Full text: Hessenland (29.1915)

möglich sein, Maßregeln für das Vaterland zu er 
greifen, die als wirklicher Ausfluß eines ver 
nünftigen Gesamtwillens in unserer ernsten Zeit 
allein den Namen wahrhaft vaterländischer ver 
dienen, Maßregeln, allein geeignet, die Sicherung 
und die Zukunft unseres Vaterlandes zu verbürgen. 
Vertrauensvoll erwarten wir gewährende Ver 
fügungen Eurer Königl. Hoheit, Verfügungen, um 
einem braven, treuen Volk verdientermaßen gerecht 
zu werden, dessen Name durch das bisherige System 
fast zu einem Spott geworden ist unter den Völkern. 
Wollte dazu sich Eure Köuigl. Hoheit aller- 
gnädigst entschließen: 
für alle Fälle politischer Natur vom Jahre 1830 
an bis heute eine vollständige Amnestie und poli 
tische Rehabilitation eintreten und die Ministerial- 
beschlüsse gegen die Deutschkatholiken sofort auf 
heben zu lassen, 
so würde dieses zur Beruhigung der in diesen 
Zeiten und unter den obwaltenden Umständen not 
wendiger Weise aufgeregten Gemüter sicherlich nicht 
wenig beitragen. 
Wir verharren ehrfurchtsvoll Eurer Königl. Hoheit 
untertänige 
Bürger der Stadt Hanau/' 
Eine Deputation, bestehend aus Petro Jung, 
August Schärtner und Wilhelm Wagner, übernahin 
die Aufgabe, die Petition dem Kurfürsten zu über 
bringen, und reiste am 1. März, abends 11 Uhr, 
ab. Alle Häuser waren erleuchtet, und eine große 
Menschenmenge begleitete den Wagen noch über die 
Vorstadt hinaus. (Fortsetzung folgt). 
Julius Nodenberg?) 
Ein Gedächtniswort von Konrad Burdach. 
Was das Schicksal schickt, ertragen, 
Auch im Leide nicht verzagen, 
Ob in Freude, ob in Trauer — 
Glaube niemals an die Dauer. 
Trachte nur, daß vor dem Ende 
Sich dein inneres Sein vollende. 
Diese Verse schrieb Julius Rodenberg als junger 
Mann in sein Tagebuch. Seine Lebensgefährtin, 
die so lange Zeit liebevoll verstehend an seiner 
Seite schritt, fand darin den vollen Ausdruck seiner 
Persönlichkeit, gleichsam den Wahlsprnch all seines 
Strebens, dem er die Treue gehalten auf einem 
langen, an Mühe und an Siegelt reichen Wege, 
bis ins Greisenalter, ja bis in die letzten Stunden 
seines Daseins. Und als sie ihm dieses Grabmal 
errichtete, an dem durch die Meisterhand eines 
großen Künstlers, Hugo Lederers, der mellsch 
liche Kerlt des Heintgegangenen in der Eillheit und 
Kraft des Reliefbildes lebendig lvird und auf die 
zurückgebliebenen Angehörigen, Freunde, Mit 
arbeiter aus wohlbekanntem Antlitz schaut: da 
sollte auch die Stimme des Vielvermißten in jenen 
Worten zu verwalldten Seelen sprechen. So be 
zeugt denn auf dem Stein des Grabmals nach 
dem Willen seiner Stifterin das Bekenntnis aus 
der Jugendzeit Rodenbergs allen, die an dieser 
Stätte andächtigen Sinnes stehen oder in Zukunft 
stehen werden, den Grundtrieb seines Wollells und 
Wirkens. *) 
*) über die Gedächtnisfeier für Julius Rodenberg, die 
bei der Enthüllung des ihm errichteten Gedenksteins am 
4. Juni d. Js. stattfand, haben lvir in Nummer 11 
berichtet. Mit gütiger Erlaubnis des Herrn Geheimrat 
Prof. Dr. Burdach bringen lvir seine Gedächtnisrede im 
Wortlaut. 
Nicht von den Leistungen Julius Rodenbergs, 
von seinen gedanken- und stiinmungsreichen, wohl- 
lautendeit Dichtungen, feinen lebensvollen Schil 
derungen uttd poetischen Gestaltungen des zur Welt 
stadt wachsenden Berlin will ich heute reden. Auch 
nicht von seiner bekanntesten und am weitesten 
wirkenden Schöpfung, der „Deutschen Rundschau", 
die er mit Mut und Umsicht glänzend begründet, 
in vierzigjähriger unerntüdlicher Arbeit und mit 
stetent Einsetzen seiner vollen Persönlichkeit zu einer 
vornehmen, in der gesamten Bildungswelt des Jn- 
und Auslands gekannten und beachteten Sammel 
stätte deutschen Geisteslebens gemacht und, was 
mehr ist, auf dieser Höhe erhalten hat. Die Be 
deutung Julius Rodenbergs in der deutschen Kultur 
entwicklung zu würdigen, bleibt einer späteren, 
friedlicheren Zeit vorbehalten. Mit markigen Um 
rissen hat vor Jahresfrist Max Lenz das ge 
schichtliche Bild Rodenbergs an seinem Sarge tref 
fend gezeichnet und ihn als hervorragenden Organi 
sator des geistigen Aufbaus des jungen Deutschen 
Reiches gefeiert. Heute, in der Erregung des ge 
waltigsten der Kriege — da das Fortbestehen dieses 
Deutschen Reiches von einer haßerfüllten Über 
macht bedroht, da die geistige Einheit Europas 
zerbrochen, ja die Weltkultur in Frage gestellt ist, 
zugleich aber Hoffnungen auf ein neues Deutsch 
land in unsern Herzen pochen — heute sind wir 
nicht gestimmt und nicht fähig zu einem historisch 
kritisch wägenden Rückblick auf ein Einzelleben 
unserer Zeit. Über Wert und Erfolg des Lebens, 
das der Name Julius Rodenberg umschließt, wird 
erst die Zukunft urteilen, die heute so dunkel vor 
uns sich ballt.
	        

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