Full text: Hessenland (29.1915)

Hessen und Italien. 
Plauderei von Paul Heidelbach. 
(Fortsetzung.) 
Louis Spohr ntachte seine für sein Schaffen so 
ergebnisreiche italienische Reise (1816/17) noch vor 
seiner Kasseler Wirksamkeit (1822—57), hatte also 
noch keinen Anlaß, mit den damals in Rom 
weilenden Hessen Fühlung zu nehmen. 1815 hatte 
Ludwig Emil Grimm, der .jüngste der Brüder, 
dessen Monographie wir Adolf Stoll verdanken, 
vom Kurfürsten 150 Taler Reisestipendium für 
Italien erhalten. Im Mai 1816 trat Grimm, der 
spätere Schwiegersohn des gleichfalls in Italien 
vorgebildeten Kasseler Hofmalers Wilhelm Büttner, 
mit Georg Brentano die Reise an und war am 
18. Juni in Rom. Dort traf er die Kasseler Lands 
leute Ludwig Sigismund Ruht, Martin von Rohden 
und den Architekten Johannes Wolfs, den späteren 
Schwiegersohn Louis Spohrs. Abends kam man 
gewöhnlich im Kaffee Greco zusammen, besuchte 
Cornelius und Thorwaldsen, Overbeck und den 
Teufelsmüller, mit dem gelegentlich auch eine 
Partie nach Tivoli unternommen wurde. In Neapel 
wird er von einem Stallknecht aus der Kasseler 
Druselgasse angebettelt, was ihn sehr in Erstaunen 
setzte. Die Engländer schienen schon damals die 
gleichen zu sein wie heute. Wenigstens schreibt 
Grimm in seinen Lebenserinnerungen: „In Rom, 
wie in ganz Italien, haben mich die Engländer 
gestört. Kein Fleck war, wo nicht so ein Mensch 
anzutreffen war, in Galerien, Kirchen, Gärten, 
auf Bergen, Straßen, Schiffen, am Meer, kurz 
und gut überall und überall stand so ein Kerl — 
langen Frack an, die Beine auseinandergespreizt, 
die Hände auf dem Rücken oder ein Glas in der 
Hand: so blieb er unbeweglich und lange stehen, 
schrieb dann ein paar Worte in seine Schreibtafel 
und ging dann, die Hände auf dem Rücken, wieder 
weiter. Zeichnete ich irgendwo, so konnte ich darauf 
wetten, wenn ich mich umsah, so einen wind- 
mühligen Kerl hinter mir stehen zu sehen." Ok 
tober 1817 ist Ludwig Grimm, der uns in seiner 
behaglichen Schilderung über alles Gesehene unter 
richtet, wieder in Kassel. Ganz anders geartet als 
diese Jtalienreise des jungen, mit vollen Zügen 
genießenden Künstlers ist diejenige seines ältesten 
Bruders Jacob Grimm, der erst als 58 jähriger 
1843 dieses Land erblickte. Er, der lieber lernen 
wollte, ohne zu reisen, als reisen, ohne zu lernen, 
drang auf dieser Reise, die seine Brust heilen 
sollte, tief in das Wesen des italienischen Volkes 
ein und hat uns in jener Rebe, in der er 1844 
der Berliner Akademie der Wissenschaften Rechen 
schaft von seinen Eindrücken ablegte, feinsinnige 
Bemerkungen über den Charakter der Italiener, 
die Schönheit ihrer Sprache, ihre Kunst und Poesie 
übermittelt. Alles, was seit je die Jtalienfahrer 
anzog, hat auch auf ihn Eindruck gemacht, die 
Größe und Herrlichkeit der Natur, die reiche Ge 
schichte des Landes, das Zeuge war so vielfacher 
in das Schicksal der Welt eingreifender Ereignisse, 
und die allenthalben auf ihm ausgestreuten Denk 
mäler der Kunst. 
Ein Vertrauter der Grimms, der 1782 zu Kassel 
als Sohn des Stückgießers Karl Henschel geborene 
Bildhauer Werner Henschel, der Schöpfer der Ful- 
daer Bonifatinsstatue, dessen Werke zum Teil noch 
den alten Kasseler Totenhof zieren (Reichenbach, 
Grimm), hatte bereits 1803 als Akademieschüler 
ein Reisebenefiz erhalten, ging aber erst 1805 nach 
Paris, wo er mehrere Jahre Schüler Davids war, 
und wurde dann, als er im Begriff war, nach 
Rom zu reisen, durch Jorome nach Kassel zurück 
gerufen. Fast 25 Jahre später, 1843, sollte ihn 
ein ehrenvoller Auftrag nach Italien führen. Als 
man sich 1823 in Kassel mit dem Gedanken trug, 
den Altmarkt mit einem monumentalen Brunnen 
zu schmücken, hatte auch Henschel einen reizvollen, 
in der Gerlandschen Henschelbiographie abgebildeten 
Entwurf gezeichnet, — die lebensgroße Bronzefigur 
eines jungen Mädchens, das in jeder Hand einen 
Eich- bzw. Druselwasser spendenden Krug hält. 
Der Kurfürst, dem Bürgermeister Schomburg diesen 
Entwurf vorgelegt hatte, ging aber nicht darauf 
ein. Die Idee beschäftigte den Künstler weiter 
und verdichtete sich schließlich zu seiner berühmten 
Brunnengruppe, deren Originalmodell sich jetzt 
im Treppenhaus der Murhardbibliothek befindet. 
Das 1839 vollendete Modell erregte die Aufmerk 
samkeit König Friedrich Wilhelms IV., der sofort 
Henschel den Auftrag gab, die Gruppe für die 
römischen Bäder in Charlottenhof bei Potsdam 
in carrarischem Marmor auszuführen. In Carrara 
suchte er einen geeigneten Block aus, traf in Florenz 
seinen Kasseler Atelierschüler Ernst Müller, der 
einst im Escheberger Kreis als „Urmutter" seine 
groteske Rolle gespielt hatte, und fuhr endlich er 
grauten Haares, wie sein Freund Grimm, in die 
ewige Stadt ein. Hier entstanden außer der 
Brunnengruppe noch eine ganze Reihe hervor 
ragender Werke. Über sieben Jahre hat er, in 
regem Verkehr mit seinen Kasseler Freunden von 
Rohden, Hummel, Kaupert, Ernst Müller und Ger 
hardt, in Rom verbracht. Im Frühjahr 1850 hatte 
er die Heimreise antreten wollen, da erkrankte er
	        

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