Full text: Hessenland (29.1915)

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Das Heimalsgesühl der Brüder Grimm. *> 
Ein Weinachtsblättchen von Ludwig Speidel. 
Die Brüder Grimm, Jakob und Wilhelm, kennt 
die ganze deutsche Welt, von den obersten Höhen 
geistiger Bildung durch das Frauengemach hindurch 
bis herab in die Kinder- und Schulstube. Sie 
haben die Kinder- und Hausmärchen gesammelt 
aus dem Munde des Volkes, ja nicht nur ge 
sammelt, sondern, indem sie mit dichterischem Sinne 
die epischen Gesetze dieser Gattung durchfühlten und 
erkannten, haben sie uns die Märchen weich, warm 
und traulich an das Herz gelegt. Wer diese Mär 
chen in sich ausgenommen, kann Deutsch, und auch 
das tiefe Gefühl, woraus sämtliche Werke der 
Brüder Grimm hervorgegangen: das Heimats 
gefühl, wird er aus ihnen kennen gelernt haben. 
Die prächtigen Worte Vaterlandsliebe und Pa 
triotismus möchten wir, wenn wir von den Brüdern 
Grimm sprechen, nicht in Anwendung bringen, 
weil bei ihnen das Gefühl für ihr Volk im Engen 
und Engsten wurzelt, in dem kleinen Lande, dem 
sie angehören, in dem heimatlichen Winkel, wo 
sie geboren, in der Stadt und Stube, da sie gelebt 
haben. Selbst wenn sie sich zur höchsten Vater 
landsliebe aufgeschwungen, kehren sie gern in ihre 
Furche zurück und vollenden da, der Lerche gleich, 
den Lobgesang eines Liedes, das sie in der Höhe 
geschmettert haben. Zumal an Jakob, dem stär 
keren, mutigeren, vordringenderen der beiden 
Brüder, fällt diese Sitte auf, und Wilhelm läßt 
sich nur durch den älteren, aber feurigeren Bruder 
zu kräftigeren Kundgebungen der Gesinnung mit 
fortreißen. In Leben und Wissenschaft ist Jakob 
die trotzigere und bahnbrechende Natur. Wo er 
den Pflug ansetzt, drückt Jakob ihn tiefer ein, so 
daß der Brodem der Erde hervorbricht und sich 
die Schollen schwer und langsam, als wollten sie 
sich eine Weile besinnen, zu beiden Seiten nieder 
legen. Ein Bahnbrecher, schaltet Jakob mit Axt 
und Pflugschar, während Wilhelm mehr eine Gärt 
nernatur ist, der auf dem schon gerodeten Erd 
reiche ihre zierlichen Beete anlegt, sie sorgsam 
wartet und still begießt. Jakob wühlt neue Schöp 
fungen aus dem Boden hervor, eine Grammatik, 
die Mythologie, die Rechtsaltertümer, Wilhelm 
läßt gewissen alten Lieblingsautoren seine pein 
liche Pflege angedeihen und schreibt, bedächtig 
suchend und das Gefundene geduldig zusammen 
fügend, die Geschichte der Heldensage, die ihren 
Gegenstand durch Zeugnisse und eigene Entwick 
lung von außen und innen beleuchtet. Alle diese 
Arbeiten und Werke gehen aber aus dem tiefen 
Grunde des Heimatsgefühls, aus der starken Emp 
findung hervor, daß es für den Menschen nichts 
Anziehenderes und Wertvolleres gebe, als was 
*) Mit Erlaubnis des Verlags aus „Heilige Zeiten". 
Weihnachtsblätter von Ludwig Speidel — Berlin, bei 
Meyer L Jessen, 1911 — entnommen. 
schon die Heimat an lebendigem Besitz und nach 
klingender Überlieferung entgegenbringe. Rührend 
neben so eindringlichen wissenschaftlichen Taten ist 
bei den Brüdern Grimm der kindliche Ausdruck 
ihrer Anhänglichkeit an die Heimat. So wenn 
Wilhelm, im Hinblick auf den Aufenthalt seines 
Sohnes in Italien, in die Worte ausbricht: „Ich 
könnte auf die Länge nicht an einem anderen Orte 
leben, so hänge ich an meinen: Vaterlande", oder 
wenn Jakob sich statt aller Herrlichkeit des Südens 
den blühenden Apfelbaum lobt und den Finken 
darauf. 
Das Kleine groß empfinden ist eine Kunst Jakob 
Grimms. Er und sein Bruder haben die Gabe des 
Dichterauges, das sämtliche Dinge, sie mögen noch 
so gewohnt und vergriffen sein, stets zum ersten 
Male sieht und einen Strahl der Verwunderung 
und des Wiedererkennens darauf fallen läßt. 
Jakob Grimm sagt einmal: „Alles, was der 
Mensch betrachtet, ist wunderbar, Sprache, Wort 
und Laut." Diese Anschauung zieht sich in einem 
breiten Bande durch seine deutsche Grammatik, die 
so vorteilhaft abweicht von allem, was man bis 
dahin Grammatik genannt hat, daß sie uns alle 
zu Grammatikern macht. Sie lehrt nicht, sie schul 
meistert nicht, sie zeigt bloß, wie die Dinge sind. 
Oft geht Grimm von unwillkürlichen Jugend 
eindrücken aus, die nun wissenschaftlich reif ge 
worden sind, wie die sinnlichen Freuden an dem 
Lautdreiklang a, i, u, der mit seinem Vokalgesang 
die ganze deutsche Sprache durchwaltet. Wenn wir 
sagen: binde, band, gebunden, so ist das ein ein 
zelner Fall, dem man in der deutschen Sprache 
auf Schritt und Tritt begegnet. Jeder Knabe, 
jedes Mädchen, das eine Volksschule besucht, weiß 
heute, daß ein Zeitwort, welches mit diesem Klang- 
schmuck und Wohllaut abgewandelt wird, ein star 
kes Zeitwort heißt, während das schwache Zeitwort 
dieser Zierden entbehrt. Vor Grimm hieß ganz 
verkehrt das schwache Zeitwort regelmäßig, das 
starke aber, das doch äußere Anhängsel verschmäht 
und die verschiedenen Zeiten durch einen mächtigen 
inneren Trieb aus sich selbst erzeugt, unregel 
mäßig. Jakob Grimm hat hier den Schulmeistern 
ein Licht aufgezündet, bei dem sie das sahen und 
erkannten, woran sie sich bisher nur gestoßen 
hatten. Manches andere noch hat Grimm in diesem 
bisher so trockenen Buchstabenwesen entdeckt. Im 
mer mächtiger drang er in seiner Grammatik vor, 
stets, wie bei allen seinen Untersuchungen, von 
einem starken Heimatsgefühl geleitet. Sein Volk 
wollte er erkennen in seiner Sprache. Er zeigte, 
wie die deutsche Sprache den großen Gegensatz der 
Geschlechter, der die Menschen scheidet und binder, 
auch auf die übrige Schöpfung durch ein eigentüm 
liches Einbildungsvermögen ausdehnt; er schüttete 
die ganze deutsche Sprache auf, um die Vor
	        

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