Full text: Hessenland (29.1915)

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denklichen Mangel. Denn da die alten Stände 
wieder einberufen waren und ihnen die Beratung 
und Bewilligung der Gesetze zugeschoben wurde, so 
bestand keine Gewähr dafür, daß nach einem et 
waigen Scheitern die Minister des alten Regimes 
nun ernstlich im Sinne der Reform weitergehen 
würden. Mitgewirkt zur Erlangung der Prokla 
mation vom 7. März hatte auch die Kasseler 
Adresse, die zwar bedeutend zahiner im Ton, doch 
dasselbe als die Hanauer verlangte, im übrigen 
aber ihre Anklagen gegen das seitherige System 
noch mehr detaillierte. — Für diese Unterstützung 
dankten die Bürgerdepntationen von Hanau, Mar 
burg, Hersfeld, Gelnhausen ltitb Wächtersbach in 
einer besonderen Erklärung, die vom 7. März 
datiert ist. 
Die Volkskommission entwarf, ivährend Markt 
und Straßen mit kriegerischem Lärm erfüllt toaren, 
in langer Besprechung auf dem Rathause das sog. 
„Ultimatum" vom 9. März, und es trägt 
auch unleugbar den Charakter eines solchen, denn 
es droht im Falle der Nichtgewährung mit der 
Trennung Hanaus vom übrigen Kurhessen, d. h. 
mit der Vereinigung mit Hessen-Darinstadt. Auch 
der Ton der Anrede drückt schort den völlig ver- 
änderteil Charakter gegenüber der Petition vom 
29. Februar aus. 
„Die Volkskommission in Hanau an den Kurfürsten 
von Hessen, Königl. Hoheit! 
Durch die Proklamation Eurer Königl. Hoheit 
vom 7. d. sind die Wünsche des Volkes iticht erfüllt 
und seine Bitten unvollständig gewährt worden. — 
Das Volk ist mißtrauisch gegen Euere Köitigl. 
Hoheit selbst und sieht in der unvollständigen Ge- 
tvährung seiner Bitten eine Uitaufrichtigkeit. Das 
Volk hat in der unvollständigen Gewährurrg seiner 
Bitten nichts gesehen, als die dringendste Auf 
forderung, sich noch enger zusaurmen zu scharen 
und eine noch festere Haltung Eurer Königl. Hoheit 
gegenüber einzunehmen. 
Das Volk, welches wir meinen, ist tlicht der 
vage Begriff mehr non ehedem, nein, es sind 
Alle, — Alle! Ja, Königl. Hoheit, Alle! Auch 
das Militär hat sich für einstimmig erklärt! 
Das Volk verlangt, was ihm gebührt. Es spricht 
den Willen ans, daß seine Zukunft besser sein 
solle, als seine Vergangenheit, und dieser Wille 
ist unwiderstehlich. — Das Volk hat sich eine 
Kommission erwählt, und diese verlangt nun für 
es und namens seiner: 
1. Besetzung aller Ministerien, soweit dies nicht 
neuerdings geschehen ist, mit Männern, welche 
das Vertrauen des Volkes genießen. 
2. Auflösung der wieder einberufenen Stände 
versammlung und alsbaldige Berufung neu 
zu erwählender Stände. 
3. Bewilligung v o l l st ä n d i g e r Preßfreiheit 
auf Grund der hierzu im 8 00 der Ver 
fassungsurkunde gewährten Zuständigkeit. 
4. Vollständige Amnestie für alle seit dem Jahre 
1830 begangenen politischen Vergehen. 
5. Gewährung vollständiger Religions- und Ge 
wissensfreiheit und deren Ausübung. 
6. Hinwirkung bei dem deutschen Bund ans Bil 
dung einer deutschen Volkskammer. Zurück 
nahme aller den Genuß verfassungsmäßiger 
Rechte, ganz insbesondere das Petitions-, 
Einigungs- und Versammlungsrecht beschrän 
kenden Beschlüsse. 
7. Die bestimmte Zusage, daß die bereits durch 
die Proklamation vom 7. d. M. zugesicherten 
und in Beziehung auf die ausgesprochenen 
Desiderien weiter erforderlichen Gesetzent 
würfe der nächsten Ständeversammlung vor 
gelegt werden. 
8. Entschließung Eurer Königl. Hoheit, binnen 
drei Tagen von heute an, deren Verstreichen 
ohne Antwort als Ablehnung angesehen werden 
soll. 
Jetzt ist die Stunde gekoinmen, wo Sie zu zeigen 
haben, Königl. Hoheit, wie Sie es mit dem Volke 
meinen. Zögern Sie nicht einen Augenblick, zu 
gewähren, vollständig zu gewähren! 
Besonnene Männer, Königl. Hoheit, sagen Ihnen 
hier, daß die Aufregung einen furchtbaren Charakter 
angenommen hat. 
Bewaffneter Zuzug aus den Nachbarstädten ist 
bereits vorhanden, schon wird man mit dem Ge 
danken einer Lostrennung vertraut, und kennt recht 
wohl das Gewicht der vollendeten Tatsachen. 
Königl. Hoheit! gewähren Sie! Lenke Gott 
Ihr Herz. 
Hanau, den 9. März 1848. 
Die Volkskommission 
(folgen Namen)." 
Acht Deputierte, Obergerichtsprokurator Blachiere, 
Konsul Walther, Karl Borries, I)r. G. Presset, 
Merk, Ad. Nollenberger, Ch. Lautenschläger und 
I. Gustine, wurden gewählt, das Ultimatum zu 
überbringen, am 9. mittags 1 Uhr wurde es von: 
Balkon des Rathauses herab verlesen. — Während 
der Verhandlungen im Rathause hatte man durch 
Abgeordnete nochmals bei dem Stadtkommandanten 
angefragt, was das auf dem Paradeplatz auf 
gestellte Militär zu tun gedenke, und hatte die 
Antwort bekommen, es stimme mit der Bürger 
schaft überein und werde sie nicht stören. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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