Full text: Hessenland (29.1915)

wenn schon äußerlich sehr ähnlich, ist das Verhalten 
der Bevölkerung in den Städten, durch die unser 
Weg ging. Schon viele grüßten uns hier über 
haupt nicht; um so abstoßender wirkte die Art, 
mit der sich uns die halbwüchsigen Mädchen 
näherten und gar begleiteten. Da sahen wir's 
denn, wie später noch viel erschreckender, welche 
Sittlichkeit in diesem Lande der unzähligen Cafos 
und Estaminets herrschte, die nicht nur in den 
Städten, sondern längs der Landstraßen in dichter 
Folge mit den lockendsten Schildern ihr Wesen 
trieben. Schade um das flandrische Volk, das so 
viel deutsches Blut in seinen Adern hat, wie seine 
Sprache deutsch ist, mit der mir so ein kleiner 
Lockenkopf, den ich französisch angesprochen hatte, 
drollig zurückgab: „Kan nit verstau". Fast zu 
Tränen hat mich dies eine Wort gerührt, das mich 
in so selige Tage zurückversetzte, da ich jene schöne 
Geschichte vom „Kan nit verstan" zum ersten Male 
las. — Und heute lebte ich im Krieg. — — 
An diesem 16. Oktober — es war ein Freitag — 
marschierten wir in nicht allzugroßem Marsche von 
Op - Hasselt nach einem kleineren Dörfchen mit 
Namen Berleghem. Hier in Berleghem kam unsere 
Kompagnie in eine Brauerei zu liegen. Meine 
Korporalschaft erhielt ihren Platz oben unterm 
Dach, wo es im Gegensatz zum übrigen Raum 
ziemlich kalt und zugig war. Da wir heute ziem 
lich zeitig in Quartier gekommen waren, konnten 
wir uns unter der Pumpe einnral wieder waschen; 
wir ahnten nicht, daß es das letztemal für langehin 
sein sollte. Zwar gingen wieder wie schon oft 
Gerüchte um, wir kämen andern Tags ins Ge 
fecht, oder eine englische Kavalleriepatronille fei 
gesehen worden; andere wieder hatten gar zur 
Nachtzeit entfernten Kanonendonner gehört — ich 
habe auf all diese Redereien denn doch recht wenig 
gegeben, und wie sich bald Herausstellen sollte, init 
Recht. 
Am Abend trat die Kompagnie tute üblich zug 
weise zum Essenempfang bei der Gulaschkanone 
an, wo für unser leibliches Wohl mit mehr oder 
minder großer Sorgfalt alles bereitet war. Schon 
fing manchmal der Brotvorrat an knapp zu werden, 
und langsam gewöhnten wir uns daran, eine Rübe 
vom Felde als Frühstück zu genießen, oder gar 
nur das Koppel ein Loch enger zu schnallen. 
In der Nacht wurden wir plötzlich alarmiert, 
und kurz nach 4 Uhr morgens rückten wir ohne 
einen Schluck Kaffee oder ein Stück Brot aus 
Berleghem ab. Der Tag brachte uns einen über 
alles anstrengenden Marsch. Heiß war immer uoch 
der Sonnenschein, und Wasser gab's wenig oder 
war zu trinken verboten; dazu hatten viele sich 
völlig die Füße zerschuuden ans dem Pflaster der 
Landstraße. Immer dichter ward der Zug der 
Truppe; ich glaube, daß wohl unsere ganze .. . Re 
serve-Division auf dieser Heeresstraße ihren Weg 
nahm, samt Artillerie und Kavallerie. Besonders 
die Kavalleristen, es waren Jäger zu Pferde iiub 
Ulanen, machten uns viel Freude, und mancher 
zarte und derbe Gruß flog hin unb her, wenn wir 
ihre feldgrau angestrichenen Gäule verulkten. — 
Aber der Marsch ist lang, und der Affe wird mit 
den Stunden nicht leichter. Dann glücklich die 
Kompagnie, in der die meisten Sänger find und 
ein unermüdlicher Spaßvogel, und Wunder ver 
mag eine Mundharmonika zu tun, wenn sie im 
rechten Augenblick gespielt wird. Wenn immer 
wir durch eine Stadt zogen, dann habe ich oder St. 
unsern Zug zum Singen gebracht, wohlbewußt, 
daß mit dem Sange der Schritt noch einmal so fest 
wird, und nicht nur unserm Hauptmaun hat's 
jedesmal Freude geumcht. 
Bei Deynce kamen wir über einen großen Fluß, 
auf dem zahlreiche Schiffe und Lastkähne lagen; 
ich nehme an, daß es die Schelde war. Die Brücke 
selbst war von unfern Pionieren mit großem Ge 
schick wiederhergestellt, uachdeni sie vorher von 
einer feindlichen Patrouille gesprengt worden lvar. 
Kurz hinter Deynce machten wir endlich größere 
Rast. Scholl längst war Mittag vorüber. Die 
meisten lagen inüde neben dem abgehängten Gepäck, 
das in gleicher Ordnung wie die tadellos aus 
gerichteten Gewehrpyramiden die eine Straßen 
seite einnahm. Drüben begann der Sanitäter feine 
Arbeit und der Assistenzarzt schnitt die Blasen an 
den zerschundenen Füßen ans. Andere von uns 
machten sich in den nächsten Häusern zu schaffen, 
wo sie für Geld unb gute Worte ihren .Hunger 
und Durst stillen konnten, aiu ehesten in jenem 
Hause, dessen Wirtin von Geburt eine .Hannove 
ranerin war. 
Spätnachmittags dieses strapazenreichen Sonn 
abend langten wir in unserm Quartier zu Tender- 
ghem an. Wieder erhielt meine Kompagnie die 
Pfarrkirche zugewiesen, die zu öffnen llicht ohne 
Schwierigkeiten vor sich ging: mit vorgehalteilem 
Revolver nur ließ sich der Pfarrer dahin bringen, 
die Schlüssel herzugeben. Er hat's bereut, daß er 
uns für solche Barbaren gehalten, als am cutbent 
Morgen wie einst zu Op-Hasselt unser Choral feier 
lich zu seiner Pfarrwohnung hinüberdrnng und die 
Denderghemer unter uns standen und in ihrer 
Sprache das alte: „Wir treten zum Beten vor 
Gott, den Gerechten" mitsangen. Schnell die Bet 
stühle zusammengestapelt und dicht Stroh zuni 
Lager aufgehäuft, denn der Kirchenboden war 
eisigkalt.
	        

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