Full text: Hessenland (29.1915)

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wir in diesen Zweifeln soviel kleiner als unser 
Kaiser Wilhelm, der Mann und fromm-starke Held. 
Erster August, Spätnachmittag: Ich ging gerade 
über die Königstraße nahe am Königsplatz. Vor 
der Hauptpost dichter Menschenauflaus. Alles eilt 
herzu; ich unter ihnen. Da schlagen sie's an die 
Mauerpfeiler und wir lesen's: „Deutschland macht 
mobil!" — 
Deutschland mobil! Jetzt hat alles Bangen und 
Quälen ein Ende und frei wird die Brust uud 
singt inbrünstig und feierlich den deutschen Choral. 
Deutschland mobil! — 
Wie hat mir das Auge geleuchtet gleich tausend 
und abertausend andern, wie mir das Herz ge 
pocht, als ich heimgeeilt durch die Straßen voll 
freudig und doch tief innerlich gestimmter Menschen. 
Wann mußt du fort? — „Ich morgen und über 
morgen und am fünften Tag und sechsten!" Und 
Du? und Du? 
„'s geht los!" bin ich ins Zimmer getreten, 
wo Du so ernst und feierlich, mein Vater, und 
Dü in Tränen, meine Mutter: es ist Krieg! 
Draußen aber läuteten die Glocken von Turm 
zu Turm ümd klangen und sangen durchs deutsche 
Land und riefen zum Dienste, zur Feier der Ehre 
und Bitte an den, der alles lenkt im Reiche der 
Menschen und Welten. Und Alldeutschland betete 
tief und heiß wie nie zuvor. — 
Noch denselben Abend saß ich in ernstem Gespräch 
im Kreise der Familie B. und sprach mit meinen: 
Freund A., dem Musikus, daß wir uns morgen 
zur Stammrolle anmelden wollten und daß wir 
freiwillig eintreten würden und welchen Truppen 
teil wir wählten. So gern wir zusammengeblieben 
wären, diesmal gingen unsere Ansichten scharf aus 
einander : er entschied sich für den Train, ich wählte 
aus vollster Neigung die Infanterie. 
Tags darauf gingen wir beide gemeinsam zum 
Rathause, um uns ordnungsgemäß in die Stamm 
rolle eintragen zu lassen. Unterwegs trafen wir 
noch jemanden, dem bang das Herz ums Liebste 
schlug. Und Stärke durfte ich geben und mir ward 
ein Wort so schön und edel wie selten vorher. — 
Dicht stand vor dem Rathaustor der Drang 
derer, die sich den Satzungen nach zu melden 
hatten. Geistige Elite von den Schulen und Hör 
sälen war die Fülle. Ein Stoßen noch und Schieben 
bis zum Tisch „Jahrgang 1893", und der Beamte 
hatte mich umständlich aufgenommen. 
Draußen aber aus allen Straßen schlug Leben, 
und Leben atmete jedermann, der Kräfte fühlte 
und Kräfte regte, daß die Sonne selbst droben am 
Firmament leuchtender nieberglänzte. Am regsten 
war's ringsum in den Kasernen, der Kaserne der 
83 er. Wie saug's und jubelte es aus allen Stuben 
dort und Fenstern, ein Grüßen laut und Abschied- 
nehmen ernster Art von Lieben, die hereinge 
kommen. Plötzlich: „Schtingdara und bnm!" und 
aus deni Hof mit klingendem Spiel zieht die Fahnen 
kompagnie, die heiligen, sieggekröntcn Zeichen ein 
zuholen. Vorbei an der Wohnung des Obersten, 
Grafen von Moltke, der ernst und feierlich herab 
grüßt, zum kommandierenden General. Schon 
wartete der ihrer und gab die Fahnen heraus, daß 
sie zu neuem Ruhm und Sieg getragen würden. 
„Auf Wiedersehen, Kinder!" — Heih, wie die 
Trommeln gewirbelt haben und der Marsch ge 
schlagen ist: Im Schritt und Tritt und Tritt 
und Schritt bin ich mit denen marschiert und habe 
sie beneidet, daß heute noch sie hinausziehen 
konnten. — — — 
Und dann am Nachmittag, als das Regiment 
ausrückte! Wer kann das schildern, was da in 
unsern Seelen gelebt hat: Lust und Schmerz und 
Jubel rang sich durch zu lautem Lied und Ruf. 
Wie sie dahinzogen ... und wer kehrt wieder?... 
Wen gab es, dem die Stunde nicht bis tief ins 
Innere gedrungen wäre; hat doch mein Bruder 
August, der als Sextaner mit mir im dichten 
Schwarm der Begleiter wacker durchmarschierte, dort 
am Bahnhof, als wir nicht weiter folgen konnten, 
so bitterlich geweint wie kaum ein anderer.... 
Tag für Tag ein gleiches Bild und jeden Tag 
gleich herrlich wie am ersten: des Landes Kraft 
stellte sich ein. Wie oft stand ich mit Dir, lieber 
Vater, morgens aus dem Balkon und wir sahen 
sie in Reih und Glied die Wilhelmshöher Allee 
Herabkommen, die von den ersten Zügen herein 
gebracht waren, daß sie des Kaisers grauen Rock 
anzögen. Die kamen herein, jene zogen aus, und 
so ging es Tag für Tag und zu allen Stunden 
war des Jubels viel auf den Bahnhöfen der durch 
fahrenden Truppen. 
Endlich der fünfte August! Das Regiment 83 
stellt die ersten Freiwilligen ein. Du hast mich 
begleitet bis vors Kasernentor und kaum bist Du 
zwanzig Schritt weiter gewandelt, lieber Vater, 
als ich schon als einer der Letzten im geschlossenen 
Zug an Dir vorbeimarschiert bin bis tief ins 
Innere der Stadt, ungewiß, wohin, aber freudig, 
daß ich's kaum ermessen konnte. Wie ganz anders 
diese meine Freude, daß ich Soldat werden durfte, 
im Gegensatz zu einer andern, die ich damals sah, 
daß jemand nicht des Königs Rock anzuziehen 
brauchte! — 
Das war unser erster militärischer Dienst, daß 
wir aus dem Zeughaus Waffen herbeischleppten in 
die Kaserne. Wie stolz bin ich gewesen, als ich 
zum ersten Male die kühle Wehr ergreifen durfte
	        

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