Full text: Hessenland (29.1915)

Wäldern, Schluchten und Höhen. Und doch sollte 
bald wildester Kampflärm die friedliche Festesstille 
stören. Der Sturm aus den Kobila war angesagt! 
Unsere Artillerie begann den Tanz. Schweres 
und leichtes Geschütz warfen ihre Granaten und 
Schrapnells gegen die auf dem steilen Berghange 
nur schlecht erkennbaren russischen Stellungen. Mit 
gutem Erfolg, denn man sah teilweise die Russen 
aus ihren Gräben zurückflüchten. Dann sprach das 
kleine geschwätzige Maschinengewehr sein bleiernes 
iWort. Geschützdonner undMaschinengewehrgeknatter 
mischten sich zu einem einzigen lauten Brausen. 
Gegen Mittag rückten die Jnfanteriekompagnieu 
vor. Der Angriff sollte von rechts her aus der 
Flanke, von der Landzunge her durchgeführt werdew; 
bald geriet die Infanterie in furchtbares Feuer, 
Flankenfeuer von rechts und links, Geschoßhagel 
von vorn. Noch einige kurze Sprünge, gruppen 
weise, dann einzelne. Nun ging es nicht weiter. 
Von allen Seiten prasselte der Geschoßhagel herein. 
So kam der Abend des ersten Feiertages. Die 
Mannschaft grub sich in der erreichten Stellung 
ein und verbrachte die Nacht gefechtsbereit. 
Mit dem zweiten Feiertag brach ein neuer Früh 
lingstag an. Schon seit dem frühen Morgen war 
links bei unsern Verbündeten ein heftiger Kampf 
im Gange. Man sah in der Ferne dünne Schützen 
linien sich gegen den Jawirska vorwärtsarbeiten, 
von russischen Schrapnells übersäumt. Auch unsere 
Artillerie unterstützte den Angriff von der Flanke 
her. Näher rückten von links die österreichischen 
Linien, heftiges Gewehrfeuer schlug ihnen ent 
gegen, sie nahmen das Feuergefecht auf. 
Jetzt war es Zeit für uns! Ein Teil des Feuers 
war abgelenkt, jetzt oder nie mußte der Sturm auf 
jene starken Höhen glücken. Die Artillerie ver 
legte ihr Feuer nach rechts, auf die Hauptstellung 
der Höhen 600 und 640, die Maschinengewehre 
bearbeiteten flankierend die russischen vordersten 
Gräben, wieder wie am Tage vorher ging ein 
Höllenlärm brausend über die Berge. 
Unsere Infanterie hatte etwas Luft bekommen. 
Schritt für Schritt rückte sie näher den Hang her 
auf. Auf 400 Meter bekam sie zuerst den Gegner 
zu Gesicht. Schützenfeuer! Dann weiter bis auf 
Sturmstellung heran. Unterdessen bearbeiteten die 
Schwesterwaffen unaufhörlich den Feind. 
Und nun auf Sturmstellung! Entfernung 150 
Meter. Mit breiten Drahtverhauen hatte der Feind 
die Landzunge versperrt. Ein wildes Abwehr 
feuer der Russm zwingt die vorderste Linie nieder. 
Maschinengewehre werden vorgebracht, sie kämmen 
den nahen Schützengrabenrand ab. Das schasst 
Luft. Aus der feindlichen Linie winken weiße 
Tücher; Russen, ihre Waffen fortwerfend, laufen 
über. Aber hinter ihnen prasselt schon ein neuer 
Hagel drein. Reserven sind eingerückt und haben 
die Stellung besetzt. Nur der Sturm schafft Er 
lösung! Sprung auf — auf — marsch, marsch! 
Das erste Hurra erschallt, die erste Linie bricht vor, 
von Mund zu Mund pflanzt sich der Schlachtruf, 
eine Linie reiht sich an die andere. Das Hurra über 
tönt den Schlachtenlärm, Geschütz und Maschinen 
gewehr schweigen. 
Bon zwei Seiten angefaßt, weicht der Feind 
aus seiner festungsartigen Stellung ins Tal. Was 
nicht mehr hinwegkommt, wird gefangen. Maschinen 
gewehre und reiche Munition werden erbeutet. 
Lange Gefangenenkolonnen ziehen südwärts zurück. 
Schützenlinien drängen dem fliehenden Feind ins 
Tal nach. Die Truppen sammeln sich auf der 
Höhe. Deutsche und Österreicher schütteln sich be 
wegt die Hände. 
Die sinkende Sonne verklärt das Bild des Sieges. 
Welch wunderbare Fernsicht bietet die eroberte 
Höhe, hinweg über die Berge, zu Füßen das Tal — 
und der Feind! 
Herr Scheffer und sein Reserve-Korps. 
(Im Januar 191!, von einem Freiwilligen im Schützengraben verfaßt.) 
Herr Scheffer galoppiert hervor: 
„Ich grüße dich, Reservekorps! 
Mach' deine Sache gut! 
Du bist so frisch, so rot, so jung, 
Dein Herz glüht von Begeisterung, 
Gott helf dir, junges Blut!" 
Im Fluge ging's gradwegs nach Ost, 
Nicht folgen konnten Brief und Kost, 
Der Rucksack wurde schwer 
Und auch der Russe war schon da. 
Herr Scheffer reckt sich hoch: „Hurra! 
Jetzt zeig', Korps, dein' Ehr!" 
Und eine Sturmflut steigt empor, 
Sie wälzt sich auf das junge Korps, 
Der Alte ruft: „Kopf hoch! 
Reicht euch die Hand' zu festem Wall', 
Daß dran zerschellt der Russen Schwall, 
Laßt nirgendwo ein Loch!" 
Die Flut braust an, und sie zerrinnt 
Vor unserm schrillen Kugelwind. 
„Das habt ihr gut gekonnt!" 
Doch hinten naht es wieder schwarz. 
Er beißt die Spitzen seines Bart's: 
„Verdammt! Kehrt Marsch — und Front!" 
Und „Kehrt" und „Front" und „Losgelöst", 
„Dem Feinde Schrecken eingeflößt!" 
So heißt es beim Zurück. 
„Schick' mir noch drei Armeekorps her, 
Herr Hindenburg, ich bitte sehr, 
Es gilt Ostpreußens Glück." 
Drauf Hindenburg zu Scheffer spricht: 
„Ich kann dich länger missen nicht, 
Ich brauch' dein tapf'res Korps. 
Ostpreußen, das kommt später ran, 
Jetzt eile, daß ich schlagen kann 
Den Russen hier zuvor!"
	        

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