Full text: Hessenland (29.1915)

ja genügend bekannte Straße nach Vouziers ent 
lang über Vouziers und trafen um 9.50 in Bal- 
lay ein. Mein Fuchs, der das Reiten in der 
Kolonne und an der Kolonne auf und nieder in 
den 4 Wochen verlernt hatte, war total verrückt, 
so daß er wie aus dem Wasser gezogen (und ich 
nicht minder) hier ankam. Quartiere, wie schon 
gesagt, alles tadellos. Alle Pferde und Mann 
schaften liegen zusammen, alle Mannschaften in 
Stuben, der Wagenpark auf einer großen Wiese 
an der Straße, direkt meinem Quartier gegenüber. 
Wir Offiziere alle in einem kleinen Schlößchen, 
dessen Besitzer, ein Herr Henri Homard d'Adigny, 
französischer Reserveoffizier ist und im Felde steht. 
Frau und zwei Töchterchen, 8 und 10 Jahre alt, 
sind geflohen. Im Haus ein altes Dienerehepaar, 
die sehr nett und froh sind, eine so anständige 
Einquartierung zu haben, da wir sie mitfüttern. 
Fleisch haben sie seit Wochen nicht gesehn. Infolge 
der Anwesenheit dieser Leute ist das Haus ganz 
verschont, alles tadellos im Schuß. Wir bekamen 
sogar reinüberzogene Betten, frische Handtücher, 
frisches Tischzeug, Servietten (ich glaube, seit Quint 
die ersten!). W. C. im Haus und elektrische Be 
leuchtung mit eigenem Motor, den wir mit Hilfe 
unsres Monteurs heute morgen in Betrieb setzten. 
Unser Schlößchen liegt in einem großen Park mit 
schönen Blumenanlagen, großen Rasenplätzen, See, 
Bach mit Brücken, Gartenhäuschen, Tennisplatz, 
und von meinem Zimmer, das nach hinten liegt, 
habe ich einen herrlichen Blick ans Berge und 
Wald. Überhaupt ist die direkte Umgebung des 
Ortes wunderschön, ein. Wiesental von starken Höhen 
umgeben, Die mit ihrem bunten Herbstlaub einen 
schönen Anblick bieten. 
An. den Park stößt ein großer Gemüsegarten, 
in dem aber alles Gemüse von den Kaninchen 
abgefressen ist. Nur 2 Artischocken fand ich noch, 
das werden wohl die letzten sein, die ich in dieser 
Saison esse. Hühner sind eine Menge in einer 
großen Voliere vorhanden, die Enten haben frei 
lich schoir Liebhaber gefunden. Überall im Garten 
stehen große Nußbäu ine, unter denen alles mit 
großen Nüssen wie besät ist. Wir haben daher 
immer große Schüsseln voll auf dein Tisch stehen. 
Auch haben wir uns mit dem sehr gefügigen (dnrch- 
aus mit der Politik der Regieriing nicht einver 
standenen) Bürgermeister gut gestellt, „pour les 
Ambulances et pour les pauvres blessés“ tun sie 
immer alles, gegen die Truppen sind sie nicht so 
zuvorkommend. Die Croix rouge macht immer 
einen großen Eindruck bei ihnen. Der alte Diener 
half uns im Haus, die Frau in den Zimmern 
und Küche, und sie freuen sich, daß sie gut be 
handelt werden und so schönes Essen bekommen. 
Da unser .Koch ebenso>venig französisch sprechen 
kann wie mein Bursch, so ist die Berständignng 
zwischen den Parteien natürlich sehr schwierig, 
mit Hilfe von vielem Wortschwall ans beiden 
Seiten, Pantomimen und Haudbetvegnngen geht 
es aber tadellos. Das Schlößchen ist recht klein, 
aber ein Bijou, genügt völlig gerade für uns. 
Wehmütig berührte mich das Kinderzimmer! Die 
Spielsachen und Bücher! Im Garten ein rickp- 
tiges kleines Haus für die Kinder zum Kochen, 
auch ein richtiges kleines Rad. Wenn man so 
an die armen Kinder denkt, denen durch den 
Krieg die Heimat genommen — und oft auch 
alles zerstört wird, daun lvird man doch weich. 
Ganz wundervoll sind im ganzen Haus die Wand 
schränke, aber auch alle Wände sind voll. Und 
lvas für Vorräte darin sind! Ein altfranzösisches 
Geschirr im Eßzimmer, ideal! Und die seinen Toi 
letten der Madame! Sogar eine Flasche Lonrdes 
wasser habe ich entdeckt! Ans dem Boden Kisten 
und Koffer ebenso gefüllt. - Rechts am Hans 
befindet sich noch ein Anbau, in dem die Garage 
(jetzt Stall für unsere Pferde) ist, und links ein 
Anbau mit dem Maschinenbau für die elektrische 
Anlage. In dieser befindet sich auch eine Dreh 
bank für Herrn d'Adigny und auf dem Boden 
eine Tischlerwerkstatt, in der er schöne Schnitze 
reien anfertigt. Daneben malt irgend jemand von 
der Familie. Auch ein Kinonpparat steht in meinem 
Zimmer. Eins muß ich noch erlvähnen, daß im 
ganzen Haus keine Badeeinrichtnng ist. Das ist 
ausfallend, da die Franzosen doch sonst so großen 
Wert darauf legen, wenigstens in den besseren 
Familien. — Butter und Milch bekommen lvir 
jeden Morgen von einem Bauern, bei dem unsere 
Pferde stehen. Der 2. Inspektor mußte von hier 
über Vouziers und Monthois nach Fontaine-eu- 
Dormois, zur Ausgabestelle für Fonrage und zur 
Feldpost, fast 60 Kilometer hin und zurück! Gerade 
nicht sehr bequem. 
Der Gedanke, daß man seit Wochen so untätig 
dasitzt, nichts sieht und nichts erlebt, drückt ans 
die Stimmung. Mit Ausnahme der Inspektoren 
und des Apothekers wären lvir alle lieber vorn 
dran. Übrigens haben wir das herrliche Obst von 
einem Bauern geschenkt bekommen, dem K. gesteril 
ein Rezept verschrieben hat. Die Leute holen hier 
alle die deutschen Militärärzte, die ihnen nicht 
nur die Behandlung umsonst gewähren, sondern 
ihnen auch die Arzneien geben; hiesige Ärzte und 
Apotheker gibt es nicht. Die Ärzte sind alle fort 
und der Inhalt der Apotheken ist überall von uns 
für unsre Formationen in Beschlag genommell. 
Wir haben wirklich ein großes Glück mit uirserm 
Quartier gehabt. Wenn man dagegen den Zn-
	        

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