Full text: Hessenland (29.1915)

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aus Darmstadt das Recht des Samthauses Hessen 
geltend. Wenn damals außerdem noch eine Reihe 
anderer Arbeiten erschienen, so zeigt das, wie 
populär zu dieser Zeit der Brabanter Plan war. 
Rene Hosfnung auf Verwirklichung der alten 
Wünsche boten die zu Ende der 1780 er Jahre in 
den österreichischen Niederlanden ausbrechenden Un 
ruhen, und Landgraf Wilhelm IX. gab sich die 
erdenklichste Mühe, durch allerhand diplomatische 
Verhandlungen und andere Maßnahmen, auf die 
Knetsch ausführlich eingeht, den Aufstand zu seinen 
Gunsten auszunutzen. Aber alle Betriebsamkeit 
am Kasseler Hofe blieb zwecklos, die Einigung 
zwischen Preußen und Österreich, wodurch die Bra 
banter Angelegenheiten wieder auf den alten Stand 
gesetzt werden sollten, machte ihr ein jähes Ende. 
Die neubegründete österreichische Herrschaft in den 
belgischen Niederlanden währte aber nur bis 1792, 
wo sie dem Kaiser von den Franzosen entrissen 
wurde. Seit 1794, offiziell seit 1797, gehörte das 
Land zu Frankreich. Immer noch erschienen 
papierene Proteste zu Gunsten des hessischen Land 
grafen, aber die Geschichte schritt über sie hinweg. 
1815 wurden durch den Wiener Kongreß Belgien 
und Lüttich mit Holland unter König Wilhelm I. 
(von Nassau-Dietz) vereinigt. Ein Jahr vor seinem 
Tode kam Kurfürst Wilhelm I. nochmals auf die 
Angelegenheit zurück, um die er sich vor drei 
Jahrzehnten so gemüht hatte, und gab den Befehl 
zur Ausarbeitung eines Gutachtens. 1880 rissen 
sich die belgischen Niederlande von Holland los, 
und 1831 zog mit dem ersten König Leopold I. 
die Dynastie Sachsen-Koburg-Gotha in Belgien 
ein. 
Wenn auch die hessischen Landgrafen und Kur 
fürsten von Hessen nicht in der Lage waren, ihre 
Ansprüche geltend zu machen, sie haben sich stets 
als berechtigte Erben gefühlt. Es war eben ledig 
lich eine Machtfrage. Ob es jetzt, da Belgien wieder 
einmal an einem Wendepunkte seiner Geschichte 
steht, möglich wäre, über dieses noch heute durch 
aus begründete Recht des Hauses Hessen an Bra 
bant zu reden, überläßt Knetsch am Schluß seiner 
eingehenden und fesselnden Zusammenfassung der 
gesamten Frage und ihrer geschichtlichen Entwick 
lung der Zukunft. 
Aus dem Leben von Georg Cornicelius. 
Persönliche Erinnerungen an den Künstler von Dr. Karl Siebert. 
(Schluß.) 
Die Sonntagsspaziergänge an den Nachmittagen 
trugen einen durchaus familiären Charakter. Au 
ihnen beteiligten sich fast regelmäßig die befreun- 
detm Familien des Emailmalers Hermann Goll- 
ner und des Silberwarenfabrikanten August Schleiß- 
ner sowie auch Frau Küthchen Schleißner, die 
Witwe des Silberwarenfabrikanten Louis Schleiß 
ner, eines früheren Schülers von Cornicelius. 
Als Ziel dienten abwechselnd Großauheim mit dem 
am Main gelegenen schattigen Garten des freund 
lichen Gastwirts Simon Hain und Hochstadt mit 
seinen zwar trefflichen Spezialitäten, Apfelwein, 
Schinken und Handkäse, aber dem als Aufenthalts 
ort wenig geeigneten Lokal von Schales. Groß 
steinheim mit der zwischen den Stadtmauern ver 
steckt liegenden Brauerei Jung und Kleinsteinheim 
mit dem hübschen Garten von Ferg winkten fast 
ebenso häufig zur Einkehr. Schon als junger 
Mensch besuchte Cornicelius öfters die Fergsche 
Wirtschaft. Damals galt sein Besuch wohl weniger 
dem Garten mit den prächtigen Ausblicken auf 
die saftigen Wiesengriinde der Mainebene und auf 
die bläulichen Vorberge des Spessarts als vielmehr 
der liebenswürdigen Tochter des Hauses, Fräulein 
Gretchen Ferg, späteren Frau Bijouteriefabrikant 
Karl Koch in Hanau. Sie erfreute sich der Ver 
ehrung der Hanauer jungen Künstlerschaft, wovon 
uns ein noch vorhandenes Stammbuch Kunde gibt. 
Am 10. Juni 1846 widnwten die Pelissierschüler 
der Freundin das Buch in etwas holprigen Versen, 
an deren Schluß die Namen: G. Cornicelius, 
H. Deffner, G. Spangeuberg und F. C. Haus- 
mann verzeichnet sind. 
Die Ausflugsorte pflegten erst nach einem durch 
Umwege verlängerten, hübschen Spaziergang er 
reicht zu werden, »vorauf man sich dem wohl 
verdienten Genuß von Speise und Trank hingab. 
Bei dem gemütlichen, Marschtempo, das angeschlagen 
wurde, traf es sich fast immer, daß die Damen an 
der Spitze marschierte»:, während die Herren zurück 
blieben, in Gesprächthemata verschiedensten In 
halts vertieft. Dem großen Leonberger von Cor 
nicelius fiel die Aufgabe zu, die Verbindung zwischen' 
beiden Teilen aufrecht zu erhalten. Es wurde hier 
bei oft lebhaft debattiert, wobei die impulsive Art 
von Cornicelius, der nach dem bekannten Schärtt- 
nerschen Grundsatz manche unhaltbare Behauptung 
aufstellte, die ruhiger veranlagten Gollner und 
Schleißner verblüffte und sie nicht recht zu Worte 
kommen ließ. Politische Fragen wurden nur wenig 
berührt, dafür desto mehr künstlerische, wofür mir 
damals leider das nötige Verständnis fehlte. Den 
Namen von Anselm Feuerbach, der mit Schleiß 
ner und K. Hausmann in Antwerpen eine Zeit
	        

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