Full text: Hessenland (29.1915)

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Der Wohnbau auf 
Von Ernf 
Die bekannte Burgruine Grebenstein, idyllisch 
und schön an der gleichnamigen Stadt gelegen, 
bietet an sich eigentlich recht wenig. Von den 
ehemaligen Gebäuden ist das meiste abgerissen, 
und nur der kolossale Wohnbau ragt in seinen 
Umfassungswänden noch empor. Dieser Wohnbau 
kann das Auge des Wanderers auch nicht beson 
ders befriedigen, weil seine geradlinigen Umrisse 
und der ganze kastenförmige Aufbau das Roman 
tische vermissen lassen. Um so interessanter ist der 
Bau an sich für den aufmerksamen Kenner. Mit 
Leichtigkeit lassen sich aus den vorhandenen baulichen 
Resten die ehemaligen Einrichtungen erkennen. 
Obgleich sich der Bau noch in verhältnismäßig 
gutem Zustande befindet, kann ich aus eigener 
Anschauung mitteilen, daß die Ruine durch den 
Einfluß von Wind und Wetter und dann auch 
durch Menschenhände fortwährend zu leiden hat. 
So wurden ungefähr vor 30 Jahren bei An 
bringung eines trigonometrischen Zeichens auf der 
Nordwest - Ecke mehrere Decksteine vom Haupt- 
gesimse hinabgeworfen. Diese sind natürlich unten 
beim Aufschlagen zersprungen und werden nicht 
mehr aufgebracht werden können. Mehr noch zu 
beklagen ist eine Zerstörung, die erst in letzter 
Zeit vorkam. Es wurden wiederum an der Nord 
seite Decksteine des Hauptgesimses heruntergeworfen, 
die beim Fallen die Kragsteine eines Kamines zer 
störten. Die gewaltsame Zerstörung von Teilen 
der gotischen Fensterkreuze, dann das Verschlagen 
der Türengewände usw. mit Krampen und Eisen für 
die Zwecke eines Wirtschastsbetriebes müssen gleich 
falls als sehr bedauerlicher Eingriff erwähnt werden. 
Der Bau ließe sich mit seinen vier Stockwerken 
bei seiner lichten Länge von 33 m in eine große 
Anzahl voll Räumen einteilen, die wirtschaftlich 
Burg Grebenstein. 
^Happel. 
für irgend einen Zweck nutzbar gemacht werden 
könnten. Die obige Zeichnung zeigt uns, wie er 
einstmals im Innern aussah. 
Unser gegenwärtiger großer Weltkrieg wird uns 
bei seinen enormen Verlusten und Verwundungen 
vor die außerordentlich wichtige Aufgabe stellen, 
zahlreiche Krüppelheime aufzutun, in denen den ar 
beitsunfähigen Kriegern ein sorgenfreier Aufenthalt 
gesichert ist. Die herrliche Lage des Burgberges 
und seine gesunde frische Luft machen gerade diesen 
Ort für einen derartigen Zweck besonders geeignet, 
und es würden zwei dankbare Aufgaben gelöst, 
wenn der Burgbau in seiner ehemaligen Form 
ausgebaut und dem vorbezeichneten Zwecke zuge 
führt würde.*) Die Erfordernisse der Neuzeit lassen 
sich mit den alten Einrichtungen sehr gut ver 
binden. So würde man unter allen Umständen 
eine Zentralheizung anlegen und würde trotzdelll 
die schönen alten Kamine bestehen lassen. 
Sollte es sich gar nicht vermeiden lassen, dann 
wäre es auch kein Unglück, wenn man, genau den 
vorhandenen angepaßt, an geeigneter Stelle ein 
oder mehrere Fenster einbricht. Diese Fenster müssen 
allerdings die alten Abmessungen behalten, auch 
wenn sie etwas llein sind, damit das geschichtliche 
wahre Bild nicht verwischt wird; nur an der Süd 
seite des Unterstockes sind Fenster unzulässig, weil 
diese Seite in der Angriffsfront liegt. Die Zu 
gänglichkeit des Schloßberges könnte ohnehin in 
der bisherigen Weise gewahrt bleiben. 
*) Neuerdings soll auch eine der schönsten Rhein 
burgen, die vor etwa zehn Jahren restaurierte ehemalige 
nassauische Feste Marksburg bei Braubach, als Heim für 
Kriegsbeschädigte eingerichtet werden. In einem Aufruf 
bittet der Vorstand der Vereinigung zur Erhaltung deut 
scher Burgen um Beiträge zur Herrichtung der Burg 
für diesen Zweck.
	        

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