. 
Unsern kleinen Kreis kennen Sie: er hat sich 
nicht erweitert. Wir hatten einen ständigen Wochen 
tag, an dem wir Sie oft vermißten und durch 
Erinnerung an Sie auch Ihre lebendige Gegen 
wart doch nicht ersetzen konnten. Es war der 
Dienstag. Meine Frau nahm mit Fr. v. Secken 
dorfs englische Stunde an diesem Tag Abends 4 
Uhr, dann blieb die „Kleene", wie nur sie wol 
nannten, die Gräfin B. (Brühls kam dazu, und 
gewöhnlich luden wir noch eine Person oder ein 
Ehepaar dazu. Ein neu hierher gekommener Refe 
rendar Freys und ein O (bers G (erichtss Ass (essors 
Pfeiffer mit Frau, ein liebes junges Paar, zugleich 
auch Cousin und Cousine von 2 Brüdern des als 
Jurist bekannten O. App. Rathes (Burkh. Will). P. 
1777—1852s, waren uns die liebsten außer (Fried 
richs Schenk nebst Frau und Schwiegermutter. 
Jene beiden kassler Herrn waren zugleich tüchtig 
und eifrig bei unserm liter. musikal. Donnerstag. 
Mit diesem Unternehmen haben wir uns viel Ver 
druß von nicht zugezognen Familien und innigen 
Dank von einzelnen zugezognen erworben. Den 
Schluß haben wir mit einem Bällchen und ein 
zelnen Masken gemacht, und mir hatte man die 
Ueberraschung zugedacht, einige Scenen aus meinem 
Trauerspiel „Ottos Bußfahrt" zu geben, und mir 
durch schöne Schlußworte aus dem Munde der 
liebenswürdigen Alma v. Wurmb zu danken. Sie 
brachte auch einen Lorbeerkranz zum Vorschein, 
den ich aber mit einem Handkuß mir vom Kopf 
hielt. Die steifen Blätter hätten mir ja doch nur 
das dünne Haar verwirrt, das ich so sorgfältig 
gekämmt hatte. Nun hat für die Fasten unser 
junger Henkel noch drei Conzerte unternommen. 
Letzten Dienstag was das erste, in welchem be 
sonders das Ave Maria von Schubert sehr gefiel, 
von dem alten Henkel auf dem Schello u. vom 
jungen auf dem Flügel vorgetragen. Ich wunderte 
mich auch nicht, daß man dieses Musikstück so 
faßlich fand, da es ja — zwei Henkel hatte. — 
Da haben Sie ein Pröbchen von den kindischen 
Spässen, in denen Sie mich durch ihr liebens 
würdiges Lachen so verwöhnt haben. 
Meine Bücher sind Ihnen doch wol zugekommen? 
Ueber die Regina habe ich viel Liebes von da u. 
dort gehört, auch ist mir jene kurze Anzeige in 
der Spenerschen Ztg. geschickt worden, deren Sie 
gedenken. Nun will ich an etwas Neues von ein 
wenig größerm Umfang gehen. Den Winter habe 
ich nur ein paar Journal-Kleinigkeiten geschrieben. 
Vielleicht finden Sie in der Ztg. für die eleg. Welt, 
oder in der Leipziger Modenzeitung (eine von 
beiden wird es nächstens bringen) ein Novell- 
chen: „Die Freitags st ündchen" — das 
Ihnen gefallen wird. — 
Unsere Dechantin kehrt im Laufe des April hier 
her zurück. Sie sehnt sich aus Dresden nach Fulda! 
Wie schmeichelhaft für uns! — Im Uebrigen steht 
hier Alles und geht wie sonst. Dronke 6 ) macht 
recht den Gegensatz von unserm theuern Bach: 
6 ) Ernst Frdr. Joh. Dronke (1797—1849), der Nach 
folger Bachs am Fuldaer Gymnasium, Verfasser philolo 
gischer Schriften.
	        

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