Full text: Hessenland (29.1915)

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lang das gleiche Zimmer bewohnte, und den auch 
Cornicelius im Winter 1852/53 in Paris kennen 
lernte, hörte ich bei ihren Gesprächen zum ersten 
Male nennen. Leider brachte ich den gewiß inter 
essanten Einzelheiten der Unterhaltung über den 
noch ziemlich problematischen Künstler als Gym 
nasiast noch kein tieferes Interesse entgegen. Ande 
rerseits bleibt mir die naive Auffassung, die Cor 
nicelius von dem Erwerbsleben hatte, unvergeßlich. 
Rasch reichgewordene Kaufleute oder Goldschmiede 
waren in seinen Augen halbe Wucherer oder Be 
trüger, da es unehrlich sei, soviel Profit zu nehmen, 
um in kurzer Zeit ein gemachter Mann zu sein. 
Seine regelmäßigen Streifereien durch sonst 
weniger begangene Stadtteile mit ihren oft male 
rischen Winkeln sowie auch die Bekanntschaft mit 
Modellen aus allen möglichen Berufsarten ließen 
ihn im Laufe der Zeit tiefe Einblicke in die wechsel- 
vollsten Lebensschicksale gewinnen und die Armut 
in ihren mannigfachen Formen kennen lernen. 
Wo er konnte, half er gern zur Linderung bei 
tragen, wobei es auch zuweilen vorkam, daß seine 
Güte mißbraucht wurde. Nicht allzuselten traf es 
sich, daß, wenn er nach geraumer Zeit einem 
bekannten Hilfsbedürftigen begegnete, dem er etwas ' 
geben wollte, er entweder das Portemonnaie ver 
gessen hatte oder nur über einige Kupfermünzen 
verfügte. Der Versuch, eine Anleihe bei mir zu 
machen, hatte bei den schwachen finanziellen Ver 
hältnissen eines damaligen Gymnasiasten meistens 
keinen Erfolg, weshalb er wohl oder übel seinen 
Schützling nach Hause bestellen mußte, wo sich 
dieser auch am andern Morgen pünktlich einfand. 
Eine immerhin bemerkenswerte Rolle im Leben 
von Cornicelius spielte der im Jahre 1870 als 
Lehrer an die Hanauer Akademie aus Wien be 
rufene Ornamentist Friedrich Fischbach (1839 bis 
1908). Ein Rheinländer von Geburt, war er bis 
her im österreichischen Staatsdienst angestellt und 
hatte durch die Herausgabe von Stickereivorlagen 
und durch schriftstellerische Tätigkeit auf kunst 
gewerblichem Gebiet sich einen Namen gemacht. 
Mit dem Akademiedirektor Karl Hausmann lebte' 
er anfangs in einem ziemlich einträchtigen Ver 
hältnis, bis dies durch gegenseitiges Mißverstehen 
getrübt wurde, wozu das Naturell Fischbachs, der 
gern eine Rolle spielen wollte und seinem Spezial 
fach eine allzu große Bedeutung beimaß, viel bei 
getragen haben mag. Gegen die gewandte, um 
uicht zu sagen intrigante Art dieses Mannes konnte 
das einfache Wesen des gern geradeaus denkenden 
Hausmann nicht aufkommen. In Wort und Schrift 
war ihm ersterer weit überlegen, weshalb die 
gegenseitigen Beziehungen zwischen Direktor und 
Lehrer sich im Laufe der Zeit immer mehr zu 
spitzten. Ob nun Fischbach aus Übelwolleu gegen 
Hausmann oder mehr aus wirklicher Verehrung 
für die Kunst von Cornicelius sich diesem näherte, 
vermag ich nicht zu entscheiden, doch gebührt ihm 
jedenfalls das Verdienst, indirekt veranlaßt zu 
haben, daß Cornicelius zum ersten Male in Berlin 
mehrere Bilder ausstellte und sein Name in dor 
tigen Kreisen bekannt wurde. In dem tendenziös 
abgefaßten Schriftchen: „Bureaukratische Unbilden" 
schreibt Fischbach hierüber auf Seite 6 : „Es ist 
begreiflich, daß ein nicht mehr schaffender Künstler 
sHausmannj mißmutige Stunden hat und daß ihn 
die Erfolge anderer ärgern und Empfindlichkeit 
vorherrscht. Ich vermittelte damals Prof. Plock- 
horst's Bekanntschaft mit Cornicelius und eine 
Ausstellung seiner Werke in Berlin. Dies ver 
schnupfte meinen Vorgesetzten, denn wie durfte ich 
seinen Konkurrenten im Deutschen Reichsanzeiger 
loben?" Letzte Bemerkung entspricht nicht der 
Wahrheit. Die beiden anonym erschienenen, sehr 
anerkennenden Kritiken im „Deutschen Reichs 
anzeiger" Nummer 307 und 308 vom 30. und 
31. Dezember 1875 entstammen vielmehr der Feder 
von Ludwig Pietsch, wie mir dieser in einem 
unter dem 8 . November 1906 an mich gerichteten 
Brief mitgeteilt hat. Fischbach hingegen veröffent 
lichte seine etwas panegyrisch ausgefallene Be 
sprechung der Werke in Sachsens „Kunst-Corre- 
spondenz" Nummer 33 vom November 1875. 
Das Verhältnis von Hausmann zu Cornicelius 
blieb hierdurch ungetrübt. Ihre gemeinsam ver 
brachte Jugend und die vielen zusammen verlebten 
Künstlerjahre bildeten doch ein zu festes Binde 
mittel, das sie stets zusammenhielt, wenn auch 
später die Interessen des einem Staatsinstitut vor 
stehenden Direktors und die eines frei schaffenden 
Künstlers weit auseinander gegangen waren. 
Während Cornicelius für Form und Farbe ein 
außerordentliches Gedächtnis besaß, so daß er nur 
einmal gesehene Gemälde viele Jahre später noch 
genau nach ihren äußeren und inneren Werten 
beschreiben konnte, spielte das Namengedächtnis 
ihm manchmal einen Streich. Als ihm einst der 
Münchener Maler Professor Georg Conräder (1838 
bis 1911) einen Besuch abstattete, konnte er dessen 
Namen nicht behalten und mußte ihn beim Vor 
stellen jedesmal danach fragen. Der damals auf 
der Höhe seines Ruhmes stehende und von Eitel 
keit nicht ganz freie Pilotyschüler ward hierdurch 
wenig angenehm berührt, wobei auch Cornicelius 
im stillen sein schlechtes Gedächtnis verwünschte. 
Von Malern, die Cornicelius wegen seiner 
Leistungen hochschätzten und eine Reise nach Hanau 
nicht scheuten, um ihn auch persönlich kennen zu 
lernen, weiß ich mich der Professoren Bernhard
	        

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