Full text: Hessenland (28.1914)

irgend einer, nur als möglich zu ermittelnden 
Grenze gelegen haben und daß auch Marburg 
keine Grenzburg gewesen ist. 
Wie Grimm, Deutsches Wörterbuch VI, 1863 
betont, bezeichnet die Mark zunächst nicht eine 
Ländergrenze, sondern die Art. wie eine Gemeinde 
oder Dorsgenossenschast den in Besitz genommenen 
Grund und Boden gegen anstoßende Nachbarn 
kenntlich macht durch Färben und Schwärzen, 
von Bäumen und Pfählen. Aus dieser ersten 
Bedeutung „Grenzzeichen, Merkmal" entwickelte 
sich 2. die Bedeutung „Flurgrenze, durch Grenz 
zeichen kenntlich gemacht", 3. Grenzbezirk all 
gemein, 4. gemeinsamer auf den Grenzgebieten 
mehrerer Ortschaften gelegener Besitz an Wald 
und Weide einer Weidegenossenschaft, 5. das durch 
Grenzzeichen abgesteckte Gesamteigentum an Grund 
und Boden (Dorfmark), das durch Grenzbegang 
in regelmäßigen Zwischenräumen nachgeprüft wird, 
6. Landesgrenze und Grenzland (vgl. die Marken 
Karls des Großen, die Mark Brandenburg, die 
Ostmarken, Dänemark, Steiermark usw.). Sobald 
es feste Ansiedlungen gab, sagt Varrentrapp^), ent 
standen auch Markgenossenschaften, d. h. ein sich 
niederlassender Verband teilte einen kleinen Teil 
des Niederlassungsgebietes auf, während er den 
Rest, ursprünglich auch Äcker, später besonders 
Wälder. Weide und Wiesen gemeinsam nutzte. Die 
alte Mark, d. h. das Gebiet, das nach der festen 
Ansiedlung einer Dorfsippe oder einer Genossen 
schaft mehrerer beieinander liegender Ortschaften 
zugewiesen wurde, zerfiel in drei Hauptteile, in 
die bebaute Flur, den Wald und die Weide. Die 
Flur machte etwa ein Drittel der Mark aus und 
wurde in gleichgroßen Losen an die Bewohner 
verteilt, während Wald und Weide als „Gemeine 
Mark" die andern zwei Drittel des ganzen Besitz 
tums ausmachte.*) Die gemeine oder ungeteilte 
Mark hieß auch „Allmand" oder „Attmat" °). 
In diesem Sinne muß das ahd. marca früher 
eine weite Verbreitung gehabt haben, wie aus zahl 
reichen Flurnamen nebst deren Umdeutungen hervor 
geht. Mit dem sich stärker ausbreitenden Ackerbau 
und der dichteren Besiedlung, die anfänglich sich 
den großen Flußtälern entlang vollzog und weite 
Gebiete, zumal in den Nebentälern und Gebirgs- 
wäldern, unberührt ließ, wurden die gemeinen 
Marken, insbesondere auch die Weideplätze, die in 
der Regel am Abhang eines Waldgebirges sich 
befanden, während die Viehlager oder Pferche zum 
*) Rechtsgeschichte und Recht der gemeinen Marken in 
Hessen Mark. 1909) S. 17. 
4 ) Buck. Obd. Flurnamenbuch lStuttg. 1880) S. 175. 
8 ) Vgl. darüber Illgner in den Fuld. Gesch.-Bl. 1912. 
S. 156 ff. 
Übernachten auf dem Kamm des Berges ange 
legt waren, immer mehr zu Rodungen aufgeteilt. 
Damit schwand im Laufe der Zeit die Erinnerung 
an die frühere Verwertung des Bodens, und die 
alten daran haftenden Namen wurden unverständ 
lich und daher nach jeweiligen andern Verhältnissen 
umgedeutet. Typisch hierfür ist Kots Mark, d. h. 
Rottmark, gerodete Mark, sowie die Umdeutung 
von Mark in Morgen, die für den Kenner der 
hessischen Volkssprache einerseits nicht ausfallend ist, 
andererseits deutlich die Ablösung der Weidewirt 
schaft durch den Ackerbau zum Ausdruck bringt. 
Auch Vilmar 262 bezeugt, daß das Wort Mark 
in der alten Bedeutung nur noch sehr spärlich in 
Gebrauch ist. Gemeinweiden heißen nach Vilmar 
noch hie und da appellativisch die Mark, z. B. bei 
Altenbrunslar, und außerdem finden wir denNamen 
Mark appellativisch noch in einigen Waldnamen, 
z. B. bei Neustadt, bei Willingshausen, Lenderscheid, 
Cappel. Linsingen, die rote Mark bei Erbenhausen, 
die halbe 6 ) Mark bei Allendorf, Kr. Kirchhain, 
umgedeutet der Halbenmorgen bei Wangershausen, 
die grosse und die kleine Mark bei Ebsdorf, die 
vordere, mittlere, hintere Mark bei Frielendorf. 
Als Bestimmungswort hat sich Mark erhalten in 
Markwald bei Beuern und bei Hanau in der 
Bulau, das Markhölzehen zwischen Asmushausen 
und Lispenhausen, als Grundwort in Kuhmark 
zwischen Fortbach und Sichertshausen, Gänsemark 
und Viermark 7 ) bei Kirchvers, im Nassauischen 
Kützelmark 8 ) (Kühzahlmark) usw. 
Unter den volksetymologischen Umdeutungen 
nenne ich zuerst die an nhd. „Markt" und nhd. 
„Morgen" — Ackermaß angelehnten: das Markt 
leid bei Willingshausen, im Marktgrnnd bei 
Schröck, die Marktplatte bei Wasenberg, an den 
Marktweg bei Lohra, das Marktackerfeld bei 
Heskem, der Morgenbach bei Kleinseelheim, die 
Morgenbach 9 ) bei Ederbringhausen und zwischen 
Bingen und Bacharach, die Morgengabe bei 
Neustadt, der Morgenscheid bei Halgenhausen, 
der breite Morgen 10 ) bei Himmelsberg, die 
achtzehn Morgen, die neun Morgen bei Groß- 
seelheim, die neuen Morgen,der süsse") Morgen 
°) Vgl. dazu nass. Halbmärker (Kehrern, Volkssprache 
S. 501). 
’) 4 Ortschaften umfassende Mark wie neun Morgen 
(— die neun Marken) 9 Ortschaften umfassende Mark. 
8 ) Vgl. dazu den Marburger Lokalnamen „der bunte 
Kitzel" 
*) Nach Arnold. Anfiedlungen rc. S. 188 mehrfach 
als Bachname in Hessen. 
*°) Man beachte. wie die Umdeutung sogar auf den 
Artikel analogisch einwirkt. 
") Zu ahd. siaza (siozza, siuzza) Weidegut. Wald- 
eigentum. Vgl. Namen wie der süsse Grund, süsse 
Rain, Hohesüss usw.
	        

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