Full text: Hessenland (29.1915)

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Bäume die Straße beschatteten, und der Kalkstaub 
lag auf deu Wegen, die der alte Portier so zärtlich 
gepflegt hatte. 
Mit dem Haus und dem Garten ist er ver 
schwunden — und was wäre für ihn auch hier 
noch zu tun? Schon erheben sich auf dem alten 
Boden zwei neue kasernenartige Bauten, die höher, 
immer höher über dem Fundamente emporsteigen, 
und ein dritter Bau wird eben an der Ecke be 
gonnen. Denn neue Häuser kann man bald haben; 
aber die Bäume, die gefüllt worden süld, die 
wachsen nicht wieder, und solch einen alten Portier 
werd' ich wohl auch nimmer sehn. Er ist der letzte 
meiner stummen Freunde gewesen; und der letzte, 
wie man zu sagen pflegt, macht die Tür zu. 
Hessen und Italien. 
Plauderei von Paul Heidelbach. 
(Schluß.) 
Der zu Kassel geborene Andreas Achenbach ge 
hörte gleichfalls noch der Glanzzeit dieses roman 
tischen Künstlerlebens in Rom an, und ebenso der 
sehr beachtenswerte Landschafter August Bromeis, 
der einen großen Teil seines Lebens in Rom ver 
brachte. 1813 in Wilhelmshöhe geboren, kehrte er 
erst nach 1866 nach Kassel zurück. Überhaupt war 
damals die Zahl deutscher Künstler in Rom an 
Menge sowohl wie an Wert so hoch gestiegen, wie 
wohl niemals wieder. Ein reges Mitglied des da 
mals in seiner Blüte stehenden deutschen Künstler 
vereins war der Hanauer Maler Heinrich Ludwig, 
der Erfinder der Petroleum-Maltechnik, der mit 
verschiedenen Unterbrechungen zwanzig Jahre in 
Rom verlebte, bei seinem ungemein geselligen 
Talent die berühmten Cervarofeste auch durch seine 
dichterische Kunst verschönern half und überhaupt 
im Veranstalten von Schäferfesten sehr erfindungs 
reich war. Er hat u. a. für die Sylvesterfeier 1858 
das geniale Satyrspiel „Der neue Pygmalion" ver 
faßt, in dem er das Fremden- und Künstlerleben 
in Rom geißelte. Das damals in Rom geradezu 
den Ton angebende, von Jugendlust überschäumende 
Treiben der deutschen Künstlerkolonie konzentrierte 
sich jahrelang in den Frühlingsfesten in den Cer- 
varogrotten, wie sie Ludwig Richter beschrieben 
hat, und weiter in der Ponte-Molle-Gesellschaft, 
deren Zusammenkünfte zu einer Sehenswürdigkeit 
der Siebenhügelstadt wurden und die sich nach der 
ursprünglich geübten feierlichen Einholung des 
fremden Ankömmlings an der gleichnamigen Tiber 
brücke benannte. Als die Gesellschaft aus ent 
legenen Osterien in einen alten Nepotenpalast im 
Fiano übergesiedelt war, waltete zuerst der 1801 zu 
Kirchditmold geborene spätere Direktor der Kasseler 
Akademie, der Historien- und Landschaftsmaler 
Friedrich Wilhelm Müller, dem wir das aufschluß 
reiche Werk „Kassel seit 70 Jahren" verdanken, 
im Schmuck der güldenen Anitskette des Präsidenten 
amtes. Auch sein um zehn Jahre jüngerer, zu 
Kassel geborener Bruder Friedrich Burghard, der 
sogenannte „rote Müller", ein bedeutender Land- 
schafter und Karikaturist („Neue Stiefeln" in 
Piderit's Geschichte von Kassel), lebte eine Reihe 
von Jahren in Italien; auch der als Katzenfink 
bekannte, 1814 zu Kassel geborene und auch durch 
seine Architekturbilder bekannte Zeichenlehrer au 
der Kasseler höheren Mädchenschule. Karl Fink hatte 
sechs Jahre lang Italien bereist und fünf Jahre 
in Venedig verlebt. Als weitere Jtalienfahrer 
dieser Zeit sind noch hervorzuheben der jüngere 
Primavesi, wie sein Vater ein bedeutender Deko 
rationsmaler unserer Hofbühne, der 1812 zu Kassel 
geborene und 1885 hier als Akademieprofessor ver 
storbene Eduard Jhlee, von dessen in Italien ge 
malten Kopien alter Meister unsere Galerie eine 
Anzahl besitzt, der besonders in seinen Aquarellen 
tüchtige, 1818 zu Kassel geborene Akademieprofessor 
Eduard Stiegel und sein Amtsgenosse, der 1826 
in Kassel als Sohn des Staatsministers geborene 
Bildhauer Karl Hassenpflug, ein Schüler Henschels 
und Neffe der Brüder Grimm, deren „Märchen 
frau" am Grimmhause von ihm stammt. 
Wollte man auch das benachbarte Waldeck in 
diese Betrachtung miteinbeziehen, so wären neben 
Josias v. Bimsen, Niebuhrs Nachfolger in Rom, 
der Geschichtsmaler Wilhelm v. Kaulbach, der zu 
Venedig verstorbene Dichter Heinrich Stieglitz und 
vor allem der Bildhauer Christian Rauch zu nennen. 
Unermeßlich würde die Reihe der Hessen, die 
uns im Schrifttum ihre Jtalienfahrt überlieferten, 
vom Mittelalter an bis zu der in Kassel geborenen 
Schriftstellerin Malvida von Meysenbug, die die 
letzten 30 Jahre ihres Lebens in Rom verbrachte, 
wo sie 1903 starb, und bis zu Beatus Rhenanus 
(Theodor Birth), dem an unserer Landesuniversität 
wirkenden Dichter-Professor. 
Noch aus der Glanzzeit des deutschen Künstler- 
lebens in Rom ragt, alle seine Genossen von 
einst überdauernd, der 1823 zu Kassel geborene 
Bildhauer Heinrich Gerhardt in die Gegenwart 
hinein, der sich um das deutsche Kunstleben in 
Rom und die Heranbildung des künstlerischen Nach 
wuchses bleibende Verdienste erwarb. Weihnachten
	        

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