Full text: Hessenland (29.1915)

nissen der Natur, deren Meister zu sein er sich 
unglücklicherweise einbildete. Hier in Hanau hat er 
schon 40 000 fl. geborgt und verschleudert für die 
Schwindeleien dieses St. Germain und seiner 
Kreaturen, in denen er völlig verstrickt ist und 
von Tag zu Tag mehr aufgeht. Dabei ist keine 
Spur von Erfolg oder nur etwas dem Ähnliches 
zu sehn, das seiner Familie und seinen meinem 
Herzen so teuern Kindern die Opfer ersetzen 
könnte, die seine Leichtgläubigkeit der schmutzigen 
Habsucht dieses sog. Philosophen und seiner noch 
schlechteren Helfershelfer täglich mehr und mehr 
darbringt. Es handelt sich um eine neue sog. 
tluiversalmedizin, Tropfen flüssigen Goldes zum 
Einnehmen, um alle Krankheiten ohne Unterschied 
zu kurieren. Und mit diesen Dingen vergeudet 
leider ein Prinz sein Talent und seine kostbare 
Zeit, der doch wahrhaftig Geist und militärisches 
Genie besitzt. Das Herz blutet mir, indem ich 
dies niederschreibe; denn mein teurer Bruder, der 
meine Liebe erwidert, kennt meine Gedanken über 
seinen Alchymisten und seine Geheimnisse, ist darüber 
empfindlich verletzt und geht mir bei allen Gelegen 
heiten aus dem Wege, und er muß mich meiden 
auf den Rat seiner Diener, die ihn betrügen und 
ausplündern. Ach wenn meine würdige sel. Mutter 
das erlebt hätte, ihren lieben Sohn in den Händen 
der Niedertracht! Was für ein Herzeleid wäre 
das für sie gewesen!" 
Zwei Jahre später konnte Landgraf Wilhelm 
nicht ohne eine gewisse Befriedigung die Nachricht 
vom Ende des Abenteurers buchen: „Gras St. 
Germain, der berühmte Philosoph, starb trotz seiner 
Geheimmittel zur Verlängerung des menschlichen 
Lebens zu Eckernsörde. Es wäre zu wünschen, daß 
er nun wirklich für immer für meinen Bruder 
Karl tot wäre. Aber ich fürchte, daß seine ge 
fährliche Lehre, die bisher nichts geleistet hat, als 
die Goldbörsen zu leeren, noch lange durch seine 
Schüler Waechter und Köppern *) fortwirken wird, 
die in diesen Künsten geradeso geschickt sind, wie 
ihr Meister." 
Der Landgraf hatte durchaus recht mit seiner 
Annahme. Der Hang zum Mystischen und Okkulten 
blieb nach wie vor ein besonders starker Zug in 
Karls Charakter, wie alle, die mit ihm zusammen 
kamen, übereinstimmend berichten. (Vgl. darüber 
u. a. die Erzählung des aus Kassel stammenden 
Generals Ewald, der 1835 den Landgrafen in 
Gottorp besuchte. „Hessenland" 1906, Seite 35 f.) 
Otto Friedr. Adolf v. Koeppern, aus pommerschem 
Geschlecht, war Kavallerieoberst in dänischen Diensten, 
über Wächter, der sehr lange Karls vertrauter Rat 
geber in allen Dingen blieb, vgl. noch Allgem. Hand 
buch d. Freimaurerei 2, 520 f. 
Über das Todesjahr St. Germains finden sich 
in der einschlägigen Literatur bis in die neueste 
Zeit die widersprechendsten Nachrichten. Georg 
Hesekiel, der in seinen „Abenteuerlichen Gesellen" 
auch den unenträtselten Grafen behandelt hat, 
sagt z. B. darüber: „Der Ort, wo er gestorben, 
ist unbekannt, man weiß nicht, ob zu Eckernförde, 
ob zu Schleswig, oder auch zu Hamburg. Niemand 
kennt sein Grab. Sein Todestag ist ebenfalls un 
bekannt, selbst das Todesjahr steht nicht fest; es 
wird angegeben 1780, 1782, 1784, ja auch 1795." 
Nach den Briefen und Memoiren des Landgrafen 
Karl und seines Bruders Wilhelm kann über das 
Todesjahr 1784 und den Ort Eckernförde kein 
Zweifel mehr sein. Diese Angaben werden aber 
untrüglich bestätigt durch das Kirchenbuch von 
Eckernförde *), nach dem „der sich so nennende 
Graf von St. Germain und Weldona" am 2. März 
1784 in der dortigen Kirche still beigesetzt worden 
ist. Weitere Nachrichten über Herkunft und Alter 
des Geheimnisvollen sind nach dem Kirchenbuche 
„nicht bekannt geworden". Die Begräbnisstelle 
in der Kirche wurde auf 30 Jahre Verwesungszeit 
für 10 Reichstaler gekauft und für das Glocken 
läuten wurden 12 Mark bezahlt, jedenfalls im 
Namen und Auftrag des Landgrafen Karl. 
Bis in sein hohes Alter hat der Landgraf das 
Andenken des merkwürdigen Mannes in Ehren 
gehalten und sich niemals davon überzeugen lassen, 
daß St. Germain ein Schwindler und Betrüger 
gewesen sei. Davon zeugen nicht nur seine leider 
noch immer nicht ganz veröffentlichten Lebens 
erinnerungen, sondern auch ein im Nachlaß Rado- 
witzens aufgefundener Brief, der jetzt im Besitz der 
Königlichen Bibliothek zu Berlin ist. Im Jahre 
1832 wandte sich ein Oberstleutnant Wagner im 
Königl. preußischen Generalstabe von Berlin aus 
an den Landgrafen mit der Bitte um Auskunft 
über den Grafen St. Germain. Das charakteristische 
Antwortschreiben des hochbetagten Fürsten, der 
offenbar einen Angriff auf das Andenken seines 
toten Freundes befürchtete, lautet wörtlich folgender 
maßen: 
„An den Herrn Oberstlieutenant Wagner 
im Kön.-Preuß. Generalstabe pp. 
in Berlin. 
Obwohl das mich etwas befremdende Schreiben 
des H. Oberstl. Wagener, in einiger Verlegenheit 
setzen mußte, da dessen Fragen über den in den 
letzten Jahren seines Lebens bey mir sich auf 
gehaltenen Grafen Set. Germain, eigentlich nicht 
bekannte Gegenstände betreffen, so ist dennoch meine 
Verehrung Seines fürtrefflichen Monarchen so 
*) Vgl. Deutscher Herold 24, 123.
	        

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