Full text: Hessenland (29.1915)

des Orients, daß hienieden keine Hilfe der Rechtfertigung 
zu finden sei, nicht entschlagen konnte". Hoffmannsthal 
verbindet beides. Bei ihm lassen gute Werke und Glaube, 
wre im Hekastus: Virtus und kickos, und der buß 
fertige Empfang des Sakraments den Reichen den seligen 
Tod finden. — 
Gewiß, mundgerechter und abwechslungsreicher, mit 
ein ganz klein wenig mehr dramatischem Leben hat der 
Wiener Dichter den Stoff gestaltet, als seine mittel 
alterlichen Vorgänger. Man muß allerdings von allen 
unseren Begriffen vom eigentlichen Drama absehen und 
sich ganz auf den naiven Standpunkt der Moralitäten- 
Bühne stellen, um das Spiel würdigen zu können. Und 
ist unserem Theaterpublikum wirklich so viel Naivetät 
zu eigen, daß es den einfachen, moralisierenden, lehr 
haften Vorgängen, von denen jede Szene die Absicht 
lichkeit und die Tendenz faustdick zur Schau trägt, 
schätzen kann? Ist es nötig, das Stück mit ganz be 
sonderer Feierlichkeit zu umgeben, die Türen fest zu 
schließen, den Beifall sich zu verbitten? Ist wirklich 
Erbauung oder religiöse Vertiefung von einem Spiel 
zu erwarten, das nie und nirgends uns vergessen läßt, 
daß wir im Theater sind? Es uns schon nicht ver 
gessen läßt durch die mittelalterlichen Knittelverse, auf 
deren Reime wir achten, und die doch so ost (ganz wie 
die ähnlichen Hauptmanns in seinem verflossenen Jahr 
hundertfestspiel) sich unserem Gehör als durchaus un 
gereimt geben. Es uns nicht vergessen läßt durch die 
gesucht altertümliche Redeweise, wo wir doch fortgesetzt 
die Künste moderner Theatertechniker schauen. . . . Denn 
eines scheint doch festzustehen: religiöse Lehren können 
im Theater schwerlich verbreitet werden. Luther noch, 
der als Freund des Dramas einige Bücher der Bibel 
als ursprüngliche Dramen ansah, meinte, das geistliche 
Schauspiel sei zur Verbreitung von Glaubenswahrheiten 
sehr geeignet. Die Stellung des Publikums zur Schau 
bühne hat sich seitdem gewandelt. Der Besucher ist 
kritischer veranlagt, die unmittelbare tiefgehende Wirkung 
auf das naive Empfinden fehlt. Gemütsbewegungen 
werden wohl hervorgerufen, aber die religiöse Richtung, 
die Glaubensüberzeugung ist durch Theaterstücke — zu 
mal, wenn sie so wenig unseren Ansprüchen an das 
Drama entsprechen, wie diese „Moralität" — nicht zu 
beeinflussen. Auch dann nicht, oder vielleicht gerade 
dann nicht, wenn Regisseur und Maschinentechniker all' 
ihre Künste zeigen können. 
Und in der Tat, ihnen hat Hoffmannsthal Gelegenheit 
geboten, sich hervorzutun. Herr Sieg, Herr W a ß -- 
m u t h , Herr Sierra verdienen Anerkennung. Der 
Schauplatz war hübsch gestaltet, das Bankett bewegt 
hergerichtet, der Sternenhimmel wölbte sich in ergreifender 
Bläue, das mittelalterliche Kostüm ivar gut gewählt und 
fein abgestimmt. Aber auch das, was unsere Bühne in 
dieser Beziehung leisten kann, rechtfertigt an sich allein 
nicht die Wahl dieser Neuheit. . . . Wäre das Klatschen 
nicht als profanierend verboten gewesen, wir hätten die 
genannten Herren vor den Vorhang gerufen. Sicher 
aber den Darsteller der Titelpartie Herrn H ahn, der 
mit hingebender Innerlichkeit spielte und den Reichen 
in all den verschiedenen Phasen eindringlich, herzlichst 
und mit schöner Wirkung gab. Aus der großen Fahl 
der Mitspieler seien nur einige hervorgehoben: Herr 
Z s ch o k k e , der den Tod packend verkörperte, Fräulein 
Görling, die die Rolle des Glaubens mit tiefein 
Gefühl und warmer Innigkeit erfüllte, Fräulein S ch o l z 
(Mutter), Fräulein S t o r m (Geliebte), Herr Pape 
(Guter Geselle), Herr I ü r g e n s e n (Teufel). 
Aber all das kann das sichere Gefühl nicht ändern, 
daß hier nur den zahlreichen Stücken des gleichen In 
halts ein neues zugefügt ist, das vielleicht die ver 
gleichende Literaturgeschichte im nächsten Jahrhundert 
beschäftigen, das Theater aber nicht bereichern wiro. 
Sollte Hoffmannsthal seinen Fleiß den mittelalterlichen 
Mysterien, Moralitäten, Fastnachtsstücken znn'enden, nach 
dem er die griechische Tragödiendichtung ausreichend 
bearbeitet hat, so ergibt sich ihm ein endloses Feld. 
Eine Zeit, aus der „jedes Gymnasium seine Theater 
geschichte" hat, bietet ivahrlich Stoss genug für ein 
ganzes Dichterleben. Allerdings scheint es nicht wahr- 
scheinlich, daß das Publikum diesen Weg mitgehen 
wird.*) ... H. B l u m e n t h a l. 
*) Wer sich für die Wanderung und Wandlung der 
Jcdermann-Jdee interessiert, findet Ausführliches in Goe- 
dekes Dvor^man, Domains und Doknstus, Hannover 1865, 
und in Voltes Monographie über den Schlömer in den 
Drucken des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung, 
Norden 1889. Er hat in beiden Schriften Gelegenheit, 
die hauptsächlichsten Schöpfungen auf diesem Gebiet selbst 
kennen zu lernen und findet bei Bolte auch noch weit 
gehende bibliographische Hinweise. B. 
Aus Heimat und fremde. 
Hessischer G e s ch i ch t s v e r e i n. Nach langer, 
durch den Krieg veranlaßter Pause hielt der Mar 
burg e r Zweigverein am Freitag, den 12. März 
wieder eine Abendsitzung ab, die sehr gut besucht war. 
Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung mit kurzen 
geschäftlichen Mitteilungen. An Vereinsmitgliedern sind 
dem Kriege zum Opfer gefallen: Privatdozent Dr. Walter 
Sohm, Dr. Friedrich Salis, Oberst Rudolf n. Buttlar. 
Ferner verstürben im Laufe des Vereinsjahres: Land 
messer Krieger, Rentner Missomelius, Superintendent 
a. D. Gleim, Geh. Justizrat Kind. Die Versammlung 
ehrte das Andenken der Verstorbenen in herkömmlicher 
Weise. Sodann hielt Archivar Dr. Knetsch den an 
gekündigten Vortrag: „Hessen und Br a b a n t ", 
ein Thema, das gerade heute nach der Besetzung der 
belgischen Lande durch die deutschen Heere von all 
gemeinem Interesse ist. Das Haus Hessen in der 186b 
depossedierten Kurlinie mit seinen Abzweigungen Phiupps- 
thal und Philippsthal-Barchfeld und der in Darmstadt 
regierenden großherzoglichen Linie, mit seinem eigentlichen 
Stammnamen das Haus Brabant, ist mit Heinrich 
dem Kinde 1247 aus den Niederlanden, wo sich das 
Geschlecht bis in die Zeit der Karolinger (846) zurück 
verfolgen läßt, nach Hessen gekommen. In Brabant 
blühte die Hauptlinie des herzoglichen Hauses im Mannes 
stamme bis zum Jahre 1355. Von der 1406 in hohem 
Alter verstorbenen Erbtochter dieser Linie kam das Land 
Brabant, das sich im wesentlichen mit dem heutigen 
Belgien deckt, an die Luxemburger, dann später an die 
mächtige burgundische Nebenlinie des Hauses Frank 
reich, bis es durch die Vermählung Kaiser Maximilians 
mit Karls des Kühnen von Burgund Tochter Maria 
1477 an das Haus Habsburg fiel. 1740 ging es dann 
mit den anderen österreichischen Landen an das Haus 
Lothringen über. Von 1794 bis 1814 standen die 
österreichischen Niederlande unter französischer Herrschaft,
	        

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