Full text: Hessenland (28.1914)

liehen; bis dahin führte es den Kurhut, der sich 
auch in der Spitze der im Jahre 1814 geweihten 
Standarte befindet. Ein Irrtum ist also hiernach 
aus heraldischen Gründen vollständig ausgeschlos 
sen. Es tut mir leid, diese Tradition, nach der die 
alte, im Jahre 1866 abgelieferte Standarte die 
Feldzüge der Jahre 1809 und 1814 schon mit 
gemacht haben sollte, zerstören zu müssen. 
Geweiht wurden im ganzen damals folgende 
neuen Feldzeichen 
1 Fahne für das Regiment Garde geführt bis zum 
Jahre 1856 vom zweiten Bataillon des Leib-Garde 
regiments von karmoisinroter Seide. 2 Fahnen für 
das Garde-Grenadierregiment, eine von weißer, eine 
von karmoisinroter Seide, geführt von diesem Regi 
ment bis zu seiner Auslösung im Jahre 1821. Diese 
wurden damals in das Zeughaus zu Kassel abgeliefert 
und 1856 dem Leib-Garderegiment für seine inzwischen 
schlecht gewordenen und abgenutzten Fahnen verliehen. 
Diese Fahnen trug bis zum Ende im Jahre 1866 das 
Leib-Garderegiment (jetzt Kurhessisches Füsilierregiment 
Nr. 8(1), das erste Bataillon die weiße, das zweite die 
rote Fahne. 2 Fahnen für das Regiment „Kurprinz", 
hierbei die eingangs erwähnte Leibfahne der Kurvrin- 
zessin, diese für das erste, eine andere ohne Sinnbild 
für das zweite Bataillon. Beide sind von karmoisinroter 
Seide. Es sind dieselben Fahnen, die 1866 noch das 
2 . Kurhessischc Infanterieregiment Landgraf Wilhelm von 
Hessen (jetzt 2. Kurhessisches Infanterieregiment Nr 82 
Landgraf Wilhelm von Hessen^ führte. Die Fahne des 
zweiten Bataillons war die letzte hessische, die seiner 
Zeit bei den Düppler Schanzen zum letzten Male für das 
Gefecht enthüllt und hier gegen die Dänen geführt 
wurde. 2 Fahnen für das Regiment „Landgraf Karl", 
getragen bis zuletzt im Jahre 1866 vom 3. Kurhessi 
schen Jnfantrieregiment Prinz Friedrich Wilhelm von 
Hessen (jetzt 3. Kurhessisches Infanterieregiment Nr. 83s. 
Beide von karmoisinroter Seide. 2 Fahnen für das 
Regiment „Prinz Solms" Dieses Regiment wurde 1821 
aufgelöst und die Fahne dem Zeughaus zu Kassel zu 
gewiesen. Ebenfalls von karmoisinroter Seide. 8 Fahnen 
für die Landwehrbataillone. Diese sind sofort an dem 
Landwehrkreuz mitten auf der Fahne zu erkennen. Nach 
Beendigung der Freiheitskriege im Zeughaus aufbewahrt, 
sämtlich von karmoisinroter Seide. 1 Standarde, ge 
widmet von der Kurfürstin Karoline von Hessen dem 
Leib-Dragonerregiment und von diesem in den Frei 
heitskriegen geführt. Bei der Umbildung der Armee 
im Jahre 1821 wurde das Regiment das 2. Husaren 
regiment. Da nach dem damals gültigen Reglement den 
Husarenregimentern keine Standarten zustanden, mußte 
diese auf besonderen Befehl Kurfürst Wilhelms II. in das 
Zeughaus abgeliefert werden. Bon hier kam sie 1831 
in das Residenzpalais und 1884, wie schon oben ge 
schildert, in das hiesige Museum. Das Standartentuch 
war von weißer Seide. 
Alle vorgenannten Feldzeichen befinden sich heute 
auf dem Ehrensaale im neuen Landesmuseum. 
Mögen sie noch spätere Geschlechter oft und ein 
dringlich mahnen an jene große Zeit einmütiger 
Erhebung Deutschlands zur Abwertung des frem- 
den Joches! 
Fremdherrschaft und Freiheitskriege in Gttrau. 
Nach Gemeinderechnungen beschrieben von Wilhelm Wagner. 
(Schluß.) 
Und nun noch eine Frage! Was erfahren wir 
aus unseren Rechnungen und Belegen über die 
Zeit der Freiheitskriege? Die Natur unserer 
Quellen bringt es mit sich, daß wir aus ihnen von 
der heiligen Begeisterung, die damals unser Volk 
erfüllte, nur wenig gewahr werden. Das einzige 
schwache Anzeichen davon haben wir auf einem 
Beleg vom 9. April 1814. Danach hat die Ge 
meinekasse 3 Tlr. 10 Alb. 8 Hlr. hergegeben „zu 
einer Tafel in die Kirche auf höchsten Befehl" 
Gemeint ist die noch vorhandene schmucklose Krieger- 
Gedenktafel mit der Aufschrift „Zur Ehre den 
Vertheidigern unsers Vaterlandes 1814—1815" 
und mit 19 aufgeklebten Papierstreifen, auf deren 
jedem der Name eines Veteranen mit Tinte ge 
schrieben steht. Man hatte es also mit der Ehrung 
der Freiheitskämpfer recht eilig, indem man sie 
nach unserm Beleg schon vor Ende des Feldzuges 
vornahm. Die jedenfalls später hinzugefügte Auf 
schrift beweist nichts dagegen; dafür aber spricht, 
was Hütteroth in seiner tüchtigen Chronik von 
Holzhausen (S. 90) bemerkte Während die Frei 
heitskämpfer noch im Felde gegen Frankreich 
standen, wurden schon im März 1814 ihre Namen 
auf einer in der Kirche hängenden Gedenktafel 
der Nachwelt überliefert. 
Viel mehr als von der Begeisterung jenes Völ 
kerfrühlings erfahren wir aus unseren Papieren 
von den Unbilden, die auch die Freiheitskriege 
mit sich brachten, und von den schweren Opfern, 
die sie abermals dem hessischen Volke und auch 
der Gemeinde Ottrau auferlegten. In unseren 
Belegen wimmelt es nur so von durchmarschixren- 
den Truppen und Einquartierungen, von Kriegs 
fuhren und Kriegslieferungen. Im Spätjahr 1813 
hatte Ottrau bald russische, bald preußische Ein 
quartierung, vom Mai bis zum Juli 1815 kamen 
wieder Preußen ins Quartier. Es waren die 
Truppen von Verbündeten, aber sie traten zu 
weilen wie feindliche Eroberer auf. Besonders 
gewalttätig zeigten sich die Russen. Sie nahmen 
am 1. November 1813 einem Pächter mehrere 
Pferde mit. Die Gemeinde mußte Schadenersatz 
dafür leisten und zu dem Ende 100 T.lr. borgen, 
die sie erst 1833 abbezahlen konnte. Auch sonst 
scheinen sie Anforderungen an die Gemeinde ge 
stellt zu haben. Wenigstens lesen wir in der 
Rechnung 1813: dem N. N. eine Karoline, welche
	        

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