Full text: Hessenland (29.1915)

der Allgemeinheit. Spät, aber noch nicht zu spät 
ist diese Erkenntnis zum Durchbruch gekommen 
und aus ihr heraus eben jenes Gesetz vom 17. Juli 
1907 erstanden. 
Betrachten wir die els Paragraphen des Kasseler 
Ortsstatuts, so erkennen wir in allen das gesunde 
Prinzip, der langsamen Arbeit der Generationen 
nichts von ihrem künstlerischen Trieb zur Ent 
wicklung und Fortbildung zu nehmen, sondern nur 
die Willkürlichkeiten zu beschneiden, die eine unein 
geschränkte Baufreiheit notwendig erzeugen mußte. 
Was aber geschichtliche und künstlerische Bedeutung 
hat, darf durch Neubauten oder bauliche Ände 
rungen in seiner Eigenart nicht beeinträchtigt 
werden. So sind die Kasseler Alt-, Ober- und 
Unterneustadt, weil künstlerisch wie historisch be- 
deutsam, geschützt. Nicht in dem Sinne, daß nun 
für die Neubauten der Stil der alten verlangt 
wird; dieser Neubau kann ganz anders gestaltet 
sein, soll sich aber in den Hauptlinien richtig ein 
fügen, kurz, es muß Rücksicht gegenüber den alten 
Bauten geübt und es müssen künstlerische Be 
ziehungen zu einander bei diesen Bauten gesucht 
werden. Übrigens hat das Ortsstatut als solches 
nicht die Kraft, die alten Bauten vor Vernichtung 
zu schützen; hier müßte ein nach hessischem oder 
oldenburgischem Vorbild zu erlassendes Denkmal 
schutzgesetz eingreifen. § 2 schützt die Kasseler Kirchen 
und von weltlichen Gebäuden die Stadthalle und 
den Messinghof vor entstellenden baulichen Ver 
änderungen und Beeinträchtigung durch die Hin 
gebung. Hier kann später noch recht gut der eine 
oder andere unserer historischen Profanbauten Auf 
nahme finden. Die zweite Schutzzone begrenzt den 
zwischen den alten, eben genannten Stadtteilen unb 
der Karlsau einerseits und dem Habichtswald 
andererseits gelegenen Teil. Aber während in Alt-, 
Ober- und Unterneustadt die Eigenart zu erhalten 
ist und die künstlerischen Verhältnisse der Neu 
bauten angepaßt sein müssen, kann im Westen, im 
Hohenzollern- und Friedhofsviertel nur gute Ge 
staltung verlangt werden, besonders für die Höhen- 
und Umrißlinien, die Dachgestaltung, die Gliede 
rung der Wandflächen und Einfriedigung und 
Bepflanzung der Vorgärten, kurz, es muß auf die 
schöne Lage und Umgebung Rücksicht genommen 
werden. Auch die auf beiden Seiten der Fulda 
und der öffentlichen Bahnkörper im Abstand von 
50 Metern liegenden Flächen sind, als wichtigste 
öffentliche, jedem Auge ausgesetzte Straße, gegen 
Verunstaltung geschützt worden. Unsere Fuldauser 
sind reich an Beispielen und Gegenbeispielen. Daß 
die Stadt selbst hier mit gutem Beispiel voran 
zugehen beginnt, hat sie durch die Errichtung der 
neiien Milchküche gegenüber den Eisbrechern ge- | 
zeigt, die sich sowohl der Fuldagasse aufs günstigste 
eingliedert als auch dem malerischen Uferbild einen 
Teil dessen wiederzugeben sich mühte, was es auf 
der anderen Seite eingebüßt hat. Möge dieser 
unter dem Eindruck der großen Ereignisse vollendete 
Bau, der die Inschrift trägt: 
„1914. 
In großer Zeit bin ich geschaffen, 
Wo deutsche Art und deutsches Schwert 
Sich gegen eine Welt in Waffen 
In blut'gem Kampfe neu bewährt", 
vorbildlich sein für die später noch hier einzuord 
nenden Bauten! 
Die folgenden Paragraphen wollen als weitere 
Zone einzelne Teile der Stadt vor der übermäßigen 
Höhenentwicklung der Gebäude bewahren; dazu 
gehört der größte Teil von Kirchditmold und 
Wahlershausen, das Gelände in der Nähe der 
Karlsau und am Tannenwäldchen sowie einzelne 
Straßen (z. B. Terrasse, Hermann-, Weigel-, 
Ulmenstraße), die ästhetisch zwar nicht einwandfrei 
sind, aber immerhin vornehmen Charakter tragen. 
Hier ist je nach dem Gelände die Zahl der Ge 
schosse vorgeschrieben. Ferner soll in der Wilhelms 
höher Allee in ihrem oberen Teil eine einheitliche 
Bebauung dadurch angestrebt werden, daß auf 
beiden Seiten nur noch gleich hohe Gebäude auf 
geführt werden können. Namentlich ihr oberer 
Abschluß muß sich würdig den dahinter liegenden 
Schöpfungen anpassen, und man wird hoffentlich 
noch einmal dahin kommen, zwischen Parkanlagen 
und Allee einen schlichten, aber monumentalen 
Platz zu errichten; seine Wirkung könnte noch 
durch ein auf den Schöpfer dieser Anlagen, den 
genialen Landgrafen Karl, hinweisendes Denkmal 
nachdrücklich erhöht werden, ß 7 und 8 beschäftigen 
sich mit dem Landhausstil im Westen (Kirchdit 
mold und Wahlershausen); es sollen hier, damit 
die einzelnen Häuser nicht zu spielerisch wirken, 
künftig auch Reihenhäuser gebaut werden können. 
Auf dem Rammelsberg ist eine kräftigere, massige 
Modellierung der Baumassen angebracht und eine 
schöne, modern durchdachte Anordnung der Ge 
bäude um so leichter möglich, als sich ein großer 
Teil dieses Geländes ja wohl in städtischem-Besitz 
befindet. 
§ 9 will die von den Bahnkörpern und der 
Fulda aus sichtbaren Brandmauern in einem Ab 
stand von 25 Metern fernhalten oder ihnen wenig 
stens eine gute Form und Umrißlinie geben. Leider 
bleibt dieses so notwendige Bestreben geschlossener 
Bauweise gegenüber wenig wirksam. Unter den 
hessischen Fürsten wären das ganze Straßenbild
	        

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