Full text: Hessenland (29.1915)

stand der andern, von ihren Bewohnern ver 
lassenen Häuser sieht! Das ist ja überhaupt der 
Fehler der Franzosen gewesen, daß sie vor den 
Deutschen so weggelaufen sind. Überall sind die 
Häuser, in denen die Einwohner bleiben, in bester 
Ordnung und die Einquartierung verträgt sich 
brillant mit den Leuten. Am schlimmsten haben 
aber überall die eigenen (französischen) Sol 
daten gehaust, das betonen alle Franzosen. Ihre 
Leute hätten nicht nur alles Eß- und Trinkbare, 
sondern auch Geld, Silbersachen, Uhren usw. mit 
genommen. Und wie sie alles beschmutzt haben, 
schauerlich! Wenn man sich denkt, bei uns wäre 
der Feind und mit unsern Sachen so umgegangen! 
Du kannst Dir keinen Begriff machen, wie es in 
einem solchen Haus aussieht! Alle Türen, Schränke, 
Kommoden zerschlagen, der gesamte Inhalt heraus 
gerissen und auf dem Boden zerstreut, zertrampelt, 
zerrissen, beschmutzt. Alles Zerbrechliche zerschlagen! 
Die Küche demoliert, die Spiegel in Trümmer, die 
Betten ausgeschnitten usw. Mir blutete oft das» 
Herz, wenn ich wertvolle Sachen, alte Ölbilder, 
Sammlungen, unersetzbare Akten auf der Straße 
liegen oder verwüstet fand. Zum Schluß endet 
alles als Brennmaterial oder wird zwecks Aus 
räumung verbrannt. So waren in einem Hause 
eines Notars in Monthois alle seine Akten und 
seine ganzen Sammlungen, Bücher usw., nament- 
lich viele Autographen, samiliengeschichtliche Akten 
tlstv. ztl eitlem wüsten Haufen in Zimmer und 
Bureau zertrampelt. Als nun vor einigen Tagen 
ein Stab dort Quartier machte, wurde das ganze 
Haus von oben bis unten gesäubert, alles ans 
einen Wagen verladen und auf einen großen Platz 
vor dem Ort zum Verbrennen geschafft. Wäre 
der Mann zu Haus geblieben, wäre ihm auch 
kein Stück beschädigt. Gerade hieran sieht man, wie 
die Leute in gänzlich irreführender Weise ver 
hetzt sind, sie halten uns mindestens für Menschen 
fresser. ünd jetzt, wenn sie sehen, wie harmlos im 
Grunde genommen ein deutscher Soldat ist, sind 
sie voller Wut auf ihre Behörden, die sie so irre 
geleitet. Hier ist ausnahtnsweise der Maire zurück 
geblieben, während sonst überall gerade die Be 
hörden geflohen sind, und schasst durch sein ver 
ständiges Auftreten der Gemeinde eine ganze Menge 
Erleichterungen. Wir werden sehr gut mit ihm 
fertig. Eben kommt die Meldung, daß die hier 
mit am Ort liegende Kolonne um 4 Uhr in Vou- 
ziers verladet: wird mit unbekanntem Ziel, Fuß 
artillerie! 
16. 10. Ballay. Gestern nachmittag ritt ich un: 
3 Uhr nach Vouziers und brachte den Brief selbst 
zur Feldpost, die dort in der französischen Post 
eingerichtet ist. Vouziers ist eine größere Stadt, 
Garnison französischer Kürassiere, deren Kasernen 
hoch ober: über der Stadt eine schöne beherrschende 
Lage haben. Gleich am Eingang liegt der Bahn 
hof, den eine mächtige deutsche Flagge ziert. Hier 
herrschte ein enormer Betrieb, es wurden gerade 
die Munitionskolonnen der schweren Artillerie ver 
laden. Bemerkenswert ist die Kirche in V., mit 
einem wundervollen romanischen, dreitürigem Por 
tal. Die Bildhauerarbeiten in Sandstein, zun: 
Teil noch sehr gut erhalten; ihr gegenüber ein 
nwdernes Denkmal für den Dichter Taine. In: 
übrigen zeigt die Stadt den gewöhnlichen Charakter 
der französischen Kleinstädte, wie er uns ja ans 
D. . . . bekannt ist. Als Besatzung liegt eine 
Kompagnie Leipziger Landsturn: dort, die auch die 
Dir schon gesandte Zeitung „Der Landsturm" her 
ausgibt. Ich holte mir noch ein paar Nummern 
und erhielt als Zugabe einen modernen dicken 
französischen Roman. Die Zeitung erscheint in dem 
Lokal, in dem früher der „Impsria.1 äs VouÄsrs" 
gedruckt und verlegt wurde. Man konnte sich dort 
in eine lothringische Garnison versetzt fühlen, nur 
fehlten die Einwohner. 
Gestern abend haben wir übrigens Statuten für 
eine Weihnachtskasse beraten, mit Strafgeldern für 
die verschiedensten Delikte, allmählich wird's Zeit, 
an dieses Fest zu denken und vorzusorgen. Das 
erste Geld brachten die Nummern des „Land 
sturm", die amerikanisch versteigert wurden. Der 
Bürgermeister schickte uns wieder zwei große Körbe 
voll Äpfel, und von einem Bauern, dessen Frau K. 
behandelt, erhielten wir 2 Pfund Butter. Eben 
wurde K., dem das besonders Spaß macht, zu 
einer Wöchnerin geholt, deren Mam: im Feld 
steht. Das sind die „barba-rss", die die Frauen 
der Feinde behandeln und ihnen Arzneien und 
Verbandmittel noch obendrein umsonst geben. Die 
dsüs sosur unserer alten Dame hier im Haus 
wäscht und bügelt heute für uns, die Wäsche wird 
sogar gebleicht. 
18. 10. Mittags kam eine Kompagnie sächsischer 
Landsturn: vorbei, auf dem Marsch nach Vouziers, 
die eine eigene Kapelle besaß. Das machte sich 
sehr gut, diese alten Herren! Auch ein Auto mit 
5 sehr gut angezogenen wirklichen Damen (an 
scheinend deutsche) kam durch. Abends gab's ein 
Faß Bier (helles aus Trier), das wir den Mann 
schaften spendeten, jeder bekam einen Liter. Nach 
mittags un: 6 Uhr hatte ich noch feierlichen Appell 
abgehalten, um zwei weitere Eiserne Kreuze aus 
zuteilen, für Militärkrankenwürter O. und H. 
19. 10. M., den ich beurlaubt habe, um sein 
Automobil von Hause zu holen, fuhr heute früh 
nach Vouziers, um von dort nach Rethel zu 
fahren. Er erreichte auch ein Auto, das ihn nach
	        

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