Full text: Hessenland (29.1915)

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Unsere Hanauer Grafen waren gut Kaiserlich 
und unterstützten die Kriegsunternehmung Karls V. 
im Jahre 1554 in Nordfrankreich. Graf Rein 
hard, der einzige Bruder des in Hanau resi 
dierenden Grafen Philipp III. (p 1561), schloß sich 
dem Kriegszuge an und führte im August 1554 
dem Kaiser einige Reisige zu. Das Kriegslager 
war damals in der Gegend westlich und südwestlich 
von Lille. Am 24. August ritt Gras Reinhard ins 
Lager, doch schon einige Tage später wurde er 
bei Renty, unweit St. Omer, schwer verwundet, 
eine Kugel zerschmetterte ihm den rechten Schenkel. 
Man brachte den Verwundeten nach Bethune 
(nördlich von Arras), das auch in den fetzigen 
Kämpfen oft genannt worden ist. Die Kunst der 
Ärzte vermochte nicht, den Schwerverwundeten am 
Leben zu erhalten, und, 26 Jahre alt, starb Graf 
Reinhard von Hanau am 11. Oktober. Die feier 
liche Beisetzung der einbalsamierten Leiche, zu der 
ein Verwandter, Graf Ernst von Solms, aus dem 
Lager herüber gekommen war, während der Prinz 
Wilhelm von Oranien sich durch einen Edelmann 
vertreten ließ, geschah zu Bethune. Ein kostbares 
Epitaphium für den Verstorbenen war an einen 
Bildhauer in Brüssel „veraccordiert" worden, doch 
12 Jahre später war es noch nicht vollendet; ob 
es jemals ausgeführt worden, ist unbekannt. Viel 
leicht hält einer unserer Hanauer Krieger, wenn er 
jetzt nach Bethune kommen sollte und Zeit und Lust 
dazu hat, in der dortigen Kirche einmal Umschau 
nach dem Grabstein des alten Hanauer Kriegs 
kameraden. Zum Schlüsse sei ein Brief angefügt, 
den Graf Reinhard auf dem Zuge nach dem 
„westlichen Kriegsschauplatz" aus Köln an seinen 
Bruder, den Grafen Philipp III., nach Hanau ge 
schrieben hat. Ich gebe das in: Staatsarchiv zu 
Marburg aufbewahrte Schreibeil wörtlich, doch meist 
in neuerer Rechtschreibung wieder. Es lautet: 
Mein freundlichen Dienst mit vermögen alles 
Guten zuvor, wohlgeborner freundlicher lieber 
Bruder! Wann es Dir und Deiner Hausfrauen 
wohl ginge, hörete ich es von Herzen gerlr. Ich 
weiß Dir nichts sonders voll nlir zu schreiben, 
dann daß ich bereits mit vier Knechten (Reisige) 
krank bin gewesen, daß ich gesorgt hab, ich muß 
leihen bleiben mit meinen Knechten, aber unser 
Herrgott hat uns geholfen, daß wir wieder fort 
konnten ziehen, Gott gebe lang. Lieber Bruder, 
von neuen Zeitungen weiß ich Dir nichts sollders 
zu schreiben, dann daß die Kaiserl. Majestät und 
der Franzos bei Chateau Camery uff ein Meil 
Wegs bei einander liegen. Es hat auch die Kaiserl. 
Majestät in kurzeil Tagen 5000 Pferd uff einem 
Scharmützel gehabt und haben uff beiden Seiteil 
Schaden, der nit gering ist, erlitten. Man sagt 
auch, das Braunschweigisch Kriegsvolk hab scholl 
Geld vom Kaiser empfangen und werde auch bald 
im Lager ankommen. Man sagt hie zu Köln für 
gewiß, Jorg von Hol sei französisch. Der König 
von Engeland hat dem Kaiser,- seinem Vater, 5000 
Engeländer, in eitel Grün gekleidet, zugeschickt, der 
König hat auch aus Engeland etlich Tausend 
Spanier in des Franzosen Land geschickt, werden 
ihm recht haushalten. Gott gebe Glück uff unserer 
Seiten! Hiemit befehl ich Dich Gott dem All 
mächtigen und grüße mir Dein Hausfrau sehr und 
die anderen alle. Die (Kllechte) Naß, Best, Öster 
reicher, Reitz, Bechtold und Vernickedein sind alle 
frans gewesen mit mir, aber es ist wieder gar gut, 
sie haben großen Wehtum in Hälsen gehabt und 
ich das dreitäglich Fieber. Datum Köln den 
12. Augusti (1554). 
Reinhard, Graf zu Hanau, Herr zu Münzenberg. 
Feldpostbriefe eines Kaffelaners, 
der als leitender Arzt eines Feldlazaretts in Feindesland steht. 
(Fortsetzung.) 
3. 9. Leider kommt der Postempfänger immer 
wieder mit leeren Händen zurück, es ist nichts für 
uns da, das deprimiert doch sehr, aber man muß 
sich darein fügen, wie in so vieles. Überhaupt muß 
man sich an manches gewöhnen. Wir haben ein 
blendendes Eßzimmer mit schweren eichenen Mö 
beln, Ledersessel, dicke und echte Teppiche haben wir 
überall und Parkett. Viel Leben bringt uns das 
Rote Kreuz aus Sedan, das uns Frauen und 
Mädchen zur Hilfe schickt, die aber meistens wenig 
Ahnung haben und mehr stören wie helfen. Ta 
sie außerdem die Franzosen sehr bevorzugen, so 
sähen wir sie lieber gar nicht. Eine wirkliche Hilfe 
sind die drei katholischen Schwestern und zwei 
Damen vom Roten Kreuz, von denen die eine 
ausgerechnet aus Kassel stammt. Ihre Unter 
stützung ist mir sehr wertvoll, da sie perfekt deutsch 
und französisch spricht. Gestern haben wir noch 
tüchtig geschafft, ein Haus leer gemacht und mit 
vierzehn Verwundeten belegt und dann die ziem 
lich zerschossene Kirche ausgeräumt und dort 40 
Lazarettstellen bereitet. Beim Schein der Altar 
kerzen haben wir dort bis 9 Uhr gearbeitet. 
Rührend dankbar und genügsam sind unsere Ver 
wundeten. Unter anderen liegt hier ein fran 
zösischer Offizier mit einem Kopfschuß schon 5 
Tage ohne Besinnung. Um % 10 Uhr kam ich erst 
zum Abendessen, und um 11 Uhr machte ich mit
	        

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