Volltext: Hessenland (29.1915)

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Plockhorst (1825—1907) und Paul Meyerheim zu 
erinnern. Plockhorst bewahrte ihm eine bis zu 
seinem Tod dauernde Freundschaft und brachte 
im Dezember 1875 die erste Ausstellung Cornice- 
liusscher Werke in Berlin zu Wege. 
Einen ungeahnt großen Besuch von Künstlern 
und Kunstverständigen erhielt sein Atelier am 
17. Januar 1889. Im Anschluß an die letzte 
Sitzung des in Hanau tagenden Preisgerichts für 
das Grimmdenkmal, dem von bekannten Namen 
der Maler Professor Karl Becker (1820—1900), 
die Berliner Bildhauer Professor Fritz Schaper 
und Albert Wolfs, Professor Otto König-Wien, 
Professor Hermann Bolz - Karlsruhe und der 
Nationalgaleriedirektor Max Jordan (1837—1906) 
angehörten, beabsichtigten die Herren auf eine An 
regung des Jurymitgliedes August Schleißner hin, 
dem Atelier von Cornicelius einen Besuch ab 
zustatten und hatten sich bei ihm anmelden lassen. 
Als die festgesetzte Stunde verstrichen war, ohne 
daß sich die Besucher blicken ließen, wollte Cor 
nicelius nicht länger auf sie warten, da er not 
wendig nach Frankfurt fahren müsse, um bei Prestel 
einige fehlende Farben zu kaufen. Bon der Trag 
weite des in Aussicht gestellten Besuches fehlte 
dem Künstler bei seinem wenig entwickelten Er 
werbssinn vollständig der Begriff. Als er sich 
anschickte, das Haus zu verlassen, sah er die Herren 
von weitem kommen. Sie betrachteten dann mit 
großem Genuß die ausgestellten Werke, und be 
sonders waren die Bildhauer von einigen Gestalten 
entzückt, die überaus plastisch empfunden und voll 
endet schön gemalt waren. Auf einer Staffelei 
stand das vor kurzem vollendete Gemälde „Jesus 
wird vom Satan versucht" *), nach dessen Anblick 
Schaper dem Direktor Jordan zuflüsterte, er müsse 
es unbedingt für die Nationalgalerie erwerben, 
was dieser auch sofort tat. Er erhielt es um den 
mäßigen Preis von 2500 Mark, den der Künstler 
gefordert hatte. 
Von modernen Künstlern hat Will). Trttbner, 
ungeachtet seiner anders gearteten Kunst, die Be 
deutung des Hanauer Meisters rückhaltlos aner 
kannt. Hat er diesen auch nicht persönlich kennen 
gelernt, so hat er ihn doch nach dem Tode durch 
den Besuch seines Ateliers geehrt, nachdem er zu 
vor die Werke des Verstorbenen auf der Kollektiv 
ausstellung in der Aula der Hanauer Zeichen- 
akademie eingehend besichtigt hatte. Der aktiven 
Mithilfe von Trübner war es hauptsächlich zu 
danken, daß der Nachlaß von Cornicelius im 
März 1899 in den Räumen des Frankfurter Kunst 
vereins künstlerisch wirkungsvoll zur Aufstellung 
gelangte. 
*) Abgebildet im „Hessenland" 1908, Seite 138. 
Feldpostbriefe eines Kaffelaners, 
der als leitender Arzt eines Feldlazaretts in Feindesland steht. 
(Fortsetzung.) 
6 . 6 . 24. 1 ., Sonntag. Nebliges und feuchtkaltes 
Wetter. Gestern erfolgte die Verlegung des Res.- 
Feldlazaretts ... von M. nach V. Andererseits 
werden auch einzelne Bataillone aus der Front 
gezogen und in den weiter rückwärts gelegenen 
Orten zur völligen Ruhe untergebracht. Gerade 
als ich mir zu Haus mein Essen warmgemacht 
hatte, kam der Korpsarzt im Auto an; mit ihm 
waren Professor H. aus D., der beratende Chirurg, 
und Stabsarzt V., der beratende Hygieniker, an 
gekommen. Nun wurde alles besichtigt, Orts 
krankenstube, Frauzosenvilla, Döckersche Baracke; 
der hohe Herr sah sich einzelne Kranke und Ver 
wundete an. H. war sehr zurückhaltend, lobte 
aber den guten Zustand, in dem die von uns 
versorgten Verwundeten mit Lungen- und Bauch 
schüssen ankämen. Leider können wir uns über unsere 
Erfolge zu schlecht ein Bild machen, da wir über das 
Schicksal unserer Verwundeten weiter llichts er 
fahren. Sie weiter zu verfolgen, stößt auf un 
überwindliche Schwierigkeiten. — Gerade als ich 
in den schönen Ort R. rein will, schlug eine 
Granate — die einzige heute — dicht beim Bache 
wieder ein, ohne Schaden anzurichten. Im all 
gemeinen war es heute recht ruhig gewesen, trotz 
des starken Artilleriefeuers auf unsere Gräben 
kamen nur 10 Verwundete. 
25. 1. Nebliges, naßkaltes Wetter. Morgens 
gegen 9 Uhr fuhren wieder 2 Granaten in die am 
Bache gelegenen Unterstände der ... er, ohne 
Schaden anzurichten; das war der einzige Gruß, 
den wir heute bekamen. Nach Tisch ritt ich nach 
G. Lernte Rittmeister Freiherr v. Sp. (im Zivil 
leben im Ministerium des Äußern, Württemberger) 
kennen, der gerade aus Ch. kam, wo er bei seinem 
Vetter, Oberhofmarschall v. R., zu Besuch gewesen 
war. Hatte alle möglichen hohen Herren gesprochen 
und war auch beim Herzog Albrecht in dessen 
Hauptquartier gewesen. England würde am 1. 3. 
24 weitere Korps mobil machen, man glaube aber 
nicht, daß sie uns in unseren festen Stellungen am 
rechten Flügel etwas anhaben könnten. Bei den
	        

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