Full text: Hessenland (29.1915)

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Compagnie anzusehen. Ein noch viel trostloseres 
Nest wie R. Man kaun sich z. B. keinen Begriff 
wachen von dem grundlosen Zustand der Straßen. 
Das sind überhaupt keine Straßen mehr, sondern 
Löcher an Löcher. Man kann nur mit Lebens 
gefahr im Schritt reiten, traben ist ganz undenkbar. 
Wagen bleiben einfach stecken oder fallen um. 
Von dem schönen Schloßpark steht nicht mehr viel, 
die Bäume sind alle heruntergehauen und zum 
Bau von Unterständen benutzt worden. Der Zu 
stand der Baulichkeiten ist ganz übel. Kaum eine 
einigermaßen guterhaltene Scheune, alle Fenster 
rahmen und Türfüllungen aus den Rahmen her 
aus. Ein toller Zustand! Und ein Schmutz und 
Dreck überall! Nun nimmt sich der erfahrene 
Hygieniker H. der Sache an und wird schon Schwung 
hineinbringen. — Kurz vor 5 Uhr erneute ganz 
enorme Kanonade, die bis zum Eintritt völliger 
Dunkelheit anhielt; sie galt wohl den neuerschieuenen 
Reserven und der rückmarschierenden Truppe. Trotz 
des Riesenfeuers kamen aber nur 20 Verwundete 
und 2 Franzosen in Zugang. Einer davon war 
in „Feldblnu", der neuen Felduniform der Fran 
zosen, die mehr ins Blaue hiuüberspielt. Ging 
gegen 5 Uhr mal auf den Berg, um etwas zu sehen, 
es war ein Ausblick aber ganz unmöglich, da ein 
greuliches Regenwetter herrschte. — Ein weiteres 
Bataillon ... er kam heute an. In V. uitb Um 
gebung liegt eine für das ... Korps bestimmte 
Gardedivision. Auch ein Feldlazarett liegt in Qu., 
dies soll ganz automobilisiert sein. Gefangene 
sagten aus, daß ihre Truppen ganz frisch aus 
Paris gekommen seien. Ein neuer Joffrescher 
Armeebefehl wurde bei einem gefangenen Offizier 
gefunden, nach dem die Artillerie auf noch engerem 
Raum wirken müsse. 18 Schuß auf das Meter 
vor dem Angriff, das macht 18 000 Granaten auf 
das Kilonieter, daneben sollen die Nachbarabschuitte 
natürlich fest unter Angriff gehalten werden. Daher 
kann inan sich auch das furchtbare Artilleriefeuer 
erklären. 
14. 1. Ziemliche Ruhe heute, nur nachmittags 
gegen 5 Uhr flogen 6 Schrapnells über den Ort, 
ohne zu zünden und Schaden anzurichten. Gestern 
abend war noch das 2. Bataillon ...er (Sachsen) 
angekommen. — Gegen V 2 2 Uhr ins Bett, nach 
dem alle Verwundeten, 30, abtransportiert waren. 
16. 1 . Heftiger Sturm morgens. Artillerie 
kampf, auch unsere Artillerie läßt sich eifrig ver 
nehmen. Schon ganz früh ans Telephon geholt: 
die Division will wissen, wieviel Zugänge wir 
seit 20. 12 . mit Gewehrschüssen, das A.-O.-K., 
wieviel Artillerieverletzungen wir gehabt haben. 
Keine leichte Arbeit bei der Unmenge von Durch 
gängen hier. Nachmittags fallt zum erstenmal die 
aus beit Krankenwagen der 4 Feldlazarette ge 
bildete Krankentransport-Kolonne, die der Korps 
arzt sich in M. gebildet hat, zum Abtransport 
unserer Verwundeten. — Wir bekamen heute 
tveitere 37 Mann Ersatz, der aber zum Teil nur 
mangelhaft ausgebildet ist. — Saßen lauge im 
Kasino, sangen und waren recht vergnügt. — Im 
ganzen kamen 21 Verwundete. 2 Uhr 51 t Bett. 
17. 1 ., Sonntag. Im Laufe des Nachmittags 
kamen noch 4 Verwundete, die noch von gestern 
stammten. Der in der Nacht nach oben gesandte 
Wagen hatte die Stellung in der Dunkelheit nicht 
finden können. — Für uns soll die Briöre-Ferme an 
der Straße S.-M. zur Unterbringung der Reserven 
ausgebaut werden. In allen Nestern (,,Drecknestern" 
muß es heißen) wird jetzt fleißig gearbeitet, die 
Dorfstraßen werden in Stand gesetzt, Abflußrinnen 
und Straßengräben angelegt, Offizierkasinos, Hand- 
werkerstuben, Wärmestuben, Badeeinrichtungeu, 
Brunnen und Wasserleitungen angelegt. Daneben 
geht's immer weiter mit der Sanierung durch 
Bekämpfung des Schmutzes, Entfernung des Mistes, 
kräftige Desinfizierung aller Winkel, Anlegung 
einwandfreier Latrinen, Ausbau der Scheunen zur 
Unterkunft der Mannschaften usw. Alle Zufahrts 
straßen, die sich zum Teil in tollem Zustand be 
finden, werden durch starke Kommandos aus 
gebessert. Die neugebildete Regimentsmusik des 
Reserve-Regiments ... spielte nachmittags vor dem 
Brigadequartier. Mit allen diesen Mitteln soll 
auch die Stimmung der Truppen gehoben werden. 
Energisch wird auch am Ausbau der Stellungen ge 
arbeitet, neue Zufahrts- und Kolonnenwege werden 
ausgebaut, auch Sanitätsunterstände (bombensichere 
Erdhöhlen, in denen die Verwundeten bis zuin 
Einbruch der Nacht untergebracht werden können) 
werden erbaut. Um diese macht sich besonders der 
Regimentsarzt der ... er verdient. 
19. 1 . Gegen 4 Uhr nachmittags ging ich mit 
M. auf der Straße nach T. zu, unseren gewöhn 
lichen Spaziergang, da das die relativ sicherste 
Gegend ist. Auf der Höhe links von uns hinter 
den Unterständen der ... er platzte ein Schrapnell, 
gerade an einer Stelle, an der ein sechsspänniger 
Wagen der Artillerie ins Holz fuhr. Wir lachten 
noch, als wir sahen, luie das Pferd des Stangen 
reiters scheute und der Stangenmeister selbst aus 
dem Sattel flog und den ganzen Abhang hinunter- 
kollerte. Plötzlich aber fuhren 2 Schrapnells keine 
5 Schritte von uns neben der Chaussee in den 
Boden, verloren aber ihre Sprengwirkung, weil 
sie im Mist krepierten, der bekanntlich das beste 
Mittel gegen alle krepierenden Geschosse ist. Nur 
ein Augenblick war's und schon liefen tvir von 
der Straße hinauf rechts auf die Anhöhe, da auf
	        

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