Full text: Hessenland (28.1914)

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Qtcfifsijcv ltzesandter wieder in Wien ans, und auch von 
hessischer Seite vermied man es, durch offizielle Schritte 
gegen sein neues Auftreten den Wiener Hof, an dem 
er auch von früher her Gönner hatte, in Verlegenheit 
zu setzen. Die leise Hoffnung, die man in Kassel hegte, 
durch diese Schonung eher zur Wiedererlangung der ver- 
nntreuten Gelder zu kommen, scheint sich nicht erfüllt 
zu haben, darüber ist wenigstens ebensowenig wie über 
des Grafen spätere Lebensschicksale etwas bekannt. — 
Bei den Hörern und den zahlreichen Hörerinnen erregte 
die romanhafte Laufbahn dieses Abenteurers, dessen 
Bildnis ihn als einen schönen Kavalier zeigte, sichtlich 
lebhaftes Interesse, die überaus knappe, bisweilen un 
billig verkürzte Besoldung mochte in der Tat Oeynhausen 
in etwas entschuldigen. 
Ter stark besuchte wissenschaftliche Unterhaltungsabend 
des Kasseler Vereins am 2. Februar verlief recht 
anregend. Herr Bibliotheksdirektor Professor I)r. Brun 
ner entwarf auf Grund üngedruckter Quellen ein Lebens 
bild des 1850 als wirklicher preußischer Geheimrat ver 
storbenen, von Jérôme als Postillon d'amour benutzten 
westfälischen Gcneralinspektors der Forsten Joachim Frei 
herrn von Otterstedt, dessen Gattin, eine geborene Gräfin 
Zeppelin, erste Palastdame der Königin war und für 
diese, um sie aus einer recht heiklen Liebesangelegenheit 
herauszuziehen, einst in Stuttgart mit ihrer Person 
eingetreten war. Buchdruckereibesitzer Jacob sprach 
sodann über den Eintritt Äurhessens in das deutsche 
Eisenbahnsystem, über die ersten, schon im Jahre 1832 
einsetzenden Bemühungen, den ersten Spatenstich auf der 
Südseite des Guxhagener Tunnels, die im März 1848 
vollendete Strecke Grebenstein-Karlshafen, die noch im 
selben Jahr bis Kassel ausgebaut war, die besonderen 
Gcländeschwierigkeiten auf der Strecke Kassel-Bebra- 
Gerstungen, den Bau der Guntershäuser Brücke, ein 
Meisterstück damaliger Baukunst, die Revolutionierung 
des Verkehrs durch Eröffnung der Friedrich-Wilhelms- 
Nordbahn, die verschiedenen Projekte der Kasseler Bahn 
hofsanlage, weiter über den Bau der Main-Weserbahn 
über Marburg, die am 15. Mai 1852 auf der ganzen 
Strecke in Betrieb genommen werden konnte. Zu diesem 
interessanten Bortrag machte Rechnungsdirektor W o - 
ringer eine Reihe ergänzender Mitteilungen nnd ging 
dann noch weiter auf die Vorgeschichte der kurhessischen 
Eisenbahnen ein. Beide Vorträge veranlaßten eine leb 
hafte und aufschlußreiche Diskussion. 
Die Monatsversammlung des Kasseler Vereins 
brachte nach der kürzlich erfolgten Verabschiedung des« 
sog. Ausgrabungsgesctzes im preußischen Abgeordneten 
haus einen zeitgemäßen und verdienstvollen Vortrag 
des Vereinsvorsitzenden General E i s e n t r a u t über 
den „ Schutzder Boden altertümerinP reu- 
ß en" In anschaulicher Weise wies er auf die Mög 
lichkeiten hin, Aufschlüsse über den frühesten Zustand 
des Menschengeschlechts zu erhalten, zeigte, wie man 
sich in anderen Ländern die Bodenschätze gesichert habe, 
und wies namentlich auf Griechenland hin, das bereits 
1834 alle Bodenfunde als Nationaleigentum erklärte. 
Zu ähnlichen Schutzmaßregeln ist auch Italien längst 
übergegangen, am wenigsten ablehnend ist noch die 
Türkei, soweit es sich wenigstens nicht um ihre eigene 
Vergangenheit und Kultur handelte. So konnte Schlie- 
mann von seinen Grabungen in Pergamon alles Wesent 
liche an die Museen in Berlin schenken. In den 
anderen europäischen Ländern ist der Sinn für Alter 
tümer von den Resten der griechischen und römischen 
Kultur ausgegangen, die sie so glücklich waren, bei sich 
zu entdecken. In Preußen war man früh davon über 
zeugt, daß für die Forschung und die Museen nur die 
Altertümer in Betracht kommen konnten, die das Rhein 
land aus der Zeit der römischen Kultur aufzuweisen 
hatte. So ist es gekommen, daß sich den heimischen 
Altertümern aus frühester Zeit so wenig und erst so 
spät das öffentliche Interesse zugewandt hat. Die erste 
großangelegte Ausgrabung auf deutschem Boden brachte 
auf Mommsens Veranlassung die Limesforschung, die 
zugleich ein wichtiges Stück unserer ältesten Geschichte 
aufhellte. 1902 schuf der Staat die römisch-germanische 
Kommission mit der Aufgabe, die Kultur der einstigen 
römischen Landesteile bis zur Elbe zu erforschen. In 
einzelnen deutschen Staaten war der Schutz der Boden 
altertümer schon früher geregelt, so in Bayern, Hessen- 
Darmstadt und Oldenburg. In Preußen fehlte es bisher 
daran, obwohl in einzelnen Provinzen — wie z. B. in 
Hessen-Nassau — schon manche wirksame Verordnung 
bestand. Erfreulicherweise ist der Entwurf eines Aus 
grabungsgesetzes vor anderthalb Wochen nun angenom 
men worden. Es war die höchste Zeit, die Erinnerung 
an alte Zeiten zu sichern, sonst hätte noch manches den 
Weg nach Amerika gefunden. Eine Übersicht der schätzens 
werten Bodenaltertümer gewinnen wir bei einer kurzen 
Wanderung durch die Entwickelungsgeschichte des Men 
schen. Man nimmt heute an, daß bereits zu Ende der 
Tertiärzeit menschenähnliche Wesen in Südfrankreich ge 
lebt haben, und man hat eine ganze Anzahl von Neo- 
lithen, von Feuersteinen, die diese Vormenschen bear 
beiteten, mit den Knochen längst ausgestorbener Tiere 
gefunden. Auf die Tertiärzeit folgte das Diluvium, 
die letzte Schöpfungsperiode der Erde, die bis in die 
Gegenwart reicht und gewiß schon anderthalb Millionen 
von Jahren alt ist. Der Beginn dieser Zeit ist ge 
kennzeichnet durch eine ganz allmählich eingetretene starke 
Abkühlung der Erde (Eiszeit). Diese erste Vereisung 
wich wieder zurück, und neues Leben mit einer üppigen 
Pflanzen- und Tierwelt konnte wieder eindringen. Mit 
dieser Tierwelt hielt auch der durch die Vereisung nach 
Süden verdrängte Vormensch wieder seinen Einzug in 
Mitteleuropa, was wir aus den in seinen Händen ent 
standenen Steinwerkzeugen erkennen, die aber jetzt auch 
schon zum Schneiden und Schaben benutzt wurden. Dieser 
Vorgang hat sich mehrere Male wiederholt, so nimmt 
man für das heutige Norddeutschland drei Eiszeiten an. 
Aber viele hunderttausende von Jahren ist der Mensch 
über die einfachsten Steinwerkzeuge nicht hinausgekom 
men. Man pflegt die verschiedenen Kulturstufen des 
Menschen nach dem Namen der Stoffe zu bezeichnen, 
aus denen er seine Waffen und Werkzeuge herstellte: 
ältere Steinzeit, jüngere Steinzeit (neolithische Zeit), 
ältere Bronzezeit, jüngere Bronzezeit (Hallstattzeitl und 
La Tönezeit. Diese Übersicht zeigt, wie die Bodenalter 
tümer für die Kulturentwicklung die wertvollsten Auf 
schlüsse zu geben vermögen. Für die älteste Zeit sind 
wir ganz allein auf sie angewiesen, erst später treten 
Sprachforschung und Geschichte hinzu. Die Funde reden 
in ihrer Sprache um so deutlicher, je unverletzter sie 
aus der Erde kommen. Niemand wird behaupten wollen, 
daß hierfür bei uns schon die nötige Fürsorge bestand. 
Bessere Zustände lassen sich nur erreichen, wenn wir 
die wichtigsten Feinde unserer Bodenaltertümer be 
kämpfen. Diese sind 1. Unkenntnis ihrer wahren Be 
deutung, 2. der Erwerbssinn, 3. die Ausdehnung des 
wirtschaftlichen Betriebs. Wie viele Urnen mögen im 
Boden gesteckt haben, wieviele sind absichtslos zerstört 
worden- wie wenige sind in die Museen gelangt! So 
ist es auch mit den gefundenen Stein-, Bronze- und 
lAsenteilen. Wie viel Schmucksachen werden im Schmelz 
tiegel des Goldschmieds verschwunden sein und wie 
viele unansehnliche Altertümer sind schon vernichtet
	        

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