Full text: Hessenland (29.1915)

Türken stände alles sehr gut. Die angebliche Nieder 
lage eines ganzen türkischen Korps im Kaukasus sei 
unwahr, es hätte sich nur darum gehandelt, daß 
beim Vormarsch dreier getrennter Korps die Vor 
hut eines Korps überrumpelt und aufgerieben sei. 
Der Zar sei sehr für den Frieden, könne aber 
gegen den Nikolajewitsch nichts machen, dieser sei 
die Seele und der Urheber des ganzen Krieges, 
o. Sp. wußte noch mehr, auch über die äußere 
politische Lage, er dürfe aber »licht darüber sprechen. 
Als Neustes brachte er dann noch die Nachricht mit, 
daß in der Nordsee eine Seeschlacht stattgefunden 
habe, bei der wir den Kreuzer „Blücher" verloren 
hätten. Aus dem Hinweg war ich am Park von F. 
hergeritten und konnte konstatieren, daß die ganze 
Anmarschlinie G.—F.—R. fest mit Granatlöchern 
besät war. Nach Haus ritt ich über Höhe 194. 
Als ich oben auf dem Berg war, sah ich dicke 
Rauchwolken aus R. aufsteigen und gewahrte beim 
Näherreiten, daß eine große Scheune jenseits des 
Baches in Brand stand. Wie es angegangen, weiß 
niemand. Glücklicherweise stand der Wind vom 
Dorfe ab, auch hatten die Patronenwagen, die 
darin standen, noch glücklich herausgeschafft werden 
können. An Verwundeten kamen heute abend im 
ganzen 21, so daß >vir um 12 Uhr fertig waren. — 
Eben machen die Ratte»» »vieder eine»» Mord 
spektakel, fressen sich durch alle Löcher durch, die 
»vir mit Zement verschmiert haben. Morgen wird 
im ganzen Ort Phosphorlatwerge gegen diese Plage 
ausgelegt. 
26. 1. Auf Befehl des Divisionsarztes »nußte 
ich heute eine Prüfung des gesa»nten Sanitüts- 
materials der Kompagnie vornehmen. Jin übrigen 
hatte ich den ganzen Tag viel schriftliche Arbeiten 
zu erledigen. Daneben lvurde heute mit 20 Mann 
in der großen Scheune gearbeitet. In diese werden 
in das Stroh Gassen mit Latten eingebaut, dainit 
beim Abtransportieren der Verwundeten nicht 
iinmer über das Stroh gelaufen wird. Wir ver 
lieren allerdings viel Platz durch diese Anlage. 
Ich ließ auch nur die rechte Hälfte ausarbeiten, 
in der andern blieb das Stroh so liegen, kann 
da viel inehr Leute unterbringen. Nach Tisch 
»nachte ich »nit M. einen Bummel auf Höhe 194. 
Starkes Artilleriefeuer wieder auf unsere Schützen 
gräben, die aber jetzt etwas besser ausgebaut zu 
sein scheine»», denn es kamen iin Lauf des Abends 
nur 11 Verlvundete. — Um die ganz enorme 
Rattenplage im Ort etwas zu lindern, wurde 
abends von unserin Oberapotheker überall Ratten 
gift gelegt. Man kann sich keinen Begriff inachen, 
wieviel Ratten es hier gibt; abends wiiuineln sie 
nur so auf den Straßen und »»ainentlich in den 
Misthaufen herum. Welche Tänze sie uns be 
sonders in unserm Zimmer, namentlich unter dem 
Bohlenboden aufführen, habe ich ja mehrfach schon 
erwähnt. Nichts ist vor ihnen sicher, selbst die 
Stannioltuben fressen sie auf. Alles muß man 
daher aushängen, uin sein Kräinchen in Sicherheit 
vor diesen Hausbewohnern zu bringen. Trotzdern 
wir letzthin die in unserin Zimmer befindlichen 
Löcher mit Glasscherben zugestopft und mit Zement 
verschmiert hatten, fraßen sie sich doch »vieder 
durch. Hoffentlich bekommt ihnen der Phosphor 
recht schlecht. Eine stöhnte abends gerade unter 
»»»einem Bett recht empfindlich, die hatte »vohl 
tüchtiges Bauchweh. 
27. 1. Kaisers Geburtstag! Kaisers Geburts 
tag in Feindesland, dicht vor dem Feinde, der 
uns seine Granaten in aller Herrgottsfrühe »vieder 
ins Nest sandte. Wie üblich, gingen die meisten 
»vieder in die überschwemmten Wiesen der Dorinoise 
und in den Dorfteich. Alles nahm an, daß heute 
von Seiten der Franzosen »vas ganz Besonderes 
vorgenommen würde, und n»an »var daher in 
besonderer Bereitschaft. Trotzdem fand eine mili- 
tärische Feier statt. Herrliches klares Frostwetter 
herrschte, bei allerdings zeitweise bedecktem Himmel 
und scharfein Nordlvind. Nachdein die Franzosen 
schon die Nacht recht fleißig geschossen hatten, 
krachten die Granaten und die meist blindgehenden 
Schrapnells wieder in den Südhang vor den» Dorf 
hinein, gerade als um 10 Uhr der Festgottesdienst 
auf dem Ditfurthplatz (Marktplatz) stattfand. Vor 
der Schule (in der unser Operations- und Ver 
bandszimmer liegt) war eine Kanzel erbaut, rings- 
uiii geschmückt mit Grün und Gewehrpyramiden, 
dahinter die üblichen bunten Kaiserbilder. Auch das 
Harinorrill»»» »var aus der Kirche herbeigeschafft. 
Der evangelische Pfarrer iin feldgrauen Rock, das 
ilberne Kreuz auf der Brust, den großen Schutz 
truppenhut auf dem Haupt, amtierte und der 
katholische Kaplan (beide unsere täglichen Tisch 
genossen) hielt die Predigt an die im Karree 
aufgestellten Feldgrauen. Die Festinusik stellten 
die französischen Kanonen! Im Anschluß an diese 
kirchliche Feier hielt dann der Brigadekommandeur 
noch eine Ansprache, die in einem Hoch auf de»» 
Kaiser endigte, und schritt die Front ab. Uin 
12 Uhr fand dann draußen bei den Unterständen 
in» herrlichsten Sonnenschein die interne Feier der 
Ko»»»pagnie statt. Der stellvertretende Kompagnie 
führer hielt vom Schimmel des Rittmeisters herab 
eine »virklich gute Ansprache und brachte ein drei 
faches Hurra aus. Um 12 Uhr schossen außerden» 
sämtliche Geschütze der deutschen Artillerielinie eine 
dreifache scharfe Salve auf die Franzosen ab, 
darnit diese doch auch etwas von unseres Kaisers 
Geburtstag hätten! — Danach überreichte der
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.