Full text: Hessenland (29.1915)

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s Jtnri)teii bietet and) das Gelände hier, der Boden 
ist sehr weich ttnd gibt leicht nach. Ich ritt um 
3 1/2 Uhr gerade ab über die Höhe nördlich von 
R. auf M. zu, durck) einen herrlichen Kiefern 
wald in Richtung auf einen nördlich M. stehenden 
Fesselballon. Er war aber doch zu weit, als daß 
ich bis ran reiten konnte. Von den Höhen aus 
konnte ich sehen, wie unsere Stellungen wieder 
unter dem Artilleriefeuer lagen. Schuß an Sd)uß 
ging wieder hinein, der ganze Horizont zeigte eine 
hochanfspritzende sd)warze Spreugwolke neben der 
andern. Ritt dann nach G. zu ausbiegend nad) 
Haus und traf kurz nad) 5 Uhr wieder ein. So 
ein Ritt in der frischen Winterluft weitet das 
Herz. Gerade lute ich zurückkam, war der erste 
Wagen mit Verwundeten angekommen. Im ganzen 
kamen 44, für das enorme Feuern wenig; die meisten 
waren durch Granatsplitter nur leick)t verletzt. Bei 
einem mußte eine Amputation gemacht werden. 
Leider ist Tetanusserum sehr schwer zu haben. Und 
alle diese Granatverletzungen sind so sehr beschmutzt, 
mail macht sich keinen Begriff davoii, in welchem 
Grade. Abends tarnen die von mir angeforderten 
Autos und brachten den größten Teil der Ver 
wundeten weg. Um 1 Uhr kam ick) nach Haus. — 
Heute hat der Kaiser bei Vonziers unser Regiment... 
besichtigt, das die schwersten Kämpfe hier in der 
letzten Zeit bestanden hat und wegen seiner Ver 
luste und seiner völligen Erschöpfung ails der 
Front gezogen und in Erholungsqnartieren in 
Vonziers untergebracht worden ist. Wie durch 
Korpsbefehl bekannt wurde, hat der Kaiser dem 
Regiment hierbei seine Anerkennung ausgesprochen 
für sein bisheriges tapferes Verhalten, insbesondere 
für sein zähes Aushalten in schwerem feindlichen 
Artillerieseuer und das vorbildliche Zurückwerfen 
des in die Stellung eingedrungenen Gegners. 
23. 1. Herrlich klares Frostwetter. Alles zu 
gefroren draußen. Ging daher bei frischem Nord- 
ostwind, nachdem ich alles Dienstliche erledigt hatte, 
gegen 11 Uhr eine Stunde auf dem Berg spazieren. 
Herrlich ringsum das Panorama. Vor mir die 
Höhen, die wir besetzt haben, in dem mit dickem 
Rauhreif belegten Gelände sah man deutlick) ein 
sam versteckte Artilleriestellungen,' die Einschnitte 
der Geschütze, die Unterstände. Nach rechts hin die 
Höhen von S. und P., nach links hin den langen, 
sargähnlichen Rücken, den die ... Reserve-Division 
besetzt hält, noch weiter links den Kalvarienberg 
vor C. und ganz im Hintergrund den Argonner- 
wald, aus dem ein fernes Artilleriegrollen herauf- 
tönte. Überall an den Hängen und an den kleinen 
Waldstückchen steigen die weißen Rauchwolken aus 
den Mauuschaftsunterständen auf. Wirklich wie 
ein Friedensbild, so malerisch wirkte die Landschaft 
und so still war alles. Aber mittags sorgten die 
Franzosen schon dafür, daß einem dieser Glaube 
genommen wurde. Wir saßen noch bei Tisck), da 
sckstugen schon die ersten Granaten wieder ein. 
Gerade ivaren die M.'scheu Alitos gekommen, um 
unsere letzten Verwundeten abzuholen, da ging 
wieder eine flotte Schießerei los; eine ganze An 
zahl Granaten flogen vor den Ort und viele andere 
gingen darüber fort. Ich ging aus dem gefährdeteil 
Ort hinaus auf den Berg, wo es relativ am 
sichersteil ist. Von hier aus hörte mau die Gra 
naten heranheulen und sah sie einschlagen. Eine, 
die in den Teich einsck)lug, erzeugte eine Wasser 
säule, die höher reichte, als die dabei steheudeil 
Pappeln. Ein direkt wundervoller Anblick. Eiile 
schlug am Dorfausgang direkt in die Straße, 
5- Schritte davon standen 2 Feldküchen des Re 
giments ..., sie bohrte sich tief in die Erde, warf 
einen Manu durch den Luftdruck um, beschädigte 
aber niemanden. Ein seltsamer Umstand war es, 
daß mit diese Zeit gerade die Beerdigung des 
Leutnants E. war, man hörte die Jnsauteriemusik 
Ehoräle spielen, während von der anderen Seite 
her flotte Märsche der in F. übenden Kapelle er 
tönten. Nack) einer Stunde war alles vorbei, und 
es herrsck)te völlige Ruhe. Im Laufe des Abends 
kamen im gartzen 20 Verwundete. Ging um V 2 12 
nach Hans. 
(Fortsetzung folgt.) 
— 
Netterlied. 
Es geht um Deutschlands Krone, 
Nun reite, Brüderlein — 
Der Herrgott soll dich schützett 
In Sturm und Wetterschein. 
Dann wappne deine Seele, 
Mein trautes Brüderlein, 
Es soll vor Tod und Teufeln, 
Vor nichts dir bange sein. 
Und wenn die Kugeln sausen 
Und rings der Tod dich grüßt, 
Wenn deine Lanzenspitze 
Die welschen Herzen küßt — 
Es geht um Deutschlands Ehre, 
Um deutscher Männer Gut, 
Gott geb' dir Kraft und Stärke 
Und segne deinen Mut. 
Du sollst das schönste Mädchen 
Im ganzen Deutschland frei'n, 
Doch jetzt soll deine Liebste 
Die deutsche Heimat sein! 
Charlottcnburg. 
Ilse Heye (Müller-Kassel).
	        

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