Full text: Hessenland (28.1914)

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er November 1813 bei einem russischen Durch 
marsch der Gemeinde vorschießen mußte, mit 6 Tlr. 
8 Alb. zurückbezahlt. Die Gewalttätigkeit der 
russischen Befreier hat sich der Gemeinde so tief 
eingeprägt, daß die alten Leute heute noch davon 
wissen. 1813, so erzählte mir einer, waren die 
Russen hier. Es war ein wildes Volk. Sie waren 
mit ihren Quartieren unzufrieden, und darüber 
gab es eine Schlägerei mit Jochstangen. Dem 
Hermann Schmitt, der einen russischen Offizier 
getroffen hatte, wurde dabei ein Auge ausgeschlagen. 
Aber das war den Russen noch nicht Rache genug, 
sie fuhren Kanonen auf der Hehlwiese auf und 
hätten das Dorf in Brand geschossen, wenn nicht 
der Pfarrer Sprank rasch nach Eudorf geritten 
wäre, wo der russische Stab lag. Ans seine Für 
sprache mußten die Kanonen wieder abgefahren 
werden, weil sich auch herausstellte, daß die Russen 
selbst die Schuld hatten. So arg wie die Russen 
trieben es die Preußen nicht, aber sie haben die 
Leute natürlich auch nicht mit Handschuhen angefaßt. 
Das ahnen wir, wenn wir einen Ottrauer Bauer 
am 1. April 1815 über den Empfang von neun 
Laubtalern „wegen der von Königlich-preußischen 
Husaren im Winter 1813 erpreßten Hafer" quit- 
tieren sehen. Aber auch dann, wenn das fremde 
Kriegsvolk sich keinerlei gewaltsame Übergriffe zu 
Schulden kommen ließ, kam seine Anwesenheit die 
Gemeinde teuer zu stehen. Die Truppen wollten 
verköstigt werden. Erkrankten Soldaten mußte 
ärztliche Hilfe beschafft werden. Wenigstens lesen 
wir in der Rechnung 1813, daß der Chirurgus in 
Neukirchen für einen Weg wegen einem krank 
gewordenen Soldaten 8 Alb. aus der Gemeinde 
kasse erhalten hat. Hohe Kosten verursachte auch die 
Verpflegung der Soldatenpferde. 1813 hat die 
Gemeinde für 23 Tlr. Fourage gekauft. Im Juni 
1815 lieferte sie „vor die breische droppen" Hafer 
im Wert von 57 Tlr. 22 Alb. 8 Hlr. Da war 
es wirklich nur eine schwache Abschlagszahlung, 
als die Gemeinde im Mai 1816 von der Kur 
fürstlichen Truppen-Verpflegungs-Kommission 98 
Tlr. Entschädigung für Einquartierung erhielt. 
Zu den Lasten der Einquartierung kam dann 
noch die der unaufhörlichen Kriegsfuhren. Die 
Rechnung 1813 weist 63 Tlr. 21 Alb. 8 Hlr. 
Ausgaben für diesen Zweck nach. Die Belege von 
1815 reden von 111 Tlr. 20 Alb. 10 Hlr. zu 
„Griks Vurn" Noch 1817 wird eine Kriegsfuhre 
aus dem Jahre 1813 nachträglich bezahlt. Wie 
häufig die Gemeinde zu diesem Spanndienst heran 
gezogen wurde, erhellt daraus, daß das Verzeich 
nis sämtlicher Kriegsfuhren von 1814—15 nicht 
weniger als zwei Bogen Papier in Anspruch nahm. 
Wieviel bei solchen Fuhren drauf ging, läßt eine 
1815 erwähnte „Tabelle über das beim Armee- 
Transport verloren gegangene Vieh und Geschirr 
seit 1 November 1813" vermuten. Kein Wunder 
bei diesen vielfachen Anforderungen, daß die Ge 
meinde manchmal mit der Erfüllung ihrer Pflichten 
im Rückstand blieb. Ta mußte sie dann nülitärische 
Exekution über sich ergehen lassen. So lesen wir 
auf einem Beleg vom 13. April 1814 „Der Ge 
meinde Ottrau werden wegen rückständiger Perso 
nal-, Kriegs-, Verpflegungssteuer pro 1813 und 
Grundsteuer pro 1814 gegenwärtige 2 Mann vom 
Kurhessischen Landwehrregiment solange zur exe 
cution eingelegt, bis jene Reste gänzlich abgeführt 
sein werden. Jeder sxeeutant bekommt täglich 
außer der Verköstigung 10 Alb. 5 Hlr." Unter 
diesen Umständen konnte es nicht ausbleiben, daß 
die Schulden der Gemeinde während der Freiheits 
kriege noch um mehrere 100 Taler zunahmen. Doch, 
was schadete es? All' diese Aufwendungen wurden 
ja.nicht mehr für einen fremden Eroberer gemacht, 
sondern sie waren Opfer für das Vaterland und 
ein geringer Preis für die hohen Güter der Frei 
heit und der nationalen Ehre. 
Damit nehmen wir Abschied von unseren Akten, 
den Rechnungen und Belegen der politischen Ge 
meinde Ottrau aus den Jahren von 1806 bis 1817. 
Ob sie es verdienten, hier behandelt zu werden, 
das muß ich dem Urteil der Leser anheimstellen. 
Sollte dies Urteil bejahend ausfallen (und ich 
hoffe es), so wäre damit zugleich erwiesen, daß es 
eine lohnende Aufgabe für die zuständigen Be 
hörden ist, für die Sammlung und die sorgfältige 
Aufbewahrung solcher dörflichen Urkunden Sorge 
zu tragen. Und sollte es diesem Aufsätze beschieden 
sein, wenigstens hier und da die Aufmerksamkeit 
auf die alten Dorfrechnungen zu lenken und den 
Eifer für ihre Erhaltung zu wecken, so sollte dieser 
praktische Erfolg der beste Lohn für unsere be 
scheidenen Bemühungen sein. 
vom Hessen-Nasfauischen Wörterbuch. 
Über den Fortgang der Arbeiten am „Hessen- ! wissenschaftlichen Unternehmungen der Kgl. Preuß. 
Nassauischen Wörterbuch" berichtet Prof. Ferd. Akademie der Wissenschaften 
W r e d e - Marburg in den Berichten über die | „Seit dem vorjährigen Bericht hat sich der^
	        

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