Full text: Hessenland (29.1915)

eine Freude zu machen, haben wir das ganz schmale 
Gäßchen, das zu unserm „Häuschen" führt, nach 
seinem Namen benannt. Haben ein feines Schild 
„H-'gasse" malen lassen und es heute morgen an 
gebracht. Dann wurde der auf diese Weise hochgeehrte 
Hygieniker hingeführt. Eine Aufnahme seiner Figur, 
seiner Desinfektionskolonne mit der Kalkkarre be 
schloß diese erhebende Feier. Zum Mittagessen war 
ein Kriegsgerichtsrat da. Nach Tisch Spazier 
gang mit M. und H., erst zu den Baiern bei 
den ... om-Ringkanonen, die gerade schossen, alle 
8 Minuten einen Schuß. Der Batterieführer zeigte 
uils die bisher erkundeten Stellungen der fran 
zösischen Artillerie — ganz enorm, welche Ge 
schütze wir uns gegenüber haben. Hörten hier, daß 
kürzlich eine Granate unserer schweren Feldhaubitzen 
in eine marschierende Kolonne eingeschlagen sei, 
30 Mann getötet, 70 verwundet habe! Ganz 
enorm! Sie streuen allerdings auch auf 500 Meter! 
Gingen dann in Richtung auf M. zu in einen 
herrlichen Kiefernwald und in ein so idyllisches 
Tal, daß man ganz vergißt, in Feindesland und 
im Krieg zu sein. Das Herz tut einem nur immer 
weh, wenn man überall die Verwüstungen in den 
Wäldern sieht. Was da alles abgeholzt ist! Auf 
30 Jahre hinaus mindestens ist der Waldbestand 
vernichtet! Wenn man bedenkt, wie lang sich 
unsere Stellung hinzieht, und daß auch bei den 
Franzosen drüben nicht weniger gewütet wird, 
so kann man sich einen Begriff machen, was das 
Land allein in der Hinsicht auszuhalten hat! Und 
was wird alles noch im Rücken der Armee ver 
braucht! Überall werden Bäume gefällt, Bretter 
und Balken geschnitten und das beste Holz wird 
verbrannt! Den ganzen Nachmittag tobte ein 
schwerer Artilleriekampf in der Stellung des 
aktiven Korps. Von der Höhe hinter T. aus 
konnten wir es deutlich beobachten. Wie ich nach 
her hörte, hatten die Franzosen vergeblich ange 
griffen. — Was man alles für Leute trifft! So 
ist z. B. die Ordonnanz bei der Telephonstation 
hier, der mich immer ans Telephon ruft, ein — 
Predigtamtskandidat. Ein Pionierunteroffizier, mit 
grauem Kops und Brille, ist im Leben Regierungs 
baumeister; jetzt baut er hier mit bei der Wasser 
leitung an der Straße. — Im ganzen kamen 11 
Verwundete. 
3. 2. Die ganze Nacht hatte unsere schwere 
Artillerie gearbeitet und die feindlichen Schützen 
gräben beschossen, um den für heute geplanten An 
griff auf Höhe 191 nördlich M. vorzubereiten. 
Ich ließ alle Vorbereitungen treffen, telephonierte 
zur Vorsicht noch einmal an die Division und 
erhielt von dieser meine Annahme bestätigt, daß 
der Alarmbefehl nur den Regimentern galt, nicht 
uns. Also konnte man alles wieder auspacken. 
Nun warteten wir gespannt der Dinge, die da 
kommen sollten, und gingen, um etwas zu sehen, 
auf unsere Höhe 19-1. Der Angriff war in der 
Weise vorbereitet, daß die Stellung der Fran 
zosen durch einen Stollen unterminiert tvar, i» 
den 60 Pfund Pulver gebracht waren. Dieser 
sollte Punkt 12 Uhr in die Luft gesprengt werden, 
gleichzeitig sollte die gesamte Artillerie und In 
fanterie des ... Reservekorps, des ... Reserve- 
und des ... aktiven Korps ein starkes Feuer 
auf die französischen Stellungen eröffnen, um da 
mit den eigentlichen Angriffspunkt zu verschleiern. 
Der Plan gelang vollständig und um so leichter, 
da die Franzosen starke Kräfte vor der Stellung 
des ... Korps zusammengezogen und hier selbst 
einen Angriff geplant hatten. So brachte unser 
Vorstoß auf M. dem ... Korps eine große Er 
leichterung und gelang gut, da es bei den Fran 
zosen an der sonst immer übermächtigen Artillerie 
fehlte. Punkt 12 Uhr flog die Sprengungsstelle 
in die Luft. Im ersten Anlanf ging es gegen 
den ersten feindlichen Schützengraben, hier wurde 
mit Handgranaten gearbeitet. Die Franzosen 
streckten sofort die Waffen, so daß sich die Leute 
hier gar nicht aufhielten, über den Schützengraben 
hinwegsprangen und noch gleich den zweiten 
dahinterliegenden Graben nahmen. Nach einem 
zweiten Angriff gelang es auch, den Gipfel der 
Höhe zu nehmen und den jenseitigen Hang hinunter 
bis 100 Meter vor M. vorzudringen. Am süd 
lichen Hang grub man sich ein, und die Stellung 
wurde gleich befestigt. Die Franzosen mußten M. 
daher räumen, da dieses in unserm Infanterie- 
feuer lag. Unsere stürmenden Truppen hatten 
natürlich ernste Verluste, aber glücklicherweise meist 
leichter Natur. Reserveregiment ... und ..., die in 
V. und Le C. in Ruhe lagen, waren als Reserve 
herangezogen und übernahmen später die Stellung 
der völlig erschöpften Stürmer; diese wurden 
herausgezogen. Der vorzüglich angesetzte Angriff 
war eine glänzende Leistung. der betreffenden 
Truppen, wenn man bedenkt, daß diese seit dem 
13. 9. 1914 hier in Stellung und noch nie abgelöst 
waren, während die Franzosen fortgesetzt wechseln 
und bei ihnen dauernd neue Truppen eingesetzt 
werden. Die gegenüberstehenden Franzosen be 
standen dazu noch aus Elitetruppen, Kolonial 
infanterie usw. Übrigens war am Tag vorher 
schon (2. 2.) ein Pionierdepot aus Höhe 191 durch 
das Feuer unserer schweren Artillerie in die Luft 
gesprengt. Der Korpsbefehl vom heutigen Tage 
lautete: „Die Reserveinfanterie-Regimenter . . . 
und ... haben, unterstützt durch die Pioniere und 
durch die treffliche Mitwirkung unserer Artillerie,
	        

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