Full text: Hessenland (29.1915)

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Preußen gezeitigt, die sich auf den geschichtlichen Unter 
richt bezieht. Der Drang der Zeitereignisse, die kaum 
noch Interesse für etwas anderes aufkommen lassen, hat 
bewirkt, daß sie kaum in der Presse erwähnt und er 
örtert wurde. Indes oerdient sie Beachtung, gerade in 
den Kreisen, wo die heimatliche Geschichte gepflegt wird, 
und in der Zeitschrift, die diesem Zweck in der kur 
hessischen Heimat dient. 
Der gesamte Aufbau des Unterrichts ist so ziemlich 
derselbe geblieben wie früher, in drei sich erweiternden 
Kreisen wird auf den ncunklassigen Anstalten, in zweien 
auf den scchsklassigen die Lehraufgabe in der Geschichte 
vollendet, nur sind auf der Unterstufe die Sagen des 
klassischen Altertums ausgeschieden und auf der Mittel 
und Oberstufe sind die Lehraufgaben in der deutschen 
Geschichte zu Gunsten der neueren Zeit seit dem Tode 
Friedrichs des Großen etwas anders eingeteilt. Diese 
Änderungen sind tvohl begründet. 
Wichtiger ist, daß für die Behandlung einige neue 
Grundsätze aufgestellt tverden. 1. Das Hauptgewicht ist 
auf das Nacherzählen zu legen; die Namen und 
Zahlen, die dem Gedächtnis eingeprägt werden, sind auf 
ein Mindestmaß zu beschränken. 2. Wo Unterricht 
in deutscher Geschichte st a t t f i n d e t, sollen 
die geschichtlichen Verhältnisse des Or 
tes und der H e i m a t p ro vi n z der Schule 
besonders berücksichtigt werden. Selbst 
verständlich ist wohl, daß für die Provinz Hessen-Nassau, 
die aus drei ehemals selbständigen Gebieten besteht, die 
sinngemäße Einschränkung stattfindet. Ein geborener 
Kur Hesse ist es, in dessen Namen diese dankenswerte Ver 
fügung ergangen ist, der Minister von Trott, ehemals 
Regierungspräsident in Kassel. 
Auf der Jahresversammlung des hessischen Geschichts 
vereins zu Eschwege, am 17. August 1907, bat der Unter 
zeichnete den Vorstand, zu erwägen, ob nicht bei der 
Schulbehörde mehr Berücksichtigung der Heimat- und 
Landesgcschichte nachgesucht werden könnte. Damals 
wurde den Jahresberichten zufolge im Regierungsbezirk 
Kassel nur an drei höheren Lehranstalten hessische Ge 
schichte im Zusammenhang gelehrt; möglich war es dem 
nach, und wenn es anderwärts nicht geschah, so hemmten 
mancherlei Umstände, die jeder mit den Verhältnissen 
Vertraute kennt. Die zahlreichen Gründe, die für solchen 
Unterricht sprechen, lagen klar zu Tage. Der Vorsitzende 
erwiderte im Namen des Vorstandes mit einem Dank 
für die gegebene Anregung, bemerkte indes, daß die 
Frage nicht Hessen allein berühre, sondern von all 
gemeiner Bedeutung sei, und bezweifelte, ob der Verein 
erfolgreiche Schritte in jener Richtung tun könne. Einige 
Jahre später entschloß sich der Vorstand doch zu einer 
Eingabe an das Provinzialschulkollegium. Diese fand 
zwar freundliche Aufnahme, doch wurde erklärt, wegen 
des Umfanges des Lehrstoffs und anderer Schwierigkeiten 
könne dem Wunsch des Vereins nicht in vollem Maße 
entsprochen werden.*) Es war eine Ablehnung- in höf 
licher Form. 
„Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt." Die Erkenntnis, 
daß die tiefste Wurzel der echten Vaterlandsliebe in 
das Verhältnis zur engeren Heimat eingesenkt ist, hat 
seither den Unterricht in der Volksschule viel mehr be 
fruchtet, als den an den höheren Lehranstalten; unter 
dem Eindruck der gewaltigen Zeitereignisse bricht sie auch 
hier durch und wird ihre Früchte tragen, freilich erst 
in der Zukunft. Wer etwa glaubt, solche Früchte seien 
durch die Ansprachen bei den Feiern und Festen leichter 
und schneller zu erzielen, der hat recht oberflächlich 
gedacht. 
Am 1. Oktober 1918 soll über die Durchführung jenes 
Erlasses berichtet werden; man muß abwarten, was 
bis dahin geschieht, welchen Erfolg er haben wird. 
Beschränkt man sich auf gelegentliche Heranziehung der 
Landesgeschichte beim Unterricht, so wird sein Zweck 
kaum erreicht werden, man müßte einen besonderen 
Lehrgang einrichten, für den ein halbes Dutzend richtig 
verteilter und verwendeter Stunden genügt. Wer frei 
lich in solchem Unterricht nur das geben könnte, was er 
eben erworben hat, wäre dafür nicht der richtige Mann. 
Auch für einen solchen wird es nicht leicht sein, den 
richtigen Standpunkt zu finden. In der Behandlung der 
hessischen Landesgeschichte kreuzen sich einseitige apo 
logetische Strebungen noch recht unvermittelt mit ihrem 
^Gegenteil. In der Vorrede eines seiner Werke klagt 
Moltke einmal, daß in der Kriegsgeschichte so vieles auf 
den Erfolg „appretiert" werde. Der Ausspruch ist wie 
geschaffen für hessische Verhältnisse, wie ein Beispiel 
lehren möge. 
Die hessischen Truppen, die in englischem Sold gegen 
die amerikanischen Rebellen kämpften, sind verkaufte 
Hessen und bleiben es, ihr Landesherr ist der Seelen 
verkäufer mit dem Herzen von Stein; gegen dies Urteil 
ist keine Berufung zulässig. Hätten die Truppen den 
Aufstand niederschlagen helfen, so würde so wenig ein 
Huhn oder ein Hahn danach krähen wie nach anderen 
Versoldungen zu Kriegszügen über See, wie z. B. nach 
Schottland; ihr Verbrechen ist, daß sie der amerikanischen 
Nation den Weg zur Freiheit zu sperren suchten. 
Die hessischen Truppen, die 1757—1762 irrt Sold und 
im Interesse Englands gegen Frankreich fochten, sind 
dagegen die treuen Verbündeten Friedrichs des Großen 
und hohen Lobes würdig. Mochten auch allerlei Be 
denken, besonders noch persönliche, den Landgrafen Wil 
helm VIII. mehr auf die Seite Preußens ziehen, so 
hätte er doch ohne den englischen Soldvertrag kein 
Regiment marschieren lassen, sein Nachfolger Friedrich II. 
wäre im Jahre 1760 am liebsten mit Sack und Pack 
ins feindliche Lager gegangen, das Land wollte von 
Krieg nichts wissen und hat von ihm nur Leiden gehabt, 
deren Folgen nach 30 Jahren noch nicht verwunden 
waren. Sowie England seinen Kriegszweck erreicht hatte 
und vor Friedrich seinen Frieden machte, war der Krieg 
auch für Hessen zu Ende. Aus demselben Sack ver 
schiedene Sorten Mehl zu holen, mag ein .Kunststück sein, 
Geschichte ist es nicht. Gar gleichgiltig, sagt Thukydides, 
ist den meisten die Aufspürung der Wahrheit, sie greifen 
lieber zu dem, was bei der Hand ist. F Pf aff. 
Eingegangen: 
Lieberknecht, Paul, Oie. Geschichte des Deutsch- 
katholizismus in Kurhessen. Marburg (N. G. El- 
wertsche Verlagsbuchhandlung) 1915. Preis M. 2,50. 
Frohwein-Büchner, Martha. Hesse-Späß. 
Heimatgruß an unsere lieben Feldgrauen. 2. Auf 
lage. Marburg (N. G. Elwertsche Verlagsbuchhand 
lung sG. Brauns) 1915. 
Preis M. —,60, geb. M. 1,—. 
Blau, Josef. Der Lehrer als Heimat 
forscher. Eine Anleitung zu heimatkundlicher Ar 
beit. — Schriften für Lehrerfortbildung. Nr. 6. 
Prag, Wien u. Leipzig (Schulwissenschaftl. Verlag 
A. Haase) 1915. Geh. M. 3,80, geb. M. 4,30. 
Georg, Wilhelm. U ms e r Emmi ch. Ein Lebens 
bild. Berlin (August Scherl G. m. b. H.). 
*) Mitteilungen d. V. 1912/13, S. 7.
	        

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