Full text: Hessenland (29.1915)

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Ihr Euro naturgemäße Stellung im großen Bürger 
kreise wieder einnehmen werdet. 
Nur wo Gemeinsinn h e r s ch t, kann 
Gemeinwohl entstehen!" 
Der zweite Artikel geht mehr auf die äußeren 
Anlässe zu den gedachten Erlassen ein. Das waren 
einmal Katzenmusiken mit den üblichen Begleit 
erscheinungen, dann aber die Zerstörung des Forst 
hauses bei der Lamboybrücke, — dieser durch nichts 
zu entschuldigende Exzeß hatte seine Ursache in 
der bisherigen rigorosen Handhabung der Forst 
bußen, — allerdings muß berücksichtigt werden, 
daß man gerade in jener ersten Maienblüte des 
Liberalismus auch kein allzu feines Verständnis 
für Forstwirtschaft und Staatsbetriebe hatte; — 
man sah in ihnen zu leicht und meist nur fürst 
liche Liebhabereien. 
Zum Frieden mahnte ein dritter Artikel, der 
am 26. in dem gleichen Blatte erschien, und nun 
kehrte langsam die Ruhe, wenigstens äußerlich, 
wieder, der tatsächlich vorhandene Gegensatz zwischen 
den verschiedenen Gesellschaftsklassen wurde nicht 
ausgefüllt und konnte es nicht werden, so lange 
eben das soziale Verständnis noch so schwach ent 
wickelt war wie damals. 
Man wandte sich mehr wieder der praktischen 
Tagespolitik und ihrer Arbeit zu. 
Als Sprachrohr der Bürger trat — an Stelle 
der aufgelösten Volkskommission — der Volks- 
rat ins Leben mit nachstehender Bekanntmachung: 
„Am 22. d. M. haben die Bürger der Stadt 
Hanau aus ihrer Mitte einen Volksrat erwählt, 
dessen Aufgabe in folgenden Punkten enthalten ist: 
Der Volksrat übernimmt die Verpflichtung, dem 
Volke Mittel vorzuschlagen, alles das zu verwirk 
lichen, was in den kurfürstlichen Proklamationen 
vom 7. und 11. d. M. versprochen worden und 
in der Versassungsnrkunde bereits zugesagt ist. 
Der Volksrat übernimmt zugleich die Ermittlung 
der Mängel in unserem Staate und den Vorschlag 
von abhelfenden Schritten. 
Julius A 
Von Geheimem 
Er war nur ein Rechtsanwalt, mein lieber, Heim 
gegangener Freund, dessen müden Leib wir am 
frühen Nachmittag des 29. November unter hes 
sischen Farben in die heimische Erde gebettet haben. 
Es geschah beim Blick auf seinen Habichtswald 
und den alten Herkules. 
Was für ein Rechtsanwalt er gewesen, das 
ivissen nicht nur die Vielen, die ihm ihre Rechts- *) 
*) Geboren in Grebenstein am 8. März 1847, gestorben 
m Kassel am 25. November 1915. 
Der Volksrat übernimmt die Besorgung der 
Verbindung mit auswärtigen Bürgervereinen zu 
gemeinsamer Verfolgung volkstümlicher Zwecke. 
Der Volksrat übernimmt endlich die Ordnung 
der Volksversammlungen. 
Dieser Volksrat besteht aus nachbenannten 
Bürgern: 
Carl Braubach, Louis Braun, Wilhelm Dietz, 
Eduard Graf, Philipp Heydt jun., Peter Jung, 
Christian Lautenschläger, Adolph Manns, Adam 
Nollenberger, Georg Pflüger, Anton Pelissier, 
Georg Pressel, Heinrich Rauh, Carl Röttelberg, 
Christian Renaud, August Rühl, Georg Jakob 
Schreher, Joseph Springmühl, Friedrich Sommer 
hof, August Schärttner, Gottfried Theobald, Gott 
fried Unna, Wilhelm Wagner und Ernst Weid 
mann." 
Dieser Volksrat war der erste seiner Art in Kur 
hessen, bald sollten ihm noch in allen größeren 
und politisch regen Plätzen des Landes andere 
nachfolgen, stets neben und vielfach vor dem 
Kasseler Volksrate war hier die leitende und trei 
bende Kraft der kurhessischen Demokratie tätig, bis 
dann im Herbst 1850 ihm die einsetzende Reaktion 
das Ende bereitete. 
Doch auch in späteren Jahren war Hanau die 
Hochburg der kurhessischen Demokratie, die März 
tage des Jahres 1848 aber bezeichnen den Höhe 
punkt seiner politischen Bedeutung, wennschon auch 
nicht verkannt werden darf, daß — bei all der 
durch Unklugheiten der Regierung gehäuften Zünd 
masse — die Erhebung und namentlich das „Ulti 
matum" ein entschieden revolutionärer Akt war. — 
Aber ebensowenig darf verkannt werden, daß diesem, 
als er begann, keineswegs der Erfolg sicher war, 
und das energische Auftreten zeugt von politischem 
Mute in bestem Sinne, der Anlaß aber, der nicht 
materieller Art war, von dem hohen Schwünge 
eines politischen Idealismus,! wie er uns heute in 
der Welt der Nützlichkeitspolitik fast unglaublich 
anmutet! 
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itarfin f / 1 
Justizrat Büss. 
fachen anvertrauen durften, das wissen auch alle 
Richter im Lande zu Hessen, vor denen er mit 
stets auf den Kern gehender Sachlichkeit in ob 
jektivster Ruhe zu sprechen wußte. Der scharf 
denkende Jurist wurde dem prozeßrechtlichen Grund 
satz der Mündlichkeit in musterhafter Weise gerecht. 
Titel und Ehrenzeichen sind ihm naturgemäß in 
Preußen nicht geworden, nur der Darmstädtische 
Verdienstorden Philipps des Großmütigen und die 
Kriegsdenkmünze 1870/71 waren sein Ehrenschmuck. 
Auch am Notariat sollte er vorübergehen als an
	        

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