Full text: Hessenland (29.1915)

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ist dieses Motiv in einer ganzen Anzahl von 
Balladen behandelt und war so beliebt, daß diese 
sehr alte und oft gesungene Ballade sogar einen 
Gattungsnamen hatte nach dem Minnesänger Rein- 
mar von Brennenberg, wie ja auch Tannhäuser 
den Anstoß zu einer wundersamen Vermengung 
anderer Überlieferungen gegeben hat. Dieser Bren 
nenberger wurde auch in Dänemark und Schweden 
lokalisiert als Ballade vom Herzog Friedeborg. 
Ihren Stofs fand diese tragische Liebesballade tu 
Frankreich. Die Bretagne berichtet von einem 
Ritter, in dessen Herz sich zwölf liebende Frauen 
teilten und es verzehrten, während in der Provence 
die Dame, die den Troubadour liebt, sein Herz 
verzehrt. Das geht dann mit Berufung auf die 
Überlieferung in der Provence über in den „De- 
kamerone" des Boccaccio. Diese Geschichte von 
Guiscardo und Ghismonda wurde int 16. Jahr 
hundert benutzt von dem Vater des deutschen 
Romans, dem „selbstwachsenen" ehrlichen Colmarer 
Jörg Wickram und schließlich von Bürger in einer 
seiner wüstesten Leistungen „Lenardo und Blandine" 
behandelt. Der berühmteste Träger dieses Stoffes 
aber ist in Frankreich zu suchen. Es ist der Kastel 
lan von Couch. Der schöne feingebildete Kastellan, 
der drunten in der Ebene von La Före von edler 
Damenhattd als der mutigste Ritter des Landes 
den Preis erhielt, hatte sich in eine Frau verliebt, 
die die meisten Schriftsteller Gabrielle von Lever- 
gies nennen, die mit dem unweit St. Quentin 
lvohnendcn Schloßherrn von Fayel vermählt lvar. 
Dieser, durch eine eifersüchtige Dienerin gewarnt, 
beschloß, den glücklichen Ritter aus dem Lande zu 
entfernen, und küttdete seine Teilnahme am Kreuz 
zug an. Auch Renaud, der Kastellan von Couch, 
rüstete sich nun zur Fahrt ins heilige Land, bann 
aber stellte sich Gabrielles Gatte krank und Renaud 
utnßte allein abreisen. Seine Dame gab ihm auf 
die Fahrt ein seidenes Netz mit, worin sie auch 
voit ihrem eigenen Haar gesponnen hatte. Zwei 
Jahre später durch das Schwert eines Sarazenen 
tödlich getroffen, beauftragt er seinen Knecht, seilt 
Herz einzubalsamieren und es samt dem Netz ititb 
einem Valetbrief der Dame von Fayel zu bringen. 
Unter den Mauern von Fayel trifft der Knappe 
den Schloßherrn, der ihm das Kästchen abnimmt, 
das Herz von seinem Koch zubereiten, es seiner 
Gattin vorsetzen läßt und sie dann in teuflischer 
Bosheit fragt: „vams, uves vous mangié bonne 
viande?“ Starr vor Schrecken fällt sie in eine 
tiefe Ohnmacht und verstirbt alsbald unter schreck- 
lichcu Zuckungen. Nach anderer Lesart erklärt die 
Dame von Fayel, als sie erfährt, was sie verzehrt 
hat, nach so edlem Fleisch könne sie nie wieder 
etwas essen, und grämt sich in einsamer Kammer 
fastend zu Tode. Diese Geschichte war so bekannt, 
daß noch in der etwas spielerischen Tafelrunde zu 
Wetzlar, in der Goethe als Götz von Berlichingeu 
saß, auch der Kastellan von Couch vertreten war. 
Gekrönt aber wurde diese ganze Überlieferung, die 
im Mittelalter übrigens auch Kourad von Würz 
burg in seiner „Herzmäre" behandelte, von Lud- 
wig Uhland, der 1812 in vollendeter Weise den 
Kastellan von Couch in einer seiner berühmtesten 
Balladen verklärt hat. Er lehnt sich in dieser Herz- 
märe, die fast in jeder Strophe ganz ungezwuttgett 
das Wort „Herz" anbringt, eng an die Über 
lieferung an bis zu jenem tragischen Tod der 
Dante, nachdem sie das 
Herz des Kastellans von Couch, 
Der so zärtlich Lieder girrte, 
verzehrt. 
„Ja, ich bin dem Tod geweihet, 
Jedes Mahl ist mir verwehret: 
Nicht geziemt mir andre Speise, 
Seit mich dieses Herz genähret. 
Aber Euch wünsch' ich zum Letzten 
Milden Spruch des ew'gen Richters." 
Dieses alles ist geschehen 
Mit dem Herzen eines Dichters. 
Wir wissen heute seit Gaston Paris und Laug- 
lois, daß die Erzählung vom Kastellan von Couch 
und der Dame von Fayel nicht historisch ist. 
Wohl aber gab es unter den Kastellanen Couchs, 
von deneit manch einer gleich seinem Herrn an 
den Kreuzzügen und anderen kriegerischen Unter 
nehmungen teilnahm, jenen durch feine Lieder, 
die zum Teil mit ihren Melodien noch auf uns 
gekommen sind, berühmten Renaud oder Reguier 
de Magny (Renaldus), Herrn von Nancel, Sohn 
des gleichfalls als Kastellan von Couch bekanntctt 
Guy IV. Er war — mir denken unwillkürlich an 
Egmont — Vater von sieben (1198 urkundlich 
bezeugten) Kindern und mit seiner Tante Mau- 
duite veriuählt. Seine Verse sind von köstlicher 
Frische und Anmut und charakteristisch für die 
französische Poesie zu Ausgang des 12. Jahr 
hunderts. Die Blume, die sich dem Tau öffnet, 
der singende Vogel, der murmelnde Quell, der 
funkelttde Stern, alles lveckt ihm die Erinnerung au 
den Gegenstand seiner Liebe, und von ergreifender 
Schönheit sind die schmerzvollen Abschiedsworte, 
die er vor seinem Auszug ins heilige Land an die 
Geliebte richtet, 
folgt.)
	        

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