Full text: Hessenland (29.1915)

dem Bayarddeiikmal, vor uns die Maas, rechts 
Blick auf die Zitadelle. Daun gingen wir bis 
zur Präfektur. Kolossaler Betrieb! Besichtigten 
die Zitadelle von innen und außen. Malerische 
alte Befestigung, heute wertlos. Für mich alles 
doppelt interessant, da ich (auf dem Papier) hier 
schon genügend gekämpft hatte. In der Kirche 
im Deckengemälde befindet sich noch eine Kanonen 
kugel eingemauert, die von der Beschießung 1815 
herrührt. Über Mohon zurück nach Rethel-La- 
Francheville, Boulzicourt (Jndustrienest, übel), 
dann schöne Gegend, Avernaumont (überall hessi 
scher Landsturm), Lauuois (überall Spuren des 
Krieges, zerschossene und niedergebrannte Häuser), 
Saulces (hier hört der Ardennenwald auf), Vou- 
zelles, Novy, hinab nach Rethel. Zuerst zum Bahn 
hof, tranken dort beim Roten Kreuz Kaffee, Bahn 
hofskommandant Oberst Sp. aus Köln, erkundigte 
mich nach Paketen, sah das Paketdepot, einen 
großen Schuppen, in dem Berge von Paketen 
lagerten. Während der Oberapotheker auf dem 
Etappensanitätsdepot seine Sachen empfing, machte 
ich einen Bummel durch die Stadt, besah mir 
noch einmal genau die Kirche, in der augenblick 
lich keine Verwundete mehr lagen, und war erneut 
begeistert Don deren Schönheit. Prächtig wirkende 
Glasmalereien. Schönes Taufbecken von 1538. 
Ludwig XIV. soll dort getauft sein. Besah mir 
die Trümmer der Stadt und ging auf den Burg 
hügel hinauf, von dessen Spitze man einen be 
herrschenden Blick auf die Stadt und Umgebung 
hatte. Rückfahrt über Biermes, Pauvres, Bouziers- 
Ballay. Herrliche, teilweise allerdings recht frische 
Fahrt. 
19. 11 . Bei tüchtiger Kälte morgens im Auto 
über Vouziers, Monthois, Sschault, Cernay (von 
dem kaum mehr ein Haus steht! Was nicht zer 
schossen, ist abgerissen und abgebrochen und oben 
in den Schützengräben zum Bauen verwandt), 
Rouvroy nach R. . . ., dem Schauplatz meiner zu 
künftigen Tätigkeit. Korpsarzt und Divisionsarzt 
waren gerade da, meldete mich bei ihnen. Befahl 
mir mein zukünftiges Quartier, für den Augen 
blick ein verlassener Stall, ohne Türe und Fenster, 
ein großer Kamin an der einen Wand, der direkt 
senkrecht ins Freie geht, 6 Schritte tief, 8 Schritte 
lang. Frischgemauerte Wände ohne Kalkung. 
Hinter dem Raum ein Stall, oben drüber (nur 
Bretterdach) Scheunenboden, auf dem ein Zug 
Infanterie kampiert. Nebenan ein Bauernhaus, 
in dem die Einwohner (21 Männer, Frauen und 
Kinder) eingesperrt sind und durch Posten bewacht 
werden. Lehmboden! Angenehme Aussicht! Über 
Vouziers zurück. — Abends Festessen mir zu Ehren. 
M. hielt mir eine Abschiedsrede. Dann brachten mir 
die Mannschaften ein Ständchen mit Ansprache. 
Schwache Erwiderungen meinerseits, es ging mir 
doch zu nahe. Gegen 10 Uhr kam der neue Herr, 
mein Nachfolger, ein alter Sanitätsrat, der bisher 
Regimentsarzt beim ... Regiment gewesen war. 
21 . 11. Morgens mit dem Auto nach R. ..., 
um dort den Ausbau meines Quartiers anzu 
ordnen. Hatte unsern Sanitätsunteroffizier, einen 
Schreiner, mit Holz, Handwerkszeug, Türe, Fenster, 
Ofen usw. hingeschickt, der mir nun dort ein 
feines „Heim" bauen mußte. 
22 . 11 . Sonntag. Strenge Kälte. M.'s Auto 
reiste in die Heimat ab. Ein erkrankter Ober 
arzt brachte es ihm nach Köln, wo es eingestellt 
werden soll. Das Halten von außeretatsmäßigen 
Kraftwagen ist verboten. Mir ging ordentlich ein 
Stück von meinem Herzen mit dem Auto fort, 
denn nur ihm hatte ich es doch zu verdanken ge 
habt, daß mir die Reise nach Haus ermöglicht 
war. — Den ganzen Tag gekramt und gepackt. 
Ein letztes, festliches Abendessen, das noch dadurch 
besonders verschönt wurde, daß die 3 Eisernen 
Kreuze eintrafen, zu denen ich Oberarzt L., In 
spektor D. und Unteroffizier H. eingegeben hatte. 
Das war mir eine große Freude, denen die Aus 
zeichnung selbst noch überreichen und mich an ihrer 
Überraschung und Dankbarkeit erfreuen zu können. 
Die letzte Nacht im schönen Haus d'Adigny! 
23. 11. Morgens fuhr mein „Möbelwagen" 
los. Dann gab's das letzte Mittagessen im alten 
Kameradenkreise und einen schnellen Abschied, aber 
einen schweren! Um 1/2 2 ritt ich mit dem Fuchs 
ab, alles gab mir zum Abschied die Hand, selbst 
Monsieur und Madame Äuget. Bei vielen merkte 
ich, wie es auch ihnen schwer wurde, auch bei 
meinen Untergebenen, meinem Burschen usw. M. 
ritt mit mir bis hinter Vouziers, dann ging's 
allein hinaus in eine altbekannte Gegend, aber 
in eine neue ungewisse Zukunft. Vorbei an unserm 
alten Quartier in Monthois und über S. nach R., 
wo ich gegen 1/2 4 Uhr eintraf. Mein Zimmer loar 
noch nicht ganz fertig, aber Türe und Fenster 
waren darin, so daß ich wenigstens drin schlafen 
konnte. Obwohl es etwas wärmer geworden, fror 
ich in dem noch nicht durchwärmten Zimmer in 
der ersten Nacht doch greulich. Die innere Unruhe 
ließ mich sowieso nicht ruhig schlafen, zumal über 
mir auf dem dünnen Bretterboden 20 bis 30 Mus 
ketiere hausten, schnarchten und herumtrampelten. 
24. 11 . Heute wurde den ganzen Tag am 
Zimmer gearbeitet, das bis abends auch noch leid 
lich fertig wurde. Abends gab's Schnee, der 
draußen liegen blieb, im Ort natürlich im all 
gemeinen Schlamm mit unterging und diesen noch 
verflüssigen half.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.