Volltext: Hessenland (29.1915)

werden. Immerhin erhielt sich die französische 
Sprache im örtlichen Verkehr das ganze 18. Jahr 
hundert hindurch, im siebenjährigen Krieg konnten 
die Kolonisten beiden Parteien, sowohl den Teut 
schen als den Franzosen, Dolmetscherdienste leisten. 
Sowie aber Kirche und Schule deutsch geworden 
waren, erlosch die Kenntnis des Französischen rasch. 
Seitdem führten die Dörfer den Namen fran 
zösischer Kolonien nur insoweit zu Recht, als 
damit au den Ursprung und den früheren Zustand 
erinnert wurde. Nur in dem abgelegenen und 
weniger mit Deutschen durchsetzten Mariendorf be 
hauptete sich die Fremdsprache, wenngleich im Zu 
stand weitgehenden Verfalls, das 19. Jahrhundert 
hindurch, jetzt ist sie auch dort im Erlöschen be 
griffen. Nur die Inschriften an den Kirchen und 
den alten Häusern, die Bauart dieser Häuser und 
die Namen einzelner Familien erinnern noch au 
das, was die Dörfer gewesen sind.5) 
Das Los von Neusiedlern, wenn sie nicht vom 
Schicksal besonders begünstigt sind, ist hart, ihre 
Aufgabe schwer wie die des in den steinigen Boden 
gelegten Kornes, das zum Licht, zur Blüte, zuin 
Fruchtansatz durchdringen soll, oft aber ausbleibt. 
Unverdrossene Arbeit, Sorge, Enttäuschung ge 
hören in der Regel zum täglichen Brot, die fran 
zösischen Kolonisten hatten aber noch mit besonderen 
Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie verstanden die 
Sprache der Eingeborenen nicht, und es wurde 
ihnen schwer, sie zu lernen, sie brachten ganz ver 
schiedene Sitten, Gewohnheiten und Wirtschafts 
grundsätze mit in das rauhe Waldgebiet, das so 
wenig der Heimat im Süden glich. Trotz des 
Wohlwollens, das man ihnen seitens des Landes 
herrn und seiner Regierung entgegenbrachte, kamen 
sie bei Streitigkeiten, besonders um Grundbesitz, 
die unter den nicht völlig geordneten Verhältnissen 
leicht vorkamen, nicht immer zu ihrem Recht, ob 
gleich eine Behörde zu ihrem Schutz vorhanden war. 
Die Mittel, die die Kolonisten mitbrachten, ge 
nügten nicht, um die verwahrlosten, geringwertigen 
oder eben angerodeten Ländereien in Schwung zu 
bringen und ihre Erträge zu erhöhen. Um aber 
nach der Weise der Bauern in den deutschen 
Dörfern zu wirtschaften, dafür waren wieder die 
Stellen an Größe zu gering ausgestattet. Die 
strebsamsten und tüchtigsten unter den Ansiedlern 
waren deshalb von vornherein darauf bedacht, ihr 
Ackerwerk zu erweitern. Wenn aber Unglücksfälle 
oder Mißernten eintraten, die bei der damaligen 
Art der Bodenkultur viel häufiger waren als 
ä ) Auch die Flurnamen blieben deutsch, aus dem 
Französischen stammt in Karlsdorf nur der Name Cret- 
höfe, Gärten auf der Höhe. 
heutzutage, so wurde die noch nicht fest genug be 
gründete wirtschaftliche Existenz leicht gefährdet. 
Ferner war es den Kolonisten nicht gestattet, 
Hypotheken aus die Portionen aufzunehmen, daher 
mußten denn öfters Schulden unter drückenden 
Umständen, wohl gar zu Wucherzinsen, gemacht 
werden. Angesichts solcher Schwierigkeiten wurde 
mancher mutlos und wanderte bald wieder fort, 
andere sahen sich gezwungen, nach Jahren schweren 
Ringens endlich doch ihre Stelle aufzugeben. Es 
gibt wohl keine unter den älteren französischen 
Kolonien in Hessen, die in den Anfängen nicht 
dergestalt in ihrem Bestand geschwankt hätte, daß 
die Ansiedler den Gedanken, sie wieder zu ver 
lassen, hin und her erwogen; man kam nur des 
halb wieder von ihm zurück, weil es unmöglich 
schien, anderwärts ein besseres Unterkommen zu 
finden. Viel Verdruß und Verlust erwuchs den 
Bewohnern von Karlsdorf auch aus der Lage nahe 
am Reinhardswald, denn das massenhaft vorhandene 
Hochwild richtete sehr großen Schaden au, und 
die Bauern waren durch unbillige Vorschriften in 
ihren Abwehrmaßregeln eingeengt. Aus ihre Klageil 
hin wurde lvohl einmal am 18. Oktober 1708 eine 
große Jagd angesetzt, aber dem Landgrafen als 
eifrigem Weidmann lag es doch fern, die Hege 
des Wildes aufzugeben. 
Die regsameren unter beit Kolonisten suchten sich 
dadurch etwas Verdienst zil verschaffen, daß sie 
Gemüse und andere Garteuerzeugnisse zogen, die 
sie in der Heimat gepflegt hatten, auch in Deutsch 
land noch unbekanntes Geflügel, wie z. B. Trut 
hühner. Aber der einzige Markt, der dafür in 
Betracht kam, war in Kassel, und der war nicht 
groß. Der Versuch, Tabak feldmäßig anzubauen, 
blieb in den Anfängen stecken. 
Die hessische Regierung ließ es nicht an sich 
fehlen, sie unterstützte die Kolonie in jeder Weise, 
ivas auch in ihrem eigenen Interesse lag. War es 
sonst hergebracht, den Ansiedlern auf Neuland drei 
Freijahre zu gewähren, so wurde ihre Zahl für 
Karlsdorf auf fünfzehn ausgedehnt. Als sie aber 
im Jahre 1708 abgelaufen waren, mußten die 
Steuern zlvangsweise eingetrieben werden. Die 
gesamte Abgabenlast war im Jahre 1700 folgender 
maßen festgesetzt worden. Von jedem Acker Land, 
er mochte tragen oder nicht, mußte außer dem 
Zehnten, der auf fast alten Grundstücken lag und 
in der zehnten Garbe von allem Korn und dem 
zehnten Teil der anderen Früchte bestand, eine 
Fruchtabgabe von 1 % Metzen, halb Roggen, halb 
Hafer, geliefert werden, vom Acker Wiese 3 Albus, 
von jedem Haus ein sogenanntes Rauchhuhn und 
von jedem Garten ein Zinshahn. Die Frondienste, 
Hand und Spanndienste, waren mit Geld abgelöst,
	        

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