Full text: Hessenland (29.1915)

sssííl, 244 
Die größte Bedeutung für die Gestuntlage halte 
die Tätigkeit der 4. Batterie am 23. November. 
Starke russische Kräfte waren aus östlicher, nord 
östlicher und südöstlicher Richtung im Anmarsch, 
um unsern um Lodz fast geschlossenen Ring ihrer 
seits zu bedrohen. 
Zur Abwehr dieser Bedrohung hatte das Armee 
korps seinen südöstlichen Flügel nach Norden zu 
rücknehmen und Kräfte aus der Front herausziehen 
müssen, mit sie nach rückwärts gegen Strykow ein 
zusetzen. Der äußerste linke Flügel dieser Abwehr- 
truppen stand am 23. November früh bei Pale- 
styna, 5 Kilometer nordöstlich Zgierz, im Kampfe 
gegen überlegenen Feind im Nordvsten. Da ging 
die Meldung ein., daß im Norden russische Kolonnen 
in westlicher Richtung ans Biala marschierten, also 
wohl mit der Absicht, nicht nur den Flügel der 
Abwehrtrnppen zu umfassen, sondern weiter aus 
holend gegen beit Rücken der ... Infanteriedivision, 
die südlich Lagiewniki Stare mit der Front nach 
Süden kämpfte, vorzugehen. In dieser äußerst ge 
fährlichen Lage wurde auch bei dieser Infanterie 
division ^der Befehl gegeben zum.Herausziehen von 
Truppen ans der Kampffront und zum Einsatz in 
nördlicher Richtung. Die 4. Batterie stand gerade 
zur Verfügung des Brigadekommandenrs bei Skol- 
niki Male. Sie konnte deshalb diesen dringenden 
Befehl zuerst ausführen und ging 8.30 Uhr vor 
mittags hinter Höhe 214, 2 Kilometer südwestlich 
Palestyna in Stellung. Von dort eröffnete sie so 
fort das Feuer gegen zwei russische Batterien, die 
ans Gegend westlich Szozawin den linken Flügel 
unserer Abwehrtruppen bei Palestyna empfindlich 
flankierten. Dies Feuer der 4. Batterie war so 
wirksam, daß die russischen Batterien beim späteren 
Rückzug alle Mnnitionswagen, zum Teil stark zer 
trümmert, zurücklassen mußten. Dann wurde das 
Feuer übergelenkt ans eine Infanterie - Marsch 
kolonne, die ans Gegend Szozawin in westlicher 
Richtung marschierte. Sie wurde durch das Feuer 
sofort zur Entwicklung nach Süden gezwungen und 
so wirksam beschossen, daß sie ans weiteres Vor 
gehen verzichtete und sich eingrub. Die gleiche 
Wirkung ivurde gegen eine noch weiter westlich in 
(Kegend Cyprjanow erscheinende Marschkolonne er 
zielt. Auch diese entwickelte nach Süden zu Schützen, 
die sich eingruben. Es war inzwischen 40,30 Uhr 
vormittags geworden. Die neuen Abwehrtruppen 
waren noch nicfjt zur Stelle. Der 4. Batterie war 
es während dieser zwei Stunden nicht nur gelungen, 
die Kraft der beiden russischen Batterien, die unsere 
bisherige Flanke empfindlich bedrohten, zu brechen, 
sondern noch eine Umfassungsbewegung zum Still 
stand zu bringen, die unsere bisherige Flanke be 
reits um 4 Kilometer überflügelt. hatte.*) Um 
10,30 Uhr vormittags traf noch eine Batterie eines 
anderen Feldartillcrieregiments eilt und um die 
Mittagsstunde ging die erste Infanterie über die 
Artillerie hinaus nach Norden zum Angriff vor. 
Der rechtzeitigen und so erfolgreichen Tätigkeit der 
4. Batterie ist es zu danken, daß einmal die Ab- 
wehrtruppen ihre Aufgabe durchführen konnten und 
daß der Versuch der Russen, der Infanteriedivision 
während ihres harten Kampfes nördlich Lodz in 
den Rücken zu fallen, mißlang. 
*) Wie später bekannt Ivurde, war zu dieser llm- 
fassnng eine ganze russische Division angesetzt. 
-»-e* 
Der letzte Sahla. 
Ein Gedenkblatt Volt Joachim K ü h n. 
In diesen Tagen werden hundert Jahre ver 
flossen sein, seit ein altes deutsches Adelsgeschlecht, 
das durch eilte Frau in die hessische Geschichte lute 
in die Geschichte des. Hauses Brabant bedeutungs 
voll eingegriffen hat, unter tragischell Umstünden 
iill Mannesstamm erloschen ist; hundert Jahre, seit 
E r n st C h r i st o P h A n g u st v o n d e r S a h l a, 
der letzte Kresse der schönen Nebengemahlin Philipps 
des Großlnütigen, Margaretha von der Sahla, 
durch eigene Schuld in Paris zugrunde gegangen 
ist. Wie das geschah, ist in Hessen unbekannt, und 
fremd ist auch die Lebensgeschichte des Jünglings 
geblieben, in dem die Herren von der Sahla 
endeten; und doch gehörte dieser zu den Persönlich 
keiten, die eines besseren Loses würdig wären. 
Geboren wurde er am kO. Dezember 4701; sein 
Vater, der die Gliter Ober- und Mittel-Sohland 
an der Spree besaß, war ein kränklicher, mystisch- 
exaltierter Mann, der seit einigen zwanzig Jahren 
dem Illuminatenorden angehörte; seine Mutter, 
eine Tochter des sächsischen Konferenzministers 
v. Burgsdorff, stand dauernd in engen Beziehungen 
zu der Herrnhuter Brüdergemeinde.^) Unter diesen 
Umständen wuchs er in einer religiös überreizten 
Umgebung auf, und da er die ungesunde Konstitntioll 
des Vaters geerbt hatte und dieser bereits 1802 
starb, lvurde er zu einem nervös überhitzten und 
phantastischen Knaben, der geistig so schnell heran 
reifte, daß er mit 15 Jahren schwer erkrankte und 
1806 zur Kur nach Karlsbad gesandt werden mußte. 
Dort traten nun Eiliflüsse an ihn heran, die für 
sein ganzes ferneres Leben entscheidend werden 
') Dresdner Geschichtsblätter 1803, Nr. 3, S. 77/78.
	        

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