Full text: Hessenland (29.1915)

unsere ganze Division: Ronlers ist unser! Der 
Feind ist geworfen und wird verfolgt. ... 
So standen wir auf dem Marktplatz, noch zit 
ternd und triefendnaß vor Erregung, rings um 
uns die brennende, dröhnende Stadt. ... So 
standen wir da, müde zum Umfallen und hungrig 
und durstig. Endlich, schon zog die Mitternacht 
herauf, bekamen wir Quartier in der brennenden 
Stadt! Unser Zug lag zunächst in einem Estaminet 
auf den kalten Fliesen des Bodens und schlief 
nach einigen Minuten wie tot. Plötzlich jedoch 
wurden wir von der Wache geweckt: das Haus 
fange an zu brennen! Also raus! und ein neues 
Quartier gesucht! Auf den Straßen überall Sol 
daten, die Trupps gefangener Zivilbevölkerung ein 
brachten; andere, die an Löscharbeiten teilnahmen. 
Bald fanden wir eine andere Stätte, wieder ein 
Cafe, wie wir solche bei unserm heutigen Sturm 
mehrere mit ihrer äußerst zweifelhaften Innen 
einrichtung gesehen hatten: krank und schmutzig und 
unsittlich, armes Belgien! Dieses Cafe wurde von 
zwei Schwestern geleitet, die ihren Haupterwerb 
sicher aus anderm zogen denn aus dem Ausschank. 
Sic empfingen uns frech-liebenswürdig und traten 
uns bereitwillig ihre molligen Schlafräume ab. 
Machten uns noch einen guten Kaffee usw. .. . 
Ihr Bruder war Lehrer, sprach englisch, fran 
zösisch und deutsch und war ein recht verständiger 
Kopf. Von dem erfuhr ich folgendes: Roulers 
(flämisch Rousselaere) ist eine Stadt von Mitte 
zwanzigtausend Einwohnern. Schon vor 14 Tagen 
seien deutsche Truppen durch die Stadt gezogen 
gegen Ostende und zwar ganz unbehelligt. Sie 
hätten eine kleine Wacht hier gelassen, die aber 
sei vor einigen Tagen durch englische Dragoner 
vertrieben worden. Engländer und Franzosen, 
weniger Belgier, hätten nun von der Stadt Besitz 
ergriffen und wie schon vorher die ganze Zivil 
bevölkerung zum Franktireurkampf aufgehetzt, unter 
stützt durch den Bürgermeister und den ersten 
Pfarrer. (Ich habe die beiden als Gefangene ein 
bringen sehen.) Und die Verteidigung wäre ganz 
systematisch angeordnet und verstärkt worden durch 
viele aktive Soldaten in Zivilkleidern. Mein 
Quartierwirt redete viel von der Nutzlosigkeit solcher 
Unternehmungen, vielleicht, um uns Kriegsknechten 
damit zu gefallen, vielleicht war's ihm auch ehrlich 
gemeint; war er doch selbst um seinen Vater in 
großer Sorge, der heute morgen über Land ge 
gangen und noch nicht zurück war. 
Was allerdings die Einwohnerschaft für eine 
Bande war, haben die bald nach unserm Abzug 
einrückenden Besatzungstruppen erfahren müssen, 
deren zehn oder zwölf eines Morgens mit durch 
schnittenen Kehlen in ihrem Quartier aufgefunden 
wurden. — Roulers wurde zum Stützpunkt aller 
militärischen Operationen (und ist es heute noch), 
die sich rechts von Wern zugetragen und ent 
wickelt haben. 
Selten habe ich wohl so tief und fest geschlafen 
wie in der Nacht von diesem 19. Oktober zum 20. 
Noch im Dunkeln rückten wir am 20. aus. Das 
war also unser erstes Gefecht gewesen und dazu 
gleich ein Straßenkampf. Aber merkwürdig, meine 
Kompagnie hatte nur einen einzigen Verwundeten, 
sonst war alles unversehrt. Ich selbst hatte mir 
leider den rechten Fuß beim Sprung über eilten 
Graben etwas vertreten, so daß ich stark hillken 
mußte. Als mich so meill Hauptmann sah, deut 
ich am Sonntag einiges aus meinem Tagebuche 
vorgelesen hatte, schrieb er mir eine Anweisung 
und schickte mich zur Schonung zur Gefechts 
bagage. 
So war ich denn für den Tag bei der Bagage 
und lernte auch hier den Betrieb eürmal kenneir. 
Langsam nur ging's an diesem trüben, nebligen 
Dienstag vorwärts. Rings vor uns anhaltender 
und stets stärker werdender Kanonendonner; hier 
und da hörten wir das Knattern des Infanterie- 
feuers. Gegen Abend setzte ein feiner Regen 
ein; der uns nach und nach durchnäßte. Durch Ost 
neukirchen ging's, wo allenthalben die Häuser ver 
lassen waren und Türen und Tore gewaltsam von 
den Unsern erbrochen und aller Hausrat, besonders 
Stühle, vor die Tür gesetzt lvar, damit drinneil 
mehr Raum zum Kampieren war. Weiter ging's 
die Landstraße, um die schon der Kampf, vielleicht 
erst vor Stunden, getobt hatte. Granaten hatten 
den Boden aufgerissen und Häuser am Wege ent- 
zündet, die mit dunkel flammendem Licht die stei 
gende Dämmerung lichteten. Da hart am Straßen- 
rande ein Pappelstumpf; eine Granate hat den 
obern Stamm und die Äste lveggerissen, dicht über 
einem Muttergottesbildchen, das fromme Hände an 
jenen Baum geheftet: so steht noch der Stumpf 
und an ihm die Mutter Gottes, unversehrt, und 
ihr Blick sieht doppelt wehersüllt auf das brennende, 
dampfende Land, über dem der Krieg mit feurigen! 
Arm die alles verzehrende Fackel schwingt. . .. 
Und die Nacht steigt und grausig leuchtet der 
Umkreis im schaurig-schönen Brand, der Dorf und 
Stadt zu Asche werden läßt. Unvergeßlich jenes 
Bild: auf dem Hügel die in feurige Glut voll 
kommen getauchte Windmühle, und von der furcht 
baren Hitze getrieben drehen sich langsam die 
Flügel. ... Nacht! Nacht des Krieges. ... 
An diesem Abend kam die Bagage nicht mehr 
zur Kompagnie oder nur zum Regiment, mie ich 
wenigstens gehofft; die Straße war so verstopft, 
daß mir schließlich weder vorwärts noch rückwärts
	        

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