Full text: Hessenland (29.1915)

rium Hohenwart, dem auch die zweite, heute 
meist benutzte, vollständigste Ausgabe der „Organi 
sation der Arbeit" zu verdanken ist. Wer sich einen 
kurzen, aber treffenden Überblick über unseres hessi 
schen Landsmannes Werk schaffen will, sei auf 
Schäffles Vorträge über Kapitalismus und So 
zialismus verwiesen.*) 
Die Arbeit an dem Werke „Organisation der 
Arbeit" hat seit seinem „Tag von Damaskus", 
jenem Morgen bei Modum, den er selbst so packend 
schildert, bis zum Tode unsern Freund beschäftigt, 
selbst als im Jahre 1860 ein schweres Nerven 
leiden ihn zur Schonung zwang, war der einzige 
Weg des Arztes in sein 
Vertrauen der über diese 
Probleme. 
Eng mit diesem großen 
Lebenswerke verknüpft, 
aber doch nur episoden 
haft ihm gegenüber war 
Winkelblechs Eintreten 
in die Tagespolitik. 
Als der Sturm des 
Jahres 1848 durchs Land 
brauste, als das Ver 
trauen des Volkes die 
Besten der Nation in die 
Paulskirche nach Frank 
furt sandte und jeder 
mann den Frühling des 
deutschen Volkes erhoffte, 
riß es auch ihn aus der 
Stille seiner Studier 
stube. Er hoffte, von der 
Rednertribüne herab, viel- 
leicht von bfer Tribüne 
des deutschen Parlamentes für seine Gedanken 
wirken zu könpen, und da er in die Herzen gerade 
der Enterbten des Glücks die Hoffnung auf bessere 
Tage, den Glauben an eine bessere Zukunft, zu 
tragen gedachte, trat er in den demokratisch-so 
zialen Verein zu Kassel, trug er in Vorträgen 
seine Gedanken in die Öffentlichkeit. Ein Partei 
mann ist er dennoch nicht geworden, obwohl ihn 
auch die Wahl in die kurhessische Ständekammer 
berief, der er in der Legislaturperiode von Dezem 
ber 1848 bis Frühjahr 1849 angehörte. Seine 
Kandidatur im April 1848 gegen dm Obergerichts- 
anwalt Ludwig Schwarzenberg bei den Wahlen 
zur Paulskirche war ein — namentlich durch seinen 
zu tiefgründigen Wahlaufruf bedingter — Miß 
erfolg gewesen, dennoch aber muß sein Auftreten, 
*) Kapitalismus und Sozialismus. Von Pros. A. 
Schäfsle. Tübingen 1870, namentlich S. 255—307, wo 
auch eine treffliche Kritik der Marlo'schen Gedanken. 
namentlich in den sozial-wissenschaftlichen Vor 
trägen, starken Eindruck hinterlassen haben, denn 
daraus scheinen Worte hinzudeuten, die nach Be 
endigung der Wahl in einem Rückblicke der „Neue 
Verfassungsfreund" schrieb: Die soziale Seite 
der großen Bewegung des März „ist aller 
dings die empfindlichere, denn hier handelt es 
sich nicht um Aufrechterhaltung bereits erworbener, 
um Erlangung neuer Rechte, hier haudelt es sich 
um Aufhebung krankhafter Zustände, um uneigen 
nützige Anerkennung der Rechte der Armen uub 
Bedrückten, um mutige Bekämpfung kleinlicher 
Selbstsucht, hier handelt es sich von unserer Seite 
um Pflichten, um inniges 
Eingehen in das Herz 
der Menschheit, um Ver 
wirklichung des Grund 
prinzips des Christen 
tums." Diese Gedanken 
tragen so in jeder Hin 
sicht den Stempel von 
Winkelblechs Geist, daß 
man wohl nicht fehl geht 
in der Annahme, daß 
sein Einfluß diese Töne 
bei dem Schreiber an 
geschlagen. 
Gerade jetzt in unserer 
Zeit aber, in der der 
eiserne Zwang des Welt 
kriegs die Kämpfer aus 
dem Reiche und Öster 
reich zusammenführte, da 
der Gedanke, „das ganze 
Deutschland soll es sein!" 
lauter als seit Jahren 
und Jahrzehnten klingt, ist es auch interessant, 
Winkelblechs Abgeordnetentätigkeit in der kurhessi 
schen Ständekammer zu betrachten. Als Demokrat 
ist er großdeutsch, und als die heftigen Kämpfe 
im Frankfurter Parlament um die Schaffung der 
erblichen Kaiserwürde, um ihre Übertragung an 
den preußischen König Friedrich Wilhelm IV., 
um die Ausstoßung Österreichs aus dem deutschen 
Staatenverbande in der Ständekammer wider 
hallen, als v. Sybel als Berichterstatter des Ver 
fassungsausschusses darauf anträgt, den kleindeut 
schen Beschlüssen der Nationalversammlung die 
Zustimmung zu bekunden, die Regierung zur Zu 
stimmung zu treiben, hielt er nicht mehr an sich. 
„Lassen Sie uns das Band beim Bundesstaat so 
eng als möglich knüpfen, aber lassen Sie uns das 
größte nationale Interesse wahren, und die Ein 
heit des Reichs nicht aus den Augen 
verlieren, lassen Sie uns nicht dahin kommen, 
Karl Georg Winkelblech.
	        

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