Full text: Hessenland (29.1915)

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Karlsdorf bei Hofgeismar. 
sDie Franzosen, die als Bekenner des Evan 
geliums vertrieben waren, haben diese Kirche zur 
Ehre Gottes errichtet durch die liebreiche Hilfe 
seiner durchlauchtigen Hoheit des Fürsten und 
Landgrafen Karl von Hessen-Kassel, der sie voll 
Mitleid unter seinem Schirm sammelte, nicht 
weniger Sorge trug um das Heil ihrer Seelen, 
als um die Erhaltung ihres Leibes, und verdient, 
daß sie in diesem Hause beten und allerorten 
heiße Wünsche zum Himmel senden für sein Glück 
und für seinen Ruhm.j 
David Clement hat nur noch kurze Zeit seines 
Amtes in der von ihm geweihten Kirche gewaltet, 
denn bereits im Jahre 1705 wurde aus Karlsdorf 
und dem neuerbauten Schöneberg eine besondere 
Pfarrei gebildet, und er übte die Seelsorge in den 
Gemeinden zu Hofgeismar und in dem gleichzeitig 
mit Schöneberg gegründeten Kelze. Er starb 80 
Jahre alt am 29. Januar 1725 und fand seine 
Ruhestätte nach altem Brauch in der 
Neustädter Kirche; fast 40 Jahre vor 
her hatte er seine glaubensstarke Schar 
nach Hessen geführt und sich dann bis 
zum letzten Atemzug ihrem Dienst ge 
weiht, wie denn überhaupt die Pfarrer 
der Waldenser eine über jedes Lob er 
habene Tätigkeit entfaltet haben. Der 
gleichnamige Sohn wurde sein Nach 
folger, doch blieb er nur bis zum Jahre 
1736 in dem Amt, da er nach Braun 
schweig berufen wurde; als Gelehrter er 
warb er sich dort einen wohlbegründeten 
Ruf. 
Karlsdorf, wo für den Prediger Le 
Fövre ein Haus gebaut wurde, war nur 
bis zum Jahre 1738 im kirchlichen Ver 
band mit Schöneberg, denn nach dem 
Abgang des Pfarrers Konrad Endemann 
kam das erstere zu Mariendorf, wohin 
auch der Pfarrer übersiedeln mußte, das 
letztere zur Gemeinde in Hofgeismar. 
Die Deutschen, die bald in steigendem 
Maße in die Kolonien eintraten, hielten 
sich natürlich zu den französischen Ge 
meinden, die einer besonderen Jnspektur 
in Kassel unterstanden. Aber es blieben 
doch Beziehungen zur hessischen Landes 
kirche bestehen, und mit dem Vorwiegen 
der Deutschen begannen sich die vor 
handenen Unterschiede auszugleichen, bis 
die Kolonien endlich sämtlich ihre Sonder 
stellung ausgaben. Bald darauf wurde 
Karlsdorf mit dem nahen Hombressen 
bressen vereinigt, und dabei verblieb es 
fast 70 Jahre. Im letzten Jahrzehnt 
des 19. Jahrhunderts wurde nämlich eine neue 
Pfarrei Gesundbrunnen errichtet, zu der sowohl 
Karlsdorf als Schöneberg gezogen wurden. 
Bei diesem Vorgang der Angleichung und des 
Anschlusses an die Landeskirche wirkte das Schick 
sal der französischen Sprache in den Kolonien 
nicht wenig mit. Die Ansiedler redeten zur Zeit 
der Einwanderung fast sämtlich südfranzösische 
Dialekte, die mehr oder weniger voneinander ab 
wichen. Das Deutsche mußten sie notgedrungen 
hinzulernen und wurden so zweisprachig. Infolge 
verschiedener Umstände überwog allmählich die 
deutsche Sprache im Verkehr, und da Kirche und 
Schule das Gemeinfranzösische lehrten, so geriet 
der Dialekt in Abgang. In den Schulen sollte 
neben dem Französischen auch das Deutsche ge 
lehrt werden. Bei der sehr geringen Besoldung 
mußte der Lehrer'aber zugleich Bauer sein, und 
es war kaum möglich, beiden Aufgaben gerecht zu 
Dtratze in Karlsdorf.
	        

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