Full text: Hessenland (29.1915)

Heffenlanb 
Hessisches Heimatsblatt 
Zeitschrift für hessische Geschichte, Volks- und Heimatkunde, Literatur und Kunst 
Nr. 3. 29. Jahrgang. Erstes Februar-Heft 1915. 
Das Kasseler Grlsslatul gegen Verunstaltung. 
Von Paul Heidelbach. 
(Schluß.) 
Der Entwurf des Statuts samt seiner Begrün- 
dung ging aus den Beratungen einer Kommission 
hervor, die gebildet war aus den Mitgliedern der 
verstärkten Baukommission unter Hinzuziehung des 
Stadtverordneten Friede, dem Konservator der 
Denkmäler im Regierungsbezirk Kassel, Baurat 
Dr. Holtmeyer, einem Mitglied des Architekten 
vereins, Architekt Till, einem Mitglied der Orts 
gruppe Kassel des Bundes Deutscher Architekten, 
Architekt Ochs, und einem Mitglied des Geschichts 
vereins, Professor Dr. Brunner. In dem Begleit 
schreiben des Magistrats heißt es: 
„Bei der Stadt Kassel erscheint der Erlaß eines solchen 
Ortsstatuts besonders notwendig. Wenn auch daran, 
daß die älteren Teile der Stadt in ihrem gegenwärtigen 
Häuserbestande unverändert erhalten bleiben, nicht ge 
dacht werden kann, so muß doch das Streben darauf 
gerichtet sein, daß die hier entstehenden Neubauten einen 
würdigen Anschluß an die alten Bauten darstellen. 
Ebenso muß in den neueren Stadtteilen in einer in 
so herrlicher Natur gelegenen Stadt wie Kassel dafür 
Sorge getragen werden, daß erfreuliche Stadtbilder ent 
stehen. Im Zusammenhang mit dem Erlaß dieses 
Statuts steht die Übernahme der Baupolizei durch die 
Stadt. Die Übertragung der Baupolizei auf die Stadt 
zum 1. April 1915 ist von dem Staatsministerium in 
den Verhandlungen der letzten Wochen der Stadt unter 
der Voraussetzung zugesagt worden, daß dieses Statut 
zustande kommt. Sollte sich nach Beendigung des großen 
Krieges ein neuer Aufschwung in der Bautätigkeit der 
Stadt Kassel ergeben, so wird die Stadt Kassel nach 
Erlaß dieses Ortsstatuts und nach Übertragung der Bau 
polizei an die städtische Verwaltung darauf in mate 
rieller und formeller Beziehung gerüstet sein." 
Das Gesetz gegen die Verunstaltung von Ort 
schaften greift aus heilsame, wenn auch oft hem 
mend empfundene Verhältnisse zurück. In früheren 
Jahrhunderten lag es in Deutschland im freien 
Ermessen der staatlichen oder städtischen Obrigkeit, in 
Residenzstädten in demjenigen des Landesfürsten, 
einen Bau zuzulassen oder zu verbieten; ebenso 
lag die ästhetische Gestaltung des Baues im Er 
messen der Obrigkeit. Diesem Zustand unbegrenzter 
Machtvollkommenheit der Obrigkeit folgte ein sol 
cher, der dem Baugrundbesitzer unbeschränktes Recht 
einräumte und ihm namentlich auch die ästhetische 
Seite des Bauens überließ. Die letzten Jahr 
zehnte haben gezeigt, wohin das führte; indem der 
einzelne den Charakter einer ganzen Straße — in 
der doch niemals das einzelne Gebäude, sondern 
die ganze Häuserreihe als eine organisch zu 
sammenhängende Gruppe wirken darf — und eines 
ganzen Stadteiles durch geschmacklose, unförmige 
und übergroße Bauten verderben konnte, benach 
teiligte er die Rechte des Nachbarn so gut wie die
	        

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