Full text: Hessenland (29.1915)

Kommerzienrat Heinrich Salzmann f. 
Als der Begründer der Kasseler Webereiindustrie, 
der Geheime Kommerzienrat Siegmund Aschrott, 
am 5. Mai dieses Jahres hochbetagt starb, hätte 
wohl niemand daran gedacht, daß ihm sein be 
deutendster Schüler und Nachsahr in diesem Kasseler 
Industriezweige, Kommerzienrat Heinrich Salz 
mann, schon so bald — am 3. November, kaum 
ein halb Jahr später — noch nicht 65 Jahre alt 
im Tode nachfolgen würde. Wer den trotz an 
gegriffener Gesund 
heit rüstigen Mann 
— der sich, abgesehen 
von dem Schnee auf 
seinem Haupte, in 
den letzten zwanzig 
Jahren wenig ver 
ändert hatte — in 
der Elektrischen oder 
in seinem Wagen 
von seiner Wohnung 
am Weinberg zu 
seinem Geschäfte in 
Bettenhausen eilen 
sah. der hätte nim 
mer geglaubt, daß 
dem Unermüdlichen 
sobald schon das 
Weberschifflein aus 
der Hand genommen 
würde. Aber Atro- 
pos, die Unabwend 
bare, schnitt den 
von der Spindel 
der Spinnerin Kloto 
kommenden Faden 
plötzlich durch—un 
bekümmert darum, 
ob der weltbekannte 
„Webermeister" 
Heinrich Salzmann 
das „Stück", an dem 
er arbeitete, schon zu 
Ende gewoben hatte 
oder nicht. — 
„In den Sielen" ist er gestorben, auf dem Wege 
zu der gewohnten Arbeitsstätte. Sein Arbeits 
zimmer, in dem er nun die weittragenden kommer 
ziellen Gedanken spann und die großindustriellen 
Pläne wob, war einst — in den 90 et Jahren, 
als die damals noch junge Firma Salzmann & Co. 
noch nicht die gewaltige Ausdehnung hatte und 
ihr Inhaber noch in dem Geschäftshause wohnte — 
ein Wohnzimmer gewesen, in dem er abends nach 
heißer Tagesarbeit im Glücke des Familienlebens 
rastete. Nun liefen in dem Zimmer, in dem der 
weitblickende Geschäftsmann dereinst wohl schon 
über die zukünftige Entwicklung seines Unter 
nehmens Pläne geschmiedet hatte, alle die Fäden 
an der einen Stelle zusammen, an denen der 
Fabrikherr die Betriebe in Kassel-Bettenhausen, 
Melsungen, Einbeck in Hannover, Oderan in 
Sachsen, Friedland und Lauban in Schlesien, 
Starkenbach in Böhmen und Budapest (Szegedin) 
in Ungarn hielt und leitete. 
Aus dem bescheidenen Zelt aus Leinwand, das 
er im Jahre 1884 aufgeschlagen — in dem nur 
30 Eschenstruther Handwebstühle und 20 Melsunger 
mechanische Stühle der Zilchschen Mühle Platz 
fanden — war bei 
seinem Tode, also 
genau in 30 Jahren, 
ein riesenhaftes, weit 
ausgespanntes, aber 
fest verankertes Zelt- 
gebäude aus Segel 
tuch von früher nie 
geahnten „Breiten" 
geworden. So groß 
ist das Zelt in einem 
Menschenalter ge 
worden, daß nun 
Tausende von Ar 
beitern, an 2825 
Webstühlen und 
6490 Spindeln in 
ihm unablässig wir 
ken und weben 
können! 
Mag jeder aus 
diesen Zahlen, die 
eine mehr als sech 
zigfache Vergröße 
rung des Unter 
nehmens zeigenden 
großen Erfolg der 
Lebensarbeit Hein 
rich Salzmanns und 
seine besondere kauf 
männische Bega 
bung erkennen kön 
nen, diegeradezu un 
glaubliche Energie 
entfaltung und Ar 
beitsleistung dieses Mannes, die solche gewaltige 
Entwicklung seines Unternehmens bedingte, können 
jedoch nur mit den volkswirtschaftlichen Verhält 
nissen unseres Zeitalters einigermaßen Vertraute 
richtig beurteilen und würdigen. 
Heinrich Salzmann stammte aus Spangenberg, 
wo sein Vater Kaufmann und Bürgermeister war. 
Er hat seiner Vaterstadt, wo er sich durch die 
Stiftung des Liebenbachbrunnens ein schönes Denk 
mal gesetzt hat und deren Ehrenbürger er war, 
stets seine Anhänglichkeit bewahrt. Sein Vater 
betrieb zuerst den Handel und später auch schon 
die Fabrikation von Leinen und war bis zu seinem 
Tode auch Teilhaber der Firma Salzmann & Co. 
Ein schönes Zeichen seiner pietätvollen Gesinnung
	        

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