Full text: Hessenland (29.1915)

5rau Geheimrat Sophie Henschel f. 
Ant 5. Februar entschlief zu Kassel im Alter von 
73 Jahren Frau Sophie Henschel, die Witwe 
des Geheimen Kommerzienrats Oskar Henschel, und 
beschloß damit eine segensreiche Tätigkeit, wie sie 
in diesem Umfang nur wenigen Frauen zuteil zu 
werden Pflegt. Die 1810 von Karl Henschel mit 
Hilfe seines Sohnes begründete Lokomotivfabrik ging 
1861 an Oskar Henschel über, durch dessen unermüd 
liche Arbeitskraft das verhältnismäßig kleine Unter 
nehmen zu einer Weltsirma 
von erstem Ruf heran 
wuchs. Als er 1894 aus 
dem Leben schied, hatte 
sein einziger Sohn Karl 
seine Studien noch nicht 
beendet, und so ging die 
Verwaltung des Erbes auf 
die Witwe des Verstorbenen 
Sophie Henschel und die 
langjährigen Mitarbeiter 
ihres Mannes Ingenieur 
Schäffer und Major a. D. 
Gerland über; 1896 trat 
dann der jetzige Besitzer Ge 
heimrat Dr. Karl Henschel 
in die Verwaltung des 
Unternehmens ein und 
wurde 1900 Teilhaber der 
Firma. Weit über Hessens 
Grenzen hinaus bekannt 
sind die Einrichtungen, die 
die Firma zum Wohle 
ihrer Angestellten und Ar 
beiter und deren Ange 
hörigen im Laufe der Jahre 
getroffen hat, und zwar 
unter der ständigen Mit 
wirkung der Frau Ge 
heimrat Sophie Henschel. 
Bereits zu einer Zeit, wo 
noch niemand an staatliche 
Arbeiterfürsorge dachte, 
genoß die Henschelsche Ar 
beiterschaft die Wohlfahrt einer Krankenversicherung 
(1863); hinzu kamen die Wohlfahrtseinrichtungen 
aus dem Gebiet der Invaliden-, Witwen- und Waisen 
versorgung (1866), und schon zeitig wurde auch dem 
Erziehungs- und Schulwesen und der Wohnungs 
frage große Aufmerksamkeit geschenkt. Die Errichtung 
der Beamten-Pensions-, Witwen- und Waisenkasse 
(1899), der von Frau Henschel 1898 begründete 
Rekonvaleszentenfonds, das von ihr 1905 gestiftete 
Fortbildungsschulhaus, die Haushaltungsschule, die 
Kleinkinderschulen.des Kasseler Werkes, das Wohl 
fahrtshausin der Ysenburgstraße, also in einer Gegend, 
in der die meisten Arbeiterwohnhäuser zusammen 
liegen, das Speisehaus für die Arbeiter des Werkes 
Rothenditmold,Hie Badeanstalten und nicht zuletzt die 
zahlreichen Arbeiterwohnhäuser in den verschiedensten 
Teilen der Stadt, das alles sind segensreiche Einrich 
tungen, mit denen auch der Name Sophie Henschels 
dauernd verbunden bleibt. Erst vor wenigen Jahren 
zog sie sich, nachdem sie lange Jahre Alleininhaberin, 
später Mitinhaberin der Firma gewesen war, ganz 
zurück. Aber nicht auf diesen engen und doch so weiten 
Kreis beschränkte sich ihre Fürsorge und Teilnahme. 
Was sie als Wohltäterin der Bedürftigen tat, wird 
niemals in seinem ganzen Umfang bekannt werden. 
Als Stifterin der Heilstätte 
Oberkaufungen hat sie auch 
dieser Anstaltwieähnlicheu 
Stätten der Menschenliebe 
und namentlich dem „Ro 
ten Kreuz" jederzeit ihr 
unermüdliches und immer 
hilfsbereites Interesse ge 
widmet. Länger als ein 
Menschenalter stand sie an 
der Spitze des Vaterländi 
schen Frauenvereins zu 
Kassel und hatte in dieser 
Eigenschaft rege Fühlung 
mit der deutschen Kaiserin, 
die während ihres Wil 
helmshöher Sommerauf 
enthaltes nie verfehlte, die 
alte Dame aufzusuchen. 
Nicht zuletzt hatte Frau 
Geheimrat Henschel eine 
offene Hand und einen ver- 
ständnisvollenBlick für alle 
Aufgaben auf dem Gebiet 
der städtischen Entwicklung 
Kassels, der Volksfürsorge 
und der Kunst; auch hier 
gehen ihre Stiftungen in 
die Millionen. So wird 
ihr Name unvergeßlich mit 
der Geschichte der Stadt 
Kassel verwachsen bleiben, 
der sie auch letztwillig noch 
ein Geschenk von einer 
viertel Million übermachte. — Die Kaiserin über 
sandte Herrn Geh. Kommerzienrat Dr. Henschel 
folgendes Telegramm: 
„Berlin, Schloß Bellevue. 
Beim Heimgang Ihrer verehrten Mutter gedellke 
ich ihrer hervorragenden Verdienste und ihrer großen 
Liebestätigkeit. Eines der ältesten Mitglieder des 
Vorstandes des Vaterländischen Frauenvereins, war 
sie schon von der Kaiserin Augusta aufs wärmste 
anerkannt. In ihr scheidet eine Wohltäterin aus, 
deren Hauptlebenswerk vielen Tapferen in dieser 
gewaltigen Zeit zur Stätte der Genesung wird. 
Ihnen nnd Ihren Geschwistern spreche ich mein 
herzlichstes Beileid aus. Das Andenken der nun 
Vollendeten bleibt in Segen. 
Auguste Viktoria i. R." 
Frau Geheimrat Sophie Henschel.
	        

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