Full text: Hessenland (29.1915)

Die Leitung der Königlichen Schauspiele hat allen 
Grund, die Novität, die sie uns am 1. Oktober vor 
setzte, auf die Passivseite ihrer künstlerischen Bilanz zu 
buchen. Auf jenen Abend stolz zu sein, hat sie keinerlei 
Beranlassung. Er sollte ihr vielmehr nahelegen, künftig 
hin bei Auswahl der Neuheiten, bei ihrer Besetzung, 
ihrer Aufführung eine Sorgfalt anzuwenden, die wir 
bei der Kleinstadt-Komödie „D a s Alter" von Paul 
Quensel leider vermissen mußten. Ein Stück, das die 
>veltfremde Ruhe der Kleinstadt vorführt, Konflikte aller 
einfachster und alltäglichster Art vor uns hinstellt und 
die Binsenwahrheit predigt, daß das leistungsunfähige 
Alter verzichten und tatkräftiger Jugend den Platz 
räumen müßte, könnte gerade jetzt, wo die furchtbare 
Gegenwart uns aufpeitscht und an unseren Nerven zerrt, 
nach dem Gesetze des Kontrastes unsere Anteilnahme 
erregen. Es könnte uns auf kurze Frist den Auf 
regungen des Tages entrücken und uns auf Stunden 
Frieden und Ruhe geben. Daß das nicht gelang, liegt 
nur zum Teil an die Unzulänglichkeit der Komödie, in 
weitaus größerem Maße an der Aufführung, die tief 
unter dem stand, was wir auf der Hofbühne zu sehen 
gewöhnt, von ihr zu fordern berechtigt sind. 
Ein Direktor der städtischen Kapelle, die zwar die 
„Schöpfung" aufführt, aber auch zu Tanzmusiken auf 
spielt, ist alt geworden. Er läßt die Zügel am Boden 
schleifen, fühlt nicht, daß er kaum noch arbeitsfähig ist, 
will, trotz des Rates des ihm befreundeten Kantors 
nicht verzichten und steht plötzlich der grausamen Tat 
sache gegenüber, daß sein jüngerer Konkurrent, ein 
„Kunstschuster", an seine Stelle gesetzt werden soll. 
Damit ist er der Not und dem Hunger verfallen. Er 
hat seinen Sohn zum Geiger ausbilden lassen und 
lebte der Hoffnung, ihn zum berühmten Künstler werden' 
zu sehen. Doch der junge Lindner lernt schnell die Ent 
täuschungen der Künstlerlaufbahn kennen, verzichtet auf 
seine hochfliegenden Pläne, bewirbt sich um des Vaters 
Amt, erhält es, rettet seine Eltern damit vor dem Unter 
gang, verliert eine Braut, die herzlos und schnodderig 
ist und erhält prompt einige Minuten später seine 
prächtige Jugendliebe als Ersatz. Das ist wenig auf 
regend, ja nicht einmal spannend. Das ist so durch 
sichtig, daß man das fröhliche Ende schon beim An 
fang weiß. Und was in diesen philiströsen Menschen 
schicksalen typisch sein soll, wirkt so alltäglich wie irgend 
möglich. Indes — es läßt sich denken/daß eine feine 
Charakterisierungskunst Personen und Schauplatz uns 
näher bringen könnte. 
Leider geschah aber alles, um das ohnehin nicht allzu 
kurzweilige Stück in jenes Gefilde zu rücken, in dem das 
Gähnen zur Notwendigkeit wird. Und wir fragen uns: 
was ist denn eigentlich die Aufgabe der Regie? Für 
die Ausstattung, die, nebenbei bemerkt, zur Schilderung 
der Kleinstadt sich nicht sehr in Unkosten gestürzt hatte, 
ist nicht sie, sind die Herren Waßmuth und Sterra ver 
antwortlich. Man sollte daher glauben, sie würde für 
richtige Rollenbesetzung eintreten, die Darsteller, die sich 
im Ton vergreifen, auf diesen Fehler aufmerksam machen, 
in den Proben spüren, wenn das Unzulängliche Er 
eignis wird, feilen, bessern, eingreifen. Bon all dieser 
Tätigkeit war nichts zu spüren. Der alte Musikant ist 
humoristisch gezeichnet und soll doch rühren. Herr 
B e r e n d, der ihn gab, brachte es über leise Ansätze 
zum Humor nicht hinaus und gab nichts, was uns zum 
Mitempfinden veranlaßt hätte. Herr I ü r g e n s e n , 
dem man die Rolle nach all seinen Erfolgen in ähnlichen 
Partien hätte geben müssen, hatte eine kleine Episoden 
figur zugeteilt erhalten, gab sie allerdings so, daß seine 
wenige Minuten währende Szene wirkte wie eine Oase 
in dürrer Wüste. .Herr B ö ck l e r, der den hoch 
fliegenden idealgesinnten Sohn verkörperte, war so trocken 
und nüchtern, wie nur irgend denkbar, Fräulein Stör m, 
die uns als Naive so oft erfreut hat, war als Operetten 
sängerin nur schnodderig, aber ohne jeden Reiz und 
man fragte sich vergebens, wie Johannes sich mit ihr 
verloben konnte. Vielleicht hätte man sie mit Fräulein 
Feldhosen tauschen lassen sollen, die das klein 
städtische Mädchen gab. Herr P i ck e r t lieh seinem 
Kantor auch nicht einen komischen oder humoristischen 
Zug, dem Dienstmann des Herrn B ü n t i n g merkte 
man bei jedem Wort das Unnatürliche, Gemachte an. 
Genug — es war ein Abend, an den man — aber 
nicht mit erfreulichen Gefühlen — lange denken wird. 
Dazu ward uns ein Dialekt als sächsisch-thüringisch vor 
gesetzt, der von der Etsch zum Belt nie und nirgends ge 
sprochen wird. 
Der freundliche Leser, der geduldig diesen Aus 
führungen gefolgt ist und nicht im Theater war, wird 
vielleicht wähnen, der Referent urteile zu hart. Er sei 
versichert, daß das Gegenteil der Fall ist. Wenn das 
Urteil genau dem Gebotenen entsprechen sollte, müßte 
die Feder spitzer, der Ausdruck der Entrüstung noch 
wesentlich schärfer sein. . . . 
Die zweite Neuheit: Ibsens John Gabriel 
B o r k m a n hat sich etwa ztvanzig Jahre Zeit gelassen, 
um den Weg zu uns zu finden. Die gesamte Vor 
geschichte, der Hauptlebensinhalt der handelnden Personen, 
liegt viele Jahre vor Beginn des Stückes. Und der 
Versuch, einen größenwahnsinnigen Kranken zum Helden 
eines Dramas zu machen, ist, wie es nicht anders sein 
konnte, kläglich gescheitert. Dieser John Gabriel Bork- 
man nennt sich „einen Napoleon, der in der ersten 
Feldschlacht zum Krüppel geschossen ist". Mit seinem 
korsischen Urbild hat er nur gemein, daß er — wie jener 
auf St. Helena — alle seine Taten nur begangen haben 
will zum Wohle der Menschheit. Er hat um äußerer 
Vorteile willen die Geliebte seines Herzens verraten, 
hat gestohlen, betrogen und gefälscht. Er hat einige 
Jahre in Untersuchungshaft und fünf Jahre im Zucht 
haus gesessen und nun erwartet er allen Ernstes schon 
seit acht Jahren täglich und stündlich, daß man seine 
großen Absichten anerkennen, seine Verbrechen erlaubt 
finden und ihn zu neuen großen Ehren abholen werde. 
Er ist offensichtlich geisteskrank. Unser Mitleid kann er 
allenfalls finden, unsere mitempfindende Anteilnahme 
nicht. Das vorwiegend in feldgrauer Kleidung erschienene 
Publikum lachte denn auch mehrfach bei Vorgängen, die 
tragisch wirken sollten. Das ist bedauerlich. Aber dem 
Ernste, mit dem Ibsen uns für die Wahnvorstellungen 
eines Wahnsinnigen empfänglich machen will, kann man 
wirklich nur mit ironischem Lächeln begegnen. 
Die Art, wie die Vorgeschichte des Dramas sich vor 
uns entrollt, in halben Sätzen und Andeutungen, die 
Stimmung, die über dem Ganzen ausgegossen ist, zeigt 
Ibsens Künstlerhand. Wenn wir aber des Bankdirektors 
Geschichte erst kennen, sinkt unser Interesse auf deu 
Nullpunkt. Ein Verbrecher, der unheilbar geistig erkrankt 
ist und sich für einen Eroberer hält, ist als Dramenheld 
unmöglich. Und es wird nicht gelingen, dieses greisen 
hafte Werk des alten Ibsen für die Bühne zu galvani 
sieren. Und weil wir sehen, daß Borkmann in eine 
Heilanstalt gehört, interessiert uns auch das Geschick 
seiner Umgebung nicht erheblich, die ihn seltsamer Weise 
für einen Bollsinnigen hält, löst der Kampf, den der 
Vom Königlichen Hoslheater.
	        

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