Full text: Hessenland (29.1915)

1844 war er seinem Lehrer Werner Henschel nach 
Rom gefolgt, hatte ihm bei der Ausführung seiner 
Arbeiten geholfen und nach Henschels Tod dessen 
Wohnung und Atelier übernommen. Selbst mitten 
im reichen Schaffen stehend, hat er seitdem zahl 
losen jungen Stipendiaten die Wege geebnet. Als 
Veteran der deutschen Kolonie war er wiederholt 
Präsident des deutschen Kunstvereins, der ihn 1880 
zum Ehrenpräsidenten machte. Wie schon erwähnt, 
gehörte er mit seinen Freunden Böckliu, Kaupert, 
Paul Heyse und anderen dem in der Sapienza am 
Piazza Barberini verkehrenden Tugendbund an. 
Immer mehr hat sich inzwischen der deutsche Kunst- 
verein der Pflege der uationaldeutschen Interessen 
zugewandt und nicht nur an den Geschicken der 
Heimat tatkräftig teilgenommen, sondern auch in 
seinem Innern deutschen Geist gepflegt. Gerhardt 
war auch Stifter des Künstlerhänschens in dem 
von Scheffel besungenen berühmten Eichenwald der 
Serpentara im Sabinergebirge, jener Stndienstätte 
der klassischen deutschen Landschaftsmaler, die der 
Verein vor der Axt des Holzhändlers rettete. Seit 
dem unternahm der Verein, den Botschafter v. Bülow 
an der Spitze, dorthin seine herrlichen Frühlings 
fahrten. Dort in der Serpentara nmrde 1805 im 
Beisein Bülows das von Gerhardt modellierte 
Bildnis des deutschen Kaisers enthüllt und dort 
beging, kurz ehe Kassel sich zur Tausendjahrfeier 
rüstete, die deutsche Kunstwelt und der deutsche 
Flottenverein, dessen Präsident Gerhardt ist, den 
00. Geburtstag des Künstlers. Ihn, dem in mehr 
als 50jährigem Aufenthalt Rom zur zweiten Heimat 
geworden ist, wird die Kriegserklärung Italiens 
doppelt schmerzlich berührt haben. Noch weilt er 
in der ewigen Stadt und noch wissen wir nicht, 
ob es ihm, dem 03 jährigen, noch einmal beschieden 
sein wird, den von ihm seiner Vaterstadt gestifteten 
-»■ 
Aus dem Tagebuche eines 
(For 
G. C. Ja, die Flüchtlinge, sie lassen uns merken, 
dast Krieg im Lande ist, und je häufiger sie an uns 
vorüber fluten, wie wir der Front stets näher 
kommen. Erst einzeln, dann kleinere Trupps und 
zuletzt ein ununterbrochener Zug: auf Wagen die 
Reicheren, die Armen zu Fuß mit scheuem, ge 
hetztem Schritt, junge Weiber, die Kinder ans dem 
Arm, die schon größeren am Rock, und Männer, 
die sich schämten und nicht zu uns aufsahen, den 
Kopf nach vorn, ein schweres Bündel auf dem 
Rücken, darin all ihre gerettete Habe; und Greise, 
schwache, gebrechliche, die von den Kindern ge 
stützt werden, und Tränen und Tränen und Weinen 
kleinen Bronzebrunnen am Opernplatz mit eigenen 
Augen zu schauen. 
Die alte stille Sympathie des Deutschen für 
Italien, das jetzt der Verachtung der ganzen Welt 
anheimfiel, ist dahin, ist eine mit Bitterkeit ge 
mischte Erinnerung geworden. Wenn wirklich in 
einigen Jahren die Jtalienfahrer sich wieder gen 
Süden wenden, werden sie von feindseligen Blicken 
umringt sein. Es wird konunen, wie Dehio es 
kürzlich sagte: „Auf der Piazza von Florenz, auf 
dem Markusplatz Venedigs haben wir künftig nichts 
zu suchen; gleichviel, ob wir als Sieger oder Unter 
liegende aus dem beginnenden Kampf hervorgehen 
werden." In diesem beginnenden Kamps aber gilt 
wie zur Zeit der Sachsen und Hohenstaufen die 
Wahrheit des Volksliedes: 
Ich muß an Kaisers. Seiten, 
Ins falsche Welschland reiten, 
gilt der Trutzruf Rudolf Herzogs in seiner „deut 
schen Romfahrt": 
Nun sind wir wach. Der letzte Traum 
Von Treue brach in Stücke. 
Wir prüfen Sattelzeug uud Zaum 
Mit kaltgewordncm Blicke 
Und schärfen unsre Schwerter stumm 
Und schärfen ohn' Ermüden 
Und dreh'n des Pferdes Kopf herum 
Und drehen ihn gen Süden. 
Wir ziehn, >vie kein Germanenzug 
Jemals die Alpen querte; 
Nicht Südens Glanz und Sonnentrng 
Hilst dir von unserm Schwerte. 
Wir suchen dich mit Stahl und Blei, 
Und bist du aufgefunden, 
So soll an deinem letzten Schrei 
Die Ehr' der Welt gesunden. 
— 
Kasseler Kriegsfreiwilligen. 
mng.) 
uild Not und Armut — heimatlos. . . . Das ist 
der Krieg, das ist der Krieg. 
Und alle die Muttergottesbilder, die zahlreich 
am Wege stehen, schauen ernst und traurig her 
nieder, und manches heiße Gebet ist zuin Ge 
kreuzigten aufgerungen, der stumm und doch Friede 
und Hilfe spendend auf den Armen im Wegstaub 
segnend herabschaut. 
Die Dörfer, durch die wir gekommen: überall 
stehen Männer und Frauen vor der Türe und 
grüßen uns demütig. Meist haben die Männer 
ein kleines Kind auf dem Arm, gleich als ob das 
seinem Träger Schutz verleihen sollte. Gailz anders,
	        

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