Full text: Hessenland (29.1915)

mit einem hölzernen Schutzdach versehen war. 
Zahlreiche deutsche Soldaten, aber auch Engländer, 
die am Fuße des Berges ihr Biwak hatten, haben 
sich hier in mehr oder weniger gelenken Zügen 
verewigt. Von hier oben aus empfing siedendes 
Pech und geschmolzenes Blei den Belagernden, 
aber auch ein reichgefüllter, von Regenwasser 
unterhaltener Fischbehälter befand sich hier, so daß 
Enguerrand, eine seltsame Spielerei, auf der Zinne 
seines Turmes sich sogar dem Angelsport hingeben 
konnte. Me Legende läßt ihn auch grausame Hin 
richtungen auf dieser Plattform vollziehen und weiß 
besonders von drei unglücklichen Bauern zu be 
richten, die dazu verurteilt waren, sich von hier in 
die gähnende Tiefe zu stürzen. Zwei lagen bereits 
mit zerschmetter 
ten Gliedern un 
ten, nur der dritte 
hielt noch am 
Rande des Ab 
grunds inne. 
„Was," rief er 
zürnt Enguer 
rand, „du 
nimmst zwei An 
läufe und 
springst immer 
uochnicht?"Zit- 
ternd erwiderie 
der Bauer: „Ver 
sucht es selbst, 
Herr, ich gebe 
Euch sogar drei 
Anläufe vor." 
Der Mächtige ge 
ruhte zu lächeln 
und der furcht 
same Springer schritt gerettet die Treppenstufen 
hinab. 
Ein derartiges, mit allen erdenklichen Mitteln 
der Abwehr ausgerüstetes Verteidigungsmittel 
mußte den Zeitgenossen uneinnehmbar erscheinen, 
und wir begreifen es, daß am Schloß dieses 
mächtigen Vasallen, der den Ehrgeiz gehabt haben 
soll, König von Frankreich zu werden, der stolze 
Wahlspruch stand: 
Roy ne suis 
N<e prince, ne comte, ne duc aussy 
Je suis le Sire de Coucy. 
Baudenkmäler sind immer der Abdruck der Zeit, 
die sie errichtete. Alles in dieser Festung, Treppen 
stufen, Steinbänke, Brustwehren scheint für Men 
schen von übernatürlicher Größe geschaffen zu sein. 
Aber die Vasallen Ludwigs des Heiligen und 
Philipps des Kühnen waren nicht mehr aus dem 
Holze, solche Burgen zu bauen. Sie konnten sich 
nicht mehr entschließen, in diesen armselig er 
hellten, unwohnlichen Gewölben in Gegenwart der 
Mannen die Tage einer langen Belagerung aus 
zuhalten, mit ihnen Brot und Vorräte zu teilen. 
Enguerrand III. war der letzte und größte Ver 
treter der heroischen Zeit. Als sich gegen Ende des 
14. Jahrhunderts die feudalen Sitten, roh wie sie 
waren, in ihr Gegenteil wandelten und der Sinn 
für Luxus und feine Lebensführung erstarkte, ließen 
die Herren von Coucy an der am wenigsten zu 
gänglichen Stelle jenen, dem Eingangstor gegen 
überliegenden eleganten dreigeschossigen Herrenbau 
mit den zahlreichen, nach der Landschaft hin offenen 
Fenstern errichten, den man zu ebener Erde durch 
fünf breite, nach 
dem Burghof hin 
offene Arkaden 
mit gotischen 
Spitzbogen be 
tritt. Es entstan 
den 1387 unter 
Enguerrandvil., 
dem Letzten des 
im Mittelalter so 
mächtigen, mit 
denKöuigsfami- 
lien von Frank 
reich , England 
und Österreich 
verwandten 
Hauses Coucy, 
in der Nähe der 
Kapelle, die, wie 
ein Dichter des 
15. Jahrhdts. 
sagt, eines Nero 
würdigen Küchen und vor allem auch der 70 Meter 
lange Rittersaal mit seiner reichen Architektur, 
durch dessen hohe Fenster das volle Tageslicht 
Hereinströmen konnte und von dessen Galerie aus 
die Herren von Coucy, von der Menge getrennt, 
mit ihren Damen den Spielen und Tänzen zu 
sahen. Seinen Namen „Salle des Preux“ trug 
dieser Saal nach den berühmtesten, dem biblischen 
und profanen Altertum sowie dem legendären und 
christlichen Mittelalter angehörenden neun „Hel 
den" Josua, Judas Makkabäus und David, Hektar, 
Julius Caesar und Alexander, König Artus, Karl 
dem Großen und Gottfried von Bouillon, die in 
den reich skulpierten Nischen überlebensgroß in den 
weißen Stein gehauen waren. Dem Eingang gegen 
über liegt der „Saal der Heldinnen", Salle des 
Preuses (Semiramis, die Skythenkönigin Tho- 
inyris, Penthesilea usw.), die in erhabener Arbeit 
Burgruine Coueu im Aisnedepartement.
	        

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