Full text: Hessenland (29.1915)

stellungen und sittlichen Richtungen des deutschen 
Geistes darzustellen, gleichsam Vorelemente zu einer 
deutschen Psychologie und nationalen Ethik herbei 
zufördern. Er brachte dadurch auch Klarheit in 
die deutschen Personennamen, in welchen sich das 
deutsche Wesen, als man die Bedeutung des Wortes 
noch verstand oder durchfühlte, so mannigfaltig 
und deutlich aussprach. Ein Name, den man einem 
Kinde beilegt, ist ein Wunsch oder gar die Fülle 
des Wunsches: ein Ideal. Grimm ist in diese 
Untersuchungen ohne vorgefaßte Gedanken oder 
heimliche Tendenz hineingegangen. Wilhelm Scherer 
ist gescheitert, und in einem schmerzlichen Bekennt 
nisse hat er selbst eingestanden, gescheitert zu sein, 
als er gewissen geschichtlichen Erscheinungen der 
deutschen Sprache ethische Beweggründe unterschob, 
Lautverschiebung und Lautänderung, anstatt sie 
mechanisch aus dem Spiele der Sprechwerkzeuge zu 
erklären, vielmehr aus Charaktereigenschaft des 
deutschen Geistes ableitete. 
Jakob Grirum hing so fest an der Scholle, daß 
er Kassel und sein geliebtes Hessen nur ungern 
verließ, und so weit schien ihm die Entfernung, daß 
er zum Antritt seiner Professur an der Göttinger 
Hochschule das Heimweh zum Redethema wählte. 
Nach altem Brauche mußte er die Rede lateinisch 
halten. Seltsam genug nimmt sich ein so grund 
deutsches Wort und eine so grunddeutsche Sache 
in der fremden Kleidung aus. Wie umständlich 
und nüchtern ist die lateinische Umschreibung des 
Wortes (Os äesiäsrio patriae), wie sonderbar, 
wenn Grimm bei gehobenen Stellen sich der Rede 
weise römischer Dichter bedient. Nostalgia gäbe 
ganz den Sinn des deutschen „Heimweh", allein 
es ist ein spätes Wort, das wie eine Übersetzung 
klingt. Zwar die Sache haben die Griechen ge 
kannt — Zeugnis dafür die Odyssee, das ewige 
Lied des Heimwehs, Zeugnis dafür aus geschicht 
licher Zeit die rückkehrenden, das Meer erblickenden 
Landsknechte des Aenophon, denen Laute entfahren, 
die man als deutsch ansprechen könnte, wenn sie 
für deutsche Eichenherzen nicht zu sehr ins Weiche 
gingen. Grimms lateinische Rede über das Heim 
weh kann uns an das Walthari-Lied erinnern, das 
trotz der Abfassung in römischen Versen rechte 
Funken deutschen Heldentumes wirft. In römischer 
Zunge eifert Grimm gegen den Mißbrauch der 
lateinischen Sprache, und einmal, als er das La 
teinische „wert, teuer sein", das an Gewicht und 
Geld erinnert, von der Heimat gebraucht, glaubt 
man schon, ihm würde das herzliche Wort „lieb 
haben" von den Lippen springen. Ihm übrigens 
Heimweh zu erwecken, trugen die unerquicklichen 
politischen Zustände in Hannover bei. Der König 
hatte die Verfassung aufgehoben, Grimm hatte auf 
die Verfassung geschworen. Er hielt seinen Schwur, 
wurde entlassen, und als er mit seinem Bruder 
nach Kassel zurückkehrte, paßte jeden Tag ein 
Polizeimann vor ihrer Wohnung, als ob sie ge 
meine Spitzbuben wären. In der Schrift über 
seine Entlassung fragte er mit dem Siegfried im 
Nibeluugeuliede: Wohin sind die Eide gekommen? 
Von da an ist den Gebrüdern Grimm die Politik, 
obgleich sie keine Politiker waren, nachgegangen. 
Jakob ist im Frankfurter Parlament gesessen, er 
hat tapfer teilgenommen an der schleswig-holsteini 
schen Frage. Das Heimatsgefühl steigert sich zur 
vaterländischen Gesinnung. Jakob schreibt an einen 
dänischen Gelehrten: „Ich träume von einem großen 
Verein zwischen Deutschen und Skandinaven . . . 
Ich schätze zwar keines der übrigen mitlebenden 
Völker gering, möchte aber doch nicht die Eigen 
tümlichkeit meines Volkes und der uns urver 
wandten preisgeben gegenüber einem unserer ganzen 
Art fremden und von uns abweichenden. Der 
gemeine Russe ist kräftig und praktisch, voll Ver 
stand und Begabung, allein höheren Zielen der 
menschlichen Entwicklung strebt er nicht eben zu; 
alle Beamten sind in hohem Grade verderbt und 
bestechlich, die vornehmen Stände durch frühreife 
Treibhauskultur im voraus fast zugrunde gerichtet. 
Wer möchte wünschen, daß diesem mit breiter 
plumper Gewalt in der Weltgeschichte wie fast kein 
anderes auftretenden Volke noch ein größerer Spiel 
raum zuteil werde . . . Diese Russen sind natür 
liche Feinde alles dessen, was Deutschland da oder 
anderwärts stark machen würde. Aber ich begreife 
dein dänisches Gefühl, das Russen den Deutschen 
vorzöge . . ." Jakob Grimm, der in einem ge 
einigten und freien Deutschland die Gewähr für 
den Frieden und die Wohlfahrt Europas, erblickt, 
hat das neue Deutschland, nach, dem er sich so 
sehr gesehnt, nicht mehr erlebt. Aber einen merk 
würdigen Blick in die Zukunft hat er getan, als er 
im Jahre 1844 in Italien reiste. Er schreibt in 
seinen Reiseerinnerungen: „Das heutige Italien 
fühlt sich in Schmach und Erniedrigung liegen; 
ich las es auf dem Antlitz blühender, schuldloser 
Jünglinge. Was auch kommender Zeiten Schoß 
in sich berge, die Macht, deren Flamme wir noch 
aufflackern sehen, wird nicht ewig über ihm lasten, 
und wenn Friede und Heil des ganzen Weltteiles 
auf Deutschlands Stärke und Freiheit beruhen, so 
muß sogar diese durch eine in dem Knoten der 
Politik noch nicht abzusehende, aber dennoch mög 
liche Wiederherstellung Italiens bedingt er 
scheinen." 
Wie weit und scharf Jakob Grimm über den 
lebendigen Zaun seiner Heimatsliebe späht, ist aus 
den angeführten Worten zu ersehen. In diesen 
Stücken bleibt Wilhelm hinter dem Bruder zurück; 
aber Jakob zieht ihn nach, und Wilhelm geht geist- 
weise mit. Sind sie doch im Leben und in der 
Wissenschaft immer miteinander gegangen und haben 
sich nie verlassen. Sie waren einander treu, wie 
sie ihrem Volke treu waren — treu wie Gras. 
Man möchte fast vermuten, daß sich einmal, wenn 
ihre Bücher verschollen sind, die Volksphantasie 
dieser beiden rührenden und großen Gestalten be 
mächtigen werde. Wir können uns denken, daß 
man auf der Bank vor dem Hause sich einmal 
erzählt:
	        

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