Full text: Hessenland (29.1915)

zitttge war, obgleich er sich nicht vom Fleck gerührt 
hatte, wieder sichtbar, doch schien sie verschwommen 
und nebelhaft und ferner, als ihm das möglich 
SU sein schien. 
Ohne Besinnen schritt er in der Richtung, die 
der fremde Bauer gewiesen hatte, davon, fand 
den Pfad und verfolgte ihn mit dem Gefühl 
ruhiger Sicherheit. Seine Uhr wies auf halb 
sechs. Es war völlig hell geworden. 
Kurz nach vier Uhr morgens war der von 
der Edder gebürtige Unteroffizier Engelhardt auf 
gebrochen, um Konrad Boegehold, mit dem er 
von Jugend auf eng befreundet war, bis zu dem 
Punkte entgegenzugehen, wo Konrad von dem, 
was man hier Straße nannte, abgebogen sein 
und auch, wenn alles gut gegangen war, wieder 
eintreffen mußte. Zur Gesellschaft hatte der Unter 
offizier den Gefreiten Drachmann, einen kühlen 
und verläßlichen Norddeutschen, mitgenommen. 
Hinter den beiden drein, die Nase gewohnheits 
mäßig am Boden, zottelte Pistol, ein herrenloser 
unbestimmbarer Hund, der sich dem Unteroffizier 
schon vor Tagen angeschlossen halte und ihm nicht 
von den Fersen ging. Kurz nach Tagesanbruch 
hatten die beiden die Stelle erreicht, an der Konrad 
Boegehold voraussichtlich zurückzuerwarten war. 
Sie beschlossen, noch ein Stück in der mut 
maßlichen Richtung vorzugehen. 
Als es ganz hell geworden war, sah der Unter 
offizier nach der Uhr und meinte besorgt, Boege 
hold hätte eigentlich schon zurück sein müssen, es 
sei gleich halb sechs. Da behauptete der Gefreite 
Drachmann plötzlich, sie seien überhaupt falsch ge 
gangen. Boegehold sei von der anderen Seite 
der verlassenen Straße her zu erwarten gewesen. 
Auch der Unteroffizier wurde unsicher und meinte 
schließlich verdrießlich, dann sei es wohl am besten, 
sie gingeil zur Straße zurück. In diesem Augen 
blick fühlte er sich leicht an der Schulter gerührt 
und sah, sich umwendend, einen Mann vor sich 
stehen, der die Tracht der Schwülmer Bauern 
trug und, ohne die beiden anzusehen, mit erhobenem 
Arm nach rechts wies, während er aus dem ge 
bräunten Gesicht gleichmütig in der Richtung seiner 
ausgestreckten Hand blickte. Dazu sagte er, in 
etwa zwanzig Minuten Marsch sei dort drüben 
ein Pfad zu erreichen, der zwar nicht deutlich 
erkennbar, doch bei einiger Aufmerksamkeit nicht 
zu verfehlen sei. Das sei der rechte, wenn sie 
schnell zu dem gesuchten Verwundeten gelangen 
wollten. Sowie der Bauer geendet hatte, wieder 
holte er, in der gleichen Stellung verharrend, die 
gleichen Worte. Ehe noch die beiden Bestürzten 
ein Wort sagen konnten, trat in das gleichmütige 
Gesicht des fremden Bauern ein Zug so beredter 
Spannung, daß beide unwillkürlich seiner aus 
gestreckten Hand nachschauten. Als sie die Köpfe 
zurückwandten, war der Fremde nirgends zu sehen. 
Pistol saß auf den Keulen und blinzelte ruhig in 
den Morgenhimmel. 
Ohne ein Wort zu wechseln, machten sich beide 
in der angewiesenen Richtung auf den Weg. 
Konrad Boegehold war dem Pfad mit langen 
Schritten gefolgt, doch spürte er allgemach eine 
schwere Müdigkeit, die von dem Druck in der 
Schulter auszugehen schien. Um sich auszuruhen, 
setzte er sich ein wenig nieder und verfiel alsbald 
in einen halbwachen Zustand, aus dem ihn zwei 
unferne Stimmen wieder zu sich brachten. Ohne 
sich zu besinnen, schrie er sogleich laut: „Hier bin 
ich!" und vernahm dann erschrocken eilige Tritte, 
doch beruhigte er sich alsbald wieder, als er Engel 
hardt und Drachmann erkannte. Der Unteroffizier 
begann alsbald einen schnellen Bericht von ihrem 
Zusammentreffen mit dem seltsamen Mann in der 
bekannten Tracht. Boegehold unterbrach ihn jedoch 
schon bei den ersten Worten und erzählte den 
Bericht, den der Unteroffizier geben wollte, zu 
Ende. Er schloß mit den Worten: 
„Fünf Minuten vor halb sechs. Da war er 
auef) bei mir." 
Gleich darauf bot sich Gelegenheit, den Ver 
wundeten auf einem Wagen nach rückwärts zu 
schaffen. 
Aus Heimat und fremde. 
M a r b u r g e r Hochs ch u l u a ch richte n. Am 
lü. Mai fand in der Aula die endgültige Immatrikulation 
der Studierenden des diesmaligen Sommer-Semesters 
statt. Der derzeitige Rektor Geh. Rat Prof. Dr. Kor- 
schelt richtete die Mahnung an die Studierenden, sich 
durch regen Fleiß und eifriges Studium der großen 
Zeit würdig zu erweisen. Er gedachte auch der im Felde 
stehenden Studierenden und derjenigen Angehörigen der 
Universität, die den Tod fürs Vaterland erlitten. Ihne» 
zu Ehren erhoben sich die Versammelten von den 
Sitzen. — Der a. o. Professor der philosophischen Fakul 
tät Dr. Koppe wurde zum ordentlichen Professor er 
nannt. — Dem inzwischen verstorbenen Augenarzt Pros. 
Dr. S t i l l i n g in Straßburg wurde anläßlich seines 
50 jährigen Toktorjubüäums das Diplom erneuert. In 
diesem heißt es, daß der Gelehrte, den Überlieferungen 
seines Vaters folgend, sich um die ärztliche Kunst und 
wichtige Forschungsmethoden sehr verdient gemacht habe. 
— Desgleichen wurde dem San.-Rat Dr. S ch m e l z in 
Elgershansen das Diplom erneuert.
	        

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