Full text: Hessenland (29.1915)

längste derselben, die der unvordenklichen Zeit, 
vollständig abgelaufen seht würde, indem diese 
letztere nur durch einen innerhalb mens ch licher 
Erinnerung (eigener oder durch die Vorfahren 
vernommener) liegenden gegenteiligen Zustand aus 
geschlossen wird, der hier vorhandene gegenteilige 
Zustand aber, oder vielmehr der Anfang des 
gegenwärtigen, nämlich der Übergehung des hes 
sischen Fürstenhauses, weit über den Zeitraun; 
einer solchen Erinnerung hinausliegt. — Allein 
vorerst ist es eine allgemeine anerkannte Rechts 
regel, daß die Grundsätze von der Versährung 
überhaupt keine Anwendung leiden, wo es aus 
die rechtliche Bestimmung der Verhältnisse von 
einander unabhängiger Staaten ankommt, als wo 
hin namentlich der Anspruch auf Regierungsnach 
folge alsdann zu rechnen ist, wenn solcher nicht 
bloß von einer Entscheidung nach den Grund 
sätzen des inneren Privat-Fürstenrechts abhängt, 
welches namentlich der Fall ist, wenn beide Staate;; 
sich während der Zeit, wo ein solcher Anspruch 
geltend zu machen gewesen wäre, in einem völker 
rechtlichen Zustande gegeneinander befanden, wie 
solches Brabant und Hessen, die, beide vollkommen 
selbständig, in keinerlei Art von örtlicher oder 
staatsrechtlicher Verbindung miteinander standen, 
gewiß angenommen werden muß. Jedenfalls aber 
fällt alle Verjährung in einem solchen Verhältnisse 
gänzlich hinweg, wenn die Besitznahme des Landes, 
welches den Gegenstand der streitigen Regierungs 
nachfolge ausmacht, eine gewalttätige war, 
und insonderheit, wenn sie zufolge stattgehabter 
Anwendung der gewaffneten Macht, sich unter den 
allgemeinen Begriff einer Kriegseroberung bringen 
läßt. Überzeugende Belege für diesen Satz bietet 
die Geschichte im praktischen Völkerrechte nicht 
wenige dar. Unter jenen Gesichtspunkt aber fällt 
wirklich die tätliche Behauptung der Sukzession 
des weiblichen Stammes der älteren Linie des 
Hauses Brabant in allen denjenigen Fällen, in 
welchen eine Übergehung des in Hessen fortblühenden 
Mannsstammes der jüngeren Linie stattfand. Schon 
die erste weibliche Regentin Brabants, Johanna, 
konnte sich, obgleich damals von Seiten des, dem 
Hause ihres Gemahls nahe verbundenen, Land 
grafen Heinrich II. von Hessen nichts geschah, um 
das ihm zustehende vorzüglichere Sukzessionsrecht 
geltend zu machen, doch nur durch die Macht der 
Waffen gegen den Gemahl ihrer Schwester Mar 
garetha bei der von ihr behaupteten Nachfolge er 
halten; und gleichergestalt geschah es nur durch 
List und Kriegsgewalt, daß Philipp von Burgund 
seinem Sohne Anton den Besitz des Herzogtums 
zuwandte und sicherte, obgleich Kaiser Ruprecht 
ausdrücklich erklärt hatte, daß die Sukzession des 
jüngeren brabantischen Mannsstammes in jenem 
ersten Falle nur durch die besondere Begünstigung 
Kaiser Karl IV. zurückgesetzt worden sei. Nach 
Antons und seiner Söhne Ableben zog selbst Land 
graf Ludwig I. von Hessen, um endlich einmal die 
Erbansprüche seines Hauses geltend zu machen, 
mit einem Kriegsheere bis Aachen, doch mußte auch 
er der Übermacht des bnrgnndischen Hauses weichen; 
„seiner war das Recht, des Herzoges die Macht". 
Bei dem dritten Falle endlich vermochte das Hans 
Österreich nur mittelst eines schweren Kampfes 
gegen die Stände von Brabant selbst seine An 
sprüche'ans die Nachfolge in das Herzogtum mit 
den Waffen in der Hand durchzusetzen. Immer 
also war es der Sieg der Waffen, niemals der 
des Rechts, welcher, seit dem Erlöschen des Manns- 
stammes in der älteren Linie von Brabant, über 
den Besitz des Herzogtums entschied; 'immer also 
war dieser Besitz ein bloß gewalttätiger, und in 
dieser Eigenschaft zur Begründung eines rechtlichen 
Zustandes durch Verjährung ganz untauglich. — 
Bon einer Verjährung kann aber insonderheit als 
dann gar nicht, auch nicht einmal nach der bloß 
faktischen Lage der Dinge, die Rede sein, wenn 
inan die Wiedereröffnung der Sukzession für die 
jüngere brabantische Linie im Hause Hessen von 
der Zeit an, wo der kognatische Stamm der älteren 
Linie seine Ansprüche aufgegeben hat, und ;vo 
überhaupt die Möglichkeit, dergleichen wieder gel 
tend zu machen, insonderheit für das hessische 
Fürstenhaus, eingetreten ist, rechnet, als welches 
erst nach der Wiederablösnng Belgiens von deut 
französischen Kaiserreiche im Jahre 1814 ange 
nommen werden kann. 
8 4. 
Resultat. 
Nach der obigen genealogisch-historischen Dar 
stellung, unterstützt durch die darauf folgende recht 
liche Äusführung, und nach der Beseitigung aller 
etwa hiergegen aufzustellenden Zweifelsgründe, 
kann es wohl gar keinem Bedenken unterworfen 
sein, über das Ergebnis dieser Deduktion überhaupt 
sich bestimmt dahin auszusprechen: 
daß der Anspruch des fürstlichen Hauses Hessen 
auf die Regierungsnachfolge in das vormalige 
Herzogtum Brabant als Familien- Anspruch 
auf das beste begründet, und im diPlomatr - 
scheu Wege mit voller Überzeugung durchzu 
führen sei, ja, daß selbst vor den Gerichten, wenn 
es ein solches, um über dergleichen Ansprüche 
zu erkennen, gäbe, einer günstigen Entscheidung 
darüber mit vieler Zuversicht entgegen zu sehen 
wäre. 
Die geschichtlichen Nachweisungen und urkund 
lichen Belege, worauf die obige Ausführung beruhet, 
findet man am vollständigsten bei I. A. K o p P, 
kurze und gründliche Ausführung des hochfürst 
lichen Hauses Hessen - Cassel Erbrechts auf das 
Herzogtum Brabant. Marb. 1747; verglichen mit 
D e w e z bistoire g6ii6ral6 de la Belgique. Brüx. 
1806. T. III. IV. (Türkhei m) histoire gene- 
alogique de la maison souveraine de Hesse. 
Straßb. 1819. T. I. — Auch Kapp beschließt 
seine Abhandlung mit dem Ausspruche: „daß das 
fürstliche Haus Hessen sein bestbegründetes Erb-
	        

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